„Ich brauche meine Zeitung“

Thomas Richter
Leserin Eva Kraska hat noch ein Originalexemplat der WAZ-Erstausgabe vom 3. April 1948 daheim in Duisburg-Neumühl.
Leserin Eva Kraska hat noch ein Originalexemplat der WAZ-Erstausgabe vom 3. April 1948 daheim in Duisburg-Neumühl.
Foto: Lars Fröhlich / WAZ FotoPool

Duisburg.  Auf dem Wohnzimmertisch von Eva Kraska liegt eine Original-Ausgabe der WAZ vom 3. April 1948. „Die haben wir ganz bewusst aufgehoben“, erzählt die 85-jährige Neumühlerin. Pünktlich zum heutigen Geburtstag „ihrer“ Tageszeitung hat sie das Erstexemplar noch einmal aus dem Dunkel des Kleiderschranks zurück ans Tageslicht geholt. Und die aus nur vier Seiten bestehende, allererste WAZ ist noch derart gut erhalten, als sei sie erst gestern gedruckt worden – und nicht bereits vor 65 Jahren.

„Nerven in Helmstedt gespannt“ lautet eine der Schlagzeilen auf der Premieren-Titelseite der WAZ. Diese Geschichte über die sich zuspitzende Lage an der Zonengrenze war es, die Eva Kraska so sehr bewegte. „Weil dieser Artikel ein Ereignis beschrieben hat, das meine eigene Familie kurz zuvor noch selbst miterleben musste.“

Und wie kam die Ausgabe Nummer eins von Erscheinungs-Jahrgang eins nun in ihren Besitz? An besagtem 3. April 1948 war Eva Kraska als 20-Jährige mit ihrer jüngeren Schwester Karin an der Hand auf der Lehrerstraße in Neumühl unterwegs, als sie im Fenster eines Ladens die Werbung für die neue Zeitung entdeckte. Sie kaufte eine WAZ. Für 20 Reichspfennig.

Erster Preis: 20 Reichspfennig

„Im Zweiten Weltkrieg habe ich es miterlebt, wie Zeitungen und Bücher nur heimlich unter der Theke weitergereicht wurden, weil damals fast alles verboten war. Nun lagen Zeitungen endlich wieder offen zum Verkauf aus.“ Das sei in den Nachkriegs-Jahren nicht nur ein Stück weit die Rückkehr zur Normalität gewesen, sondern vermittelte vor allem ein Gefühl von medialer Nutzungsfreiheit. „Junge Leute wissen heute gar nicht mehr, dass das nicht immer eine Selbstverständlichkeit war.“

Von diesem Tag an war die WAZ ein ständiger Begleiter der Familie. Eva Kraska und ihr im Jahr 2009 verstorbener Ehemann Bruno saßen jeden Morgen am Frühstückstisch. „Mein Mann mit den Sportseiten, ich mit dem Lokal- und dem Kulturteil. Wir nannten das unsere Konferenz, weil wir uns gegenseitig etwas vorgelesen und dann darüber diskutiert haben.“

Das Lesen war für die Seniorin schon im Kindesalter liebste Beschäftigung (Kraska: „Ein gelesenes Wort behält man besser als ein gehörtes.“) Und diese Begeisterung hat sie weitergegeben – an ihre zwei Kinder, vier Enkelkinder „und hoffentlich auch an meine bislang drei Urenkel“. Der Zusammenhalt in der Familie und die Bewahrung der Harmonie war für die Kraskas immer wichtigste Lebensaufgabe. Das Haus auf der Wolframstraße in unmittelbarer Nähe zur Stadtgrenze nach Oberhausen-Buschhausen bezeichnet die Familie, die in allen Teilen der Welt verstreut lebt, noch heute als „Heimathafen“. Einen Hafen, in den sie alle gern und regelmäßig zurückkehren. Und dort auf dem Wohnzimmertisch immer eine WAZ vorfinden.

Frühstück schmeckt nur mit WAZ

Das wird sich auch künftig nicht mehr ändern. Obwohl es mit Blick auf ihre schmale Witwenrente und die steigenden Bezugspreise inzwischen ein Luxus für sie sei, sich die WAZ zu leisten. „Ich brauche meine Zeitung aber. Da schmeckt mir schon mein Frühstück nicht, wenn wie jetzt über Ostern an einigen Tagen keine Zeitung kommt.“

Zudem sei das „eben nicht nur bedrucktes Papier mit ausgewählten Nachrichten und Informationen, sondern für mich viel mehr ein echtes Stück Lebensqualität“. Und das Wichtigste: Die WAZ ist für sie eine Erinnerung zum Anfassen an besagte Debatten mit ihrem verstorbenen Ehemann. Das macht die Zeitung unverzichtbar, dafür könne es keinen Ersatz geben. „Und außerdem würde mir etwas fehlen, das jetzt 65 Jahre zu meinem Leben dazu gehört hat.“