Im Gesprächskreis trauern Hinterbliebene der Loveparade-Opfer gemeinsam

„Für die Angehörigen ist es jedes Mal ein Bedürfnis, ja fast schon ein Ritual, zur Rampe im Tunnel zu gehen", sagt Nofallseelsorgerin Jutta Unruh.
„Für die Angehörigen ist es jedes Mal ein Bedürfnis, ja fast schon ein Ritual, zur Rampe im Tunnel zu gehen", sagt Nofallseelsorgerin Jutta Unruh.
Foto: WAZ FotoPool

Duisburg. Nofallseelsorgerin Jutta Unruh rief nach dem Loveparade-Drama einen Gesprächskreis für Hinterbliebene der Opfer ins Leben. Gespräche sollen über Trauer und Einsamkeit hinweghelfen.

Das Weihnachtsfest naht. Es wird für 21 Familien das erste sein, das sie ohne einen geliebten Angehörigen verbringen müssen. Sie verloren ihr Kind, ihren Partner oder ihre Partnerin bei der Loveparade-Katastrophe im Juli.

„Es ist eine Lücke in diesen Familien entstanden. Und die Trauer ist nach wie vor sehr präsent“, sagt Jutta Unruh. Die Notfallseelsorgerin kümmert sich seit dem Unglückstag um diese Menschen, hat sie in einem Gesprächskreis zusammengeführt. Denn hier erfahren alle Betroffenen, dass sie mit ihrem Leid nicht allein sind.

„Menschen fühlen sich nach solchen Katastrophen oft einsam“, weiß Unruh aus Erfahrung. In den ersten Tagen nach dem Verlust eines nahen Angehörigen würden zwar viele ihr Beileidsbekunden aussprechen. Doch je mehr Zeit vergehe, desto mehr frühere Freunde und Bekannte würden plötzlich den Kontakt abbrechen – aus Angst, Scham oder aufgrund der Unsicherheit, dem anderen in Momenten tiefster Trauer nicht das Richtige sagen zu können.

Persönliche Begegnungen ermöglichen

Diese Sprachlosigkeit und Einsamkeit sollte möglichst gar nicht erst entstehen. Also verfolgte Jutta Unruh stellvertretend für die Notfallseelsorge der Evangelischen Kirche im Rheinland sehr schnell das Ziel, Kontakte zu knüpfen – um die Angehörigen miteinander zu vernetzen. Und um persönliche Begegnungen zu ermöglichen. Dafür wurde der Gesprächskreis gegründet.

Dreimal hat dieser seit dem Unglücktag im Juli bereits getagt. Immer hier in Duisburg. 50 bis 70 Betroffene nahmen jedes Mal teil. Von den 21 Familien waren Mitglieder aus 11 bis 15 anwesend. Und fast alle ließen jedes Mal einen Besuch am Unglücksort an der Karl-Lehr-Straße folgen.

„Für die Angehörigen ist es jedes Mal ein Bedürfnis, ja fast schon ein Ritual, zur Rampe im Tunnel zu gehen. Manche wollen allein dorthin, andere lieber in unserer Begleitung“, erzählt Unruh. Das Verlangen, den Unglücksort immer wieder aufzusuchen, sei ein typisches Verhalten für Hinterbliebene. Hingegen würden Besucher, die seelische oder körperliche Verletzungen erlitten, komplett entgegengesetzt reagieren: Sie müssten stets weg vom Unglücksort, hätten große Probleme, diesen wiederzusehen.

"Hier fühlt sich jeder sicher"

Bei den Treffen der Angehörigen habe bislang stets eine angenehme Atmosphäre geherrscht. „Wir wollten der Trauer hier einen angemessenen Raum geben, einen geschlossenen und geschützten Raum. Hier fühlt sich jeder sicher“, beschreibt Unruh das Konzept des Kreises. Beim letzten Mal hatte sie besondere Gesprächspartner eingeladen: Menschen, die einen Angehörigen beim Tsunami am 2. Weihnachtstag 2004 im Indischen Ozean verloren hatten. „Sie haben erzählt, wie sie mit dem Verlust zurechtgekommen sind. Und es hat sich schnell gezeigt, dass beide Gruppen sofort eine gleiche Sprache gefunden hatten. Die Worte von jemandem, der weiß, was es heißt, einen Angehörigen zu verlieren, haben eine andere Kraft.“

Nach-Vorne-Schauen ist wichtig

Vielleicht nennt Jutta Unruh diese Gruppe auch deshalb „Schicksalsgemeinschaft“.

Jetzt zu Weihnachten nahe eine besonders schwierige Zeit für die Hinterbliebenen, weiß die Religionspädagogin. Gerade deshalb hat sie bei der jüngsten Zusammenkunft der Gruppe vermitteln wollen, dass es Rituale gibt, um dem Schmerz etwas zu entgegnen. „Die Angehörigen sollen einen Zweig als Stück von Zuhause aufs Grab tragen – als ein Zeichen der Hoffnung.“ Und als Symbol, das trotz aller Trauer das Nach-Vorne-Schauen elementar wichtig ist.