Jedem Kind eine Chance geben

Christoph Dehn, Vorstandsmitglied der Kindernothilfe, fühlt sich bei der Hilfsorganisation willkommen. Foto: Hayrettin Özcan / WAZ FotoPool
Christoph Dehn, Vorstandsmitglied der Kindernothilfe, fühlt sich bei der Hilfsorganisation willkommen. Foto: Hayrettin Özcan / WAZ FotoPool
Foto: WAZ FotoPool
Christoph Dehn arbeitete viele Jahre für den Entwicklungsdienst in Asien. Seit März ist er im Vorstand der Kindernothilfe tätig.

Duisburg. Er schlief in Slums, unterstützte Menschen bei ihrem Kampf ums Überleben, organisierte und koordinierte Hilfsprojekte in Asien, half sogar, einen gesuchten Pädophilen an die deutsche Justiz zu überführen. Christoph Dehn hat bei seinem jahrzehntelangen Einsatz für die Entwicklungshilfe viel erlebt, viel Armut gesehen. Und Elend? „Nein“, sagt der 59-Jährige, „Elend ist mir eigentlich kaum begegnet.“

Im Büro der Kindernothilfe in Buchholz sitzt er vor einer großen Weltkarte. Dehn wirkt entspannt. Er ist angekommen: wieder in Deutschland, in Duisburg und bei seiner neuen Aufgabe. Seit dem 1. März gehört der evangelische Theologe und Diplomagraringenieur zum Vorstand des christlichen Kinderhilfswerkes. Hier verantwortet er die Programmarbeit und die rund 1000 Projekte der Kindernothilfe in 29 Ländern der Welt.

„Ich fühle mich sehr willkommen“

„Ich bin erst so kurz hier, aber ich kann mich schon jetzt kaum noch an die Zeit vor der Kindernothilfe erinnern“, sagt Dehn und lächelt. „Die Menschen hier haben es mir leicht gemacht. Ich fühle mich sehr willkommen.“ Sicher ist er das auch, denn der Mann ist ein Profi auf dem Gebiet der Entwicklungsarbeit: viele Jahre arbeitete Dehn für den kirchlichen Entwicklungsdienst „Dienste in Übersee“. Später war er Vorstandsmitglied des Evangelischen Entwicklungsdienstes, der Hilfsprojekte und -programme in Afrika, Asien, Lateinamerika, Ozeanien, Südosteuropa und im Kaukasus fördert. 2002 trat er in den staatlichen Dienst, arbeitete als Landesdirektor für die Philippinen und Vietnam beim Deutschen Entwicklungsdienst (DED).

Seine Wege führten ihn über die Eifel und das Rheinland, wo er aufwuchs, nach Wuppertal und Göttingen, wo er studierte, bis in die ärmsten Regionen Asiens, wo er viele Jahre mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen lebte. Und arbeitete. Für und mit Menschen, „die mir offen und auf Augenhöhe begegneten“, sagt Dehn. Trotz Armut. „Sie waren keine Opfer. Sie haben ein selbstbestimmtes Leben geführt und versucht, in ihrer Situation nicht unterzugehen, sondern etwas zu tun.“ Elend sieht der neue Mann der Kindernothilfe nur dort, wo Menschen keine Ressourcen haben und nicht mehr wollen, wo Verzweiflung statt Hoffnung herrscht.

Und dort, wo Kinder in ausweglose Situationen geraten. „Ich habe Kinder gesehen, die vor Hunger geheult haben. Kinder, die mit ihren Müttern im Gefängnis lebten, weil die Frauen dort für den Maisanbau auf einer Großgrundbesitzer-Fläche bestraft wurden. Kinder, die von ihren eigenen Eltern verkauft wurden. Diese Kinder haben keine Chance, ihre Fähigkeiten zu entwickeln. Das finde ich erschütternd. “

Christoph Dehns Weg in die Entwicklungsarbeit zeichnete sich früh ab. Ein Film über Kinder in Afrika gab den Ausschlag. „Danach lag ich in meinem Bett und habe mich gefragt, wie es kommt, dass ich kein afrikanisches Kind bin, was mich mit diesen Kindern verbindet und wie alle zu den Menschen wurden, die ich auch hätte sein können.“

Es zog ihn in die Welt. Nach dem Theologiestudium und seinem Vikariat, absolvierte er ein landwirtschaftliches Praktikum in Tansania. Das Agrarstudium folgte, dann die Arbeit in der Entwicklungshilfe in Asien.

Nach langjähriger Tätigkeit für den DED bewarb sich Christoph Dehn dann bewusst auf die Vorstandsposition bei der Kindernothilfe. „Mir stand der Sinn nach einer wertegeleiteten Organisation mit Konstanz.“ Werte, das sind für ihn der Respekt vor der Würde aller Menschen und der Anspruch, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen. Bei der Kindernothilfe in Duisburg fühlt er sich gut aufgehoben. „Hier werden Kinder als Menschen mit einem Anspruch auf Schutz und Beteiligung gesehen“, so Dehn. „Die Mitarbeiter hier sehen sich nicht als Geldgeber für die ärmsten Regionen der Welt, sondern als Instrument für die Spender, die die Kinder dort bei deren Arbeit, sich aus der Armut zu befreien, unterstützen.“ Ein Ansatz, den Christoph Dehn bei seiner Arbeit für den staatlichen Entwicklungsdienst manchmal vermisste. „Die Arbeit wurde stark von der Politik und ihren wechselnden Positionen gesteuert. Und das hat mich manchmal schon sauer gemacht und geärgert, wenn gute und erfolgreiche Programme nach kurzer Zeit wieder eingestellt wurden.“ Auch der Umgang mit Geld stieß Christoph Dehn beim DED zuweilen auf: „Da wurden Workshops zur Armut in Fünf-Sterne-Hotels abgehalten. Ich finde diese Hotels auch toll, aber wie kann man da sinnvoll über Armutsbekämpfung sprechen?“

Das neue Vorstandsmitglied der Kindernothilfe hat sehr klare Vorstellungen von sinnvoller Entwicklungsarbeit und erste Ziele für sich abgesteckt: Zunächst will er die Organisation und die Menschen dort gut kennenlernen, aber auch „Planungen und Vorhaben könnten leicht verbessert werden“, so Dehn. Er wünscht sich eine noch stärkere Orientierung an der UN-Kinderrechtcharta und eine noch stärkere Beteiligung der Kinder an der Programm- und Projektarbeit. Für die Kinder wünscht sich Christoph Dehn besonders Eines: „Dass sie ihre Talente entdecken und entwickeln können. Denn ich habe erlebt, dass in jedem Menschen, egal ob groß oder klein, tolle Fähigkeiten stecken, die oft gar nicht zum Vorschein kommen.“