"Hybrid" gibt’s nicht nur bei Autos

Die Bibliothek der Universität Duisburg-Essen ist weiterhin stark gefordert. Foto: Remo Bodo Tietz / WAZ FotoPool
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Duisburg. 1. Trotz Internet: Die Zahl der ausgeliehenen Bücher wächst. „Die Nachfrage nach Büchern ist ungebrochen groß“, sagt Albert Bilo, Leitender Direktor der Bibliothek der Uni Duisburg-Essen. Der aktuelle Bestand umfasst rund 2,6 Millionen Bücher, Zeitschriften und elektronische Dateien in sechs Fachbibliotheken.

Bilo ist von der Zukunft des Buches vollkommen überzeugt: „Die Wissenschaft braucht das Buch als Quelle. Dafür gibt es keinen Ersatz.“ Jährlich schaffe die Unibibliothek rund 50.000 neue Bücher an. Dabei hört die Bibliothek übrigens auch auf Studenten: Sie werden permanent dazu aufgefordert, Tipps zur Anschaffung abzugeben. Auch als Lernort gewinnt die Bibliothek wachsende Bedeutung: Insgesamt gibt es 2000 Arbeitsplätze. Die Zahl der Besucher der sechs Fachbibliotheken beläuft sich auf 10.000 Personen täglich.

2. Studenten reichen rund 2000 Kauf-Empfehlungen pro Jahr ein. „Davon wird rund 50 bis 75 Prozent umgesetzt“, berichtet Albert Bilo. Was sind die Kriterien für die Anschaffung eines Buches? „Es muss mit den Anforderungen der Lehrstühle kompatibel sein. Entsprechende Fachreferenten der Bibliothek entscheiden das in Abstimmung mit den Dozenten“, erklärt Mitarbeiterin Insa Züchner. Grundsätzlich nicht angeschafft würden Examens-Arbeiten. „Wissenschaftliche Werke fangen für uns erst bei der Dissertation an“, sagt Albert Bilo. Und natürlich versuche man, den Kauf populärwissenschaftlicher Bücher zu vermeiden. Die Quote nicht ernst gemeinter Vorschläge der Studenten gehe übrigens gegen null: „Da will niemand seinen persönlichen Lieblingsroman bestellen“, sagt Bilo, der grundsätzlich den „konstruktiven Umgang“ der Studenten mit der Bibliothek lobt. „Die Vorschläge der Studenten sind für uns ein wichtiger Indikator, was der Markt will.“


3. Nicht die Bücher sind für die Bibliothek am teuersten.
Die Uni-Bibliothek verfügt derzeit etwa über ein jährliches Budget von rund 3,2 Millionen Euro. Hinzu kommen derzeit – noch – rund 1,2 Millionen Euro aus den Studiengebühren. Wie viel Geld die Bibliothek im kommenden Jahr erhält, ist unklar, auch wenn das Land entsprechende „Kompensationsmittel“ für die wegfallenden Studiengebühren angekündigt hat. „Von den Gebühren haben wir längere Öffnungszeiten möglich machen können – und natürlich mehr Literatur angeschafft“, sagt Bilo. Das wird auch kenntlich gemacht: Mit einem Stempel in jedem neu angeschafften Buch; „Erworben aus Ihren Studienbeiträgen“. Das Teuerste für eine Uni-Bibliothek sind aber nicht die neuen Bücher, sondern die wissenschaftlichen Fachzeitschriften. „Das Abo einer amerikanischen, naturwissenschaftlichen Fachzeitschrift kann gut und gerne mal 10 000 Dollar im Jahr kosten“, sagt Bilo. Dafür bekommt man dann maximal 24 schmale Heftchen pro Jahr, je nach Erscheinungsweise. Aber: „Die Zeitschriften sind unverzichtbar für die Forschung, und also auch für uns.“ Die teuerste Fachzeitschrift, die die Unibibliothek bezieht: „Journal of Organometallic Chemistry“, 24 Ausgaben jährlich, sie kostet 13 246 US-Dollar pro Jahr.


4. Das E-Book kommt nur langsam. An der Uni-Bibliothek gibt es derzeit knapp 27.000 E-Books. Trotzdem sei man noch weit davon entfernt, von einem „Durchbruch“ sprechen zu können, findet Bilo: „Viele nehmen doch noch lieber ein echtes Buch in die Hand. Die Arbeit mit einem E-Book ist nichts für jeden.“ Bilo ist entsprechend davon überzeugt, dass das E-Book das Buch aus Papier nie ganz ersetzen wird: „Kein Medium hat seinen Vorgänger zu hundert Prozent ersetzt.“

Bestes Beispiel: „Mein Sohn ist 27. Er wünscht sich jetzt zu Weihnachten Schallplatten aus Vinyl.“ Bilo erklärt: Die Bibliothek reagiere immer auf die gewünschten und nachgefragten Medienformen – die Realität sei derzeit „hybrid“, das heißt: Digitale und gedruckte Medien bestehen nebeneinander.


5. Digitalisierung ist ein altes Phänomen. 1985, erinnert sich Bilo, wurde erstmals angefangen, Bestände von Microfiche auf CD-Roms zu überspielen. (Für Leser unter 35: „Microfiche“ sind belichtete Filmplatten mit Kleinst-Schrift, die in klobigen Geräten gelesen werden können.) Niemand weiß heute, wie digitale Daten noch hundert Jahre später gelesen werden können: „Wenn sich ein Betriebssystem ändert, müssen alle Datenträger ausgetauscht werden, um noch gelesen werden zu können.“ Entsprechend habe sich im Bibliothekswesen die „Migrationsstrategie“ durchgesetzt: Bestände, die als unbedingt erhaltenswert gelten, werden stets auf die neueste Generation von Datenträgern umkopiert. Das geschieht aber nicht an der Unibibliothek, sondern den großen Staatsbibliotheken und Digitalisierungszentren. „Wir sind“, fasst Bilo zusammen, „einen extrem dynamischen Wandel unterworfen.“

 
 

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