Junger Syrer zieht von Turnhalle in Bildungs-WG

Ahmad aus Syrien startet in einen neuen Lebensabschnitt.
Ahmad aus Syrien startet in einen neuen Lebensabschnitt.
Foto: Funke Foto Services
Der junge Syrer Ahmad tritt bald einen Bundesfreiwilligendienst an und arbeitet dann als Pate für den Marxloher Verein „Tausche Bildung für Wohnen“.

Duisburg.. Bald ist es ein Jahr her, dass sich Ahmad auf den Weg über die Balkanroute von Istanbul nach Deutschland machte. Jetzt sitzt der junge Syrer im Büro des Vereins „Tausche Bildung für Wohnen“ und führt das Gespräch mit uns auf Deutsch. Als „Bufdi“, Absolvent des Bundesfreiwilligendienstes, wird er bald Kinder von Geflüchteten und Zuwandern in Marxloh unterstützen und dort auch in einer Wohngemeinschaft mit den anderen Paten des Vereins leben.

„Für uns ist er wie ein Lottogewinn“, sagt René Krüger vom Vereinsvorstand. Für Ahmad, der bisher in einer Sammelunterkunft im baden-württembergischen Ludwigsburg lebte, ist es ein Glücksfall. Der erste Schritt zum Aufbau eines neuen Lebens in Deutschland.

Der Nachname des 26-Jährigen soll besser nicht in die Zeitung – wegen der Angehörigen, die noch in Syrien leben. Aus Daraa, der Metropole im Süden des Landes, wo der Aufstand gegen das Assad-Regime vor fünf Jahren begann, stammt Ahmad. Physiotherapie hat er studiert, war jung verheiratet und hat in der schwer umkämpften und zerstörten Millionenstadt lange ausgeharrt.

Am 1. Januar 2015 entschloss sich die Familie zur Flucht. „Ich konnte entweder fliehen oder kämpfen“, sagt Ahmad. Eltern und zwei Schwestern brachten sich in Damaskus in Sicherheit. Seine Frau Nour, die an MS erkrankt ist, blieb bei ihrer Familie im Norden des Landes. Eine weitere Schwester, deren Mann und ihre zwei Kinder flüchteten mit Ahmad in die Türkei.

Acht Monate harrten sie in Istanbul aus – überlebten mit Arbeit, die Ahmad als Physiotherapeut fand. „Ich musste 16 bis 18 Stunden am Tag arbeiten. Sie wussten, dass die Syrer darauf angewiesen sind“, sagt er. Im September reisten sie wie viele andere: mit dem Boot nach Griechenland, dann auf der Balkan-Route nach Deutschland. Nach der Registrierung in Münster wurde Ahmad nach Ludwigsburg zugewiesen, die Schwester mit ihrer Familie hierhin nach Wanheim.

Bei einem Besuch in Duisburg traf Ahmad auf Udo Hase vom Flüchtlingsrat – der wiederum den Kontakt zum Marxloher Verein herstellte. Der war auf der Suche nach einem Paten, der bestenfalls neben Deutsch auch Arabisch, Türkisch und Englisch beherrscht. Gleichzeitig wurde der Bundesfreiwilligendienst für anerkannte Flüchtlinge geöffnet – noch so ein Glücksfall für Ahmad. Mit Hilfe der Organisation Pro Asyl kam das Engagement zustande. „Es war viel Bürokratie, aber jetzt habe ich alle Papiere“, sagt der 26-Jährige.

Wie hat er so schnell Deutsch gelernt? „Per Handy, über Sprach-Apps“, sagt Ahmad und lacht. „Sogar ein 400 Seiten dickes Buch habe ich gelesen, ohne es zu verstehen. Ich wollte einfach raus aus dieser Turnhalle“. Als „Bufdi“ wird er die Kinder unterstützen, damit auch sie möglichst schnell die Sprache lernen, den Anschluss schaffen. Für ihn selbst soll das Jahr ein Sprungbrett sein für den Aufbau einer Existenz in Duisburg. In seinem Beruf würde er danach gern arbeiten, ein Praktikum in einer physiotherapeutischen Praxis ist schon vereinbart.

Er richte sein Leben auf einen Neuaufbau aus, sagt Ahmad. Eine Rückkehr sei zurzeit keine Perspektive, Hoffnung auf schnellen Frieden in Syrien hat der 26-Jährige kaum. „Zu viele Kriegspartien, zu viele Interessen. Vielleicht müssen sich erst alle gegenseitig erschießen, bevor es Frieden gibt.“ Dass Nour, seine Frau, bald auch kommen kann, darum wird er sich deshalb bemühen – um gemeinsam mit ihr in ein Leben ohne Krieg zu starten. „Ich danke allen, die mir dazu die Chance geben“, sagt Ahmad.

EURE FAVORITEN