In Duisburg fehlen 300 Pflegefamilien

Stefan Endell

In Duisburg gibt es zu wenig Familien, die bereit wären, spontan in Notlagen Pflegekinder aufzunehmen. Nach Einschätzung von Holger Pethke, dem neuen Jugendamtsleiter der Stadt Duisburg, fehlen derzeit rund 300 Pflegefamilien in der Stadt.

Zum Vergleich: Zur Zeit verfügt die Jugendverwaltung nur über 235 Pflegefamilien, die sich aktuell um 296 Kinder kümmern (2012: 252 Familien und 325 Kinder). Ein Pflegekind ist ein Kind, das vorübergehend oder dauerhaft nicht bei den Herkunftseltern, sondern in einer anderen Familie (Pflegefamilie) lebt und betreut wird.

Gut 300 Pflegekinder befinden sich aber derzeit weder in Familien noch in Kinderheimen, sondern, so Pethke, „auf halbem Wege dazwischen, in SOS-Kinderdörfern oder vergleichbaren Einrichtungen mit fester Gruppenstruktur.“ Diese Kinder wären in Pflegefamilien aber wohl besser aufgehoben.

Ein besonderes Problem in der Stahlstadt mit hohem Migrantenanteil verstärkt noch diese Mangelsituation: Etwa 75 Prozent aller Pflegekinder in Duisburg hätten ausländische Wurzeln, aber nur etwa zehn Prozent aller Pflegeeltern haben einen Migrationshintergrund.

Pethke: „Das ist aber kein spezielles Duisburger Problem, das Phänomen trifft man so in allen deutschen Städten an.“ Schon vor Jahren hat das Deutsche Institut für Jugendhilfe und Familienrecht warnend festgestellt, dass die Nachfrage von muslimischen Familien nach Pflegekindern gering sei. Somit entstünden Probleme, gerade muslimische Kinder in geeigneten Familien unterzubringen. Aus diesem Missstand heraus sind die Jugendämter mittlerweile deutschlandweit darum bemüht muslimische Pflegefamilien anzuwerben.

Bei dem Deutschland-Besuch des türkischen Vize-Premiers Bekir Bozdağ im vergangenen Jahr verlangte der Politiker vom deutschen Staat die Berücksichtigung der kulturellen und religiösen Herkunft der Kinder bei der Unterbringung in neuen Pflegefamilien. Es entstünden für solche Kinder sonst kulturelle Zwangslagen, Identitätsprobleme, die zu Psychosen führen könnten.

In Duisburg, so sagt Jugendamtsleiter Pethke, würden aber Pflegeeltern nicht nach ethnischer Herkunft, sondern vor allem nach ihrer Wertschätzung für Kinder in Not gesucht und ausgewählt. Etwa 40 bis 45 Kinder (im Alter von einem Lebenstag bis sechs Jahren) müssen in Duisburg pro Jahr in Pflegefamilien untergebracht werden. Etwa zehn dieser Kinder stammen aus Nachbarstädten, wie auch Pflegefamilien in Nachbarstädte regelmäßig Duisburger Kinder aufnehmen.

Über kirchliche Kontakte, Moscheen, Hebammen, Ärzte, Sportvereine könne man aber als Jugendverwaltung geeignete Familien gewinnen, die sich als „Pflegestelle“ zur Verfügung stellen würden.