Kaum einer will in Duisburg noch Lehrer werden

Stefan Endell
Duisburg ist nicht gerade ein Sehnsuchtsort für Lehrer, die frisch von der Uni kommen. Lehrerin Silan Alagöz an der Grundschule in Neuenkamp ist aber sehr gerne hier.
Duisburg ist nicht gerade ein Sehnsuchtsort für Lehrer, die frisch von der Uni kommen. Lehrerin Silan Alagöz an der Grundschule in Neuenkamp ist aber sehr gerne hier.
Foto: Funke Foto Services
Schwierige Schüler, zu viele Problemfälle in einer einzigen Klasse, viel zu alte Schulgebäude und dann noch schwach bezahlt: Kaum einer will in Duisburg noch Lehrer in einer Grundschule werden.

Duisburg. Immer wenn Sylvia Löhrmann, die Schulministerin von Nordrhein-Westfalen, zu Beginn eines neuen Schuljahres vor die Presse tritt und selbstbewusst verkündet, dass wieder 90 bis 100 Prozent der Lehrerstellen im Lande besetzt seien, verfinstert sich in Duisburg die Stirn von Norbert Müller. Denn der Vorsitzende der Lehrergewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) weiß genau, dass diese Aussage für die Stadt Duisburg einfach so nicht stimmt.

Denn Duisburg hat auch in seinen Schulen - und besonders in den Primarschulen - enorme Probleme: Hoher Migrantenanteil, massive soziale Schwäche vieler Kinder, ungelöste Inklusion, schlechte Ausstattung an Material und Räumen. Und kaum einer, der in diesem schwierigen Umfeld noch Lehrer werden will.

90 Lehrstellen unbesetzt

Für den akuten Problembereich „Grundschule“ hat gestern der GEW-Vorsitzende Müller zusammen Rüdiger Wüllner, dem Vorsitzenden des Personalrates Grundschule, vor der Presse alarmierende Zahlen vorgelegt: Demnach werden zum kommenden Schuljahr 200 Grundschullehrer in den Ruhestand treten; aber nur 150 Stellen wurden neu ausgeschrieben. Und auf diese Stellen haben sich nur ca. 60 Bewerber gemeldet.

Sprich: Zirka 90 Lehrerstellen an Duisburger Grundschulen würden im kommenden Schuljahr unbesetzt bleiben. Doch, so der Gewerkschafter, der Mangel verschärfe sich noch für die I-Dötzchen und ihre Grundschul-Geschwister: Für schulpflichtige Flüchtlingskinder und Schüler mit Behinderung (Inklusion) bräuchte man mehr und nicht weniger Personal - und so gebe es an sozialen Brennpunkten der Stadt „Problem-Grundschulen“, wo sich diese fatale Konfliktlage verdoppele oder verdreifache.

Konsequenz: Unterrichtsausfall

Die Forderung der Lehrergewerkschaft GEW: Das Land müsse endlich wieder beim Einstellungsverfahren „steuernd eingreifen“. Personal verteilen übers Land nach sozialen Kriterien. Schluss mit der Rosinenpickerei. Müller: „Denn Duisburg ist nicht gerade ein Wunschstandort für Lehrer, die frisch von der Uni kommen. Die wollen am liebsten dort bleiben, wo sie studiert haben. Und im fernen Duisburg, da gibt’s nur schwierige Kinder, alte Schulen und Gebühren für Lehrerparkplätze.“ Wer hätte da Lust auf Duisburg?

Durchschnittlich fehlen an jeder einzelnen der demnächst nur noch 75 Grundschulen der Stadt nach Rechnung der GEW zwei bis drei Lehrkräfte. Von den fünf nicht besetzten Rektorenstellen und 15 unbesetzten Konrektoren sei hier noch gar nicht die Rede. Von den fehlenden Sprachförderkräften (neun Stellen unbesetzt), den offenen Sonderpädagogikstellen (sechs unbesetzt), der schwachen Vertretungsreserve und den ungeklärten Vertretungsstellen ebenfalls noch keine Rede.

So könne es sein, dass NRW-Schulministerin Löhrmann zwar stolz auf ihr weites Land blicke und 90% besetzte Stellen vermelde, dass aber in Duisburg in der Fläche der Stadt „krasser Lehrermangel“ herrsche. Besondern bei den Kleinen, der Grundschule. Die Konsequenz: Noch mehr Unterrichtsausfall, und größere Klassen.