Hochhaus-Abriss in Duisburg kostet 21 Millionen Euro

Ingo Blazejewski und Daniel Cnotka
Die Ottostraße 24-30 mit ehemals 320 Wohnungen ist eine Ruine, sie steht seit Jahren leer, gilt als größter Taubenschlag Deutschlands. Die Eigentümerfirma gibt es nicht mehr.
Die Ottostraße 24-30 mit ehemals 320 Wohnungen ist eine Ruine, sie steht seit Jahren leer, gilt als größter Taubenschlag Deutschlands. Die Eigentümerfirma gibt es nicht mehr.
Foto: Ulla Michels / FUNKE Foto Services
Warum der Abriss der Weißen Riesen und der Quartier-Umbau in Hochheide schwierig wird und was Eigentümer im "Sanierungsgebiet" zu den Plänen sagen.

Duisburg. Der geplante Abriss der Weißen Riesen in Hochheide ist ein Mammut-Projekt, auch auf der politischen Ebene kommt jetzt Bewegung in die Sache: Der Rat soll das Quartier in Hochheide Anfang März zum Sanierungsgebiet erklären, damit die Stadt innerhalb dieser Grenzen den Ankauf und Abbruch von Gebäuden als „Ordnungsmaßnahme“ durchführen kann.

Die 7,2 Millionen Euro, die ihr aktuell zur Verfügung stehen, sind nach Recherchen der Redaktion nur der Anfang. Wie aus Dokumenten hervorgeht, mit denen sich die politischen Gremien ab der kommenden Woche beschäftigen, muss noch viel mehr Geld bewegt werden: Für den Umbau des Quartiers listet die Stadt bis 2018 Gesamtkosten von stolzen 21 Millionen Euro auf. Welche Begehrlichkeiten solche Summen wecken und warum die Probleme in Hochheide nicht nur über, sondern auch unter der Erde liegen.

Es ist ein weiter Weg bis zum Central Park. Nicht zum Original in New York, sondern zur kleinen Kopie in Hochheide. So haben Stadtplaner nämlich das genannt, was anstelle der Weißen Riesen entstehen soll: der „Hochheide Central Park“, die neue grüne Lunge eines Quartiers, dem die 1974 errichteten 20-Geschosser in den letzten Jahren mannigfaltige Probleme bereiteten.

Die Situation in den Hochhäusern aber ist völlig unterschiedlich: Einzelne sind saniert, manche fast voll vermietet, andere nur noch Ruinen. Das Vorhaben der Stadt, vier der sechs Riesen verschwinden zu lassen, sorgt nicht nur in Hochheide für Gesprächsstoff, vor allem Mieter und Eigentümer stehen vor vielen offenen Fragen. Während manch einer um seine Heimat bangt, rechnen andere nach, in wie weit sich ihr Eigentum versilbern lässt.

Ohne Zweifel: Mit der Umgestaltung des Hochhaus-Quartiers haben sich die Stadtplaner ein Mammutprojekt auf die Fahnen geschrieben, dessen Umsetzung äußerst schwierig ist. „Es ist ein sehr komplexes Thema, aber es gibt nur zwei Möglichkeiten. Entweder man lässt gleich die Finger davon, oder aber man packt es an. Wir haben uns für Letzteres entschieden“, sagte Planungsamtsleiter Hendrik Trappmann im NRZ-Gespräch. In dem Ziel sei man sich mit dem Land einig. Und so weit wie jetzt sei man noch nie gewesen.

Es droht ein Pokerspiel

Die für den Umbau eingeplanten Millionen an Steuergeldern wecken aber auch Begehrlichkeiten. Wie Kai aus der Kiste springt plötzlich wieder einer der altbekannten Akteure hervor: Wolfgang Fuhrmann, der die Ruine an der Ottostraße 24-30 vor über zehn Jahren gekauft haben und eine Generalvollmacht der Firma „Avidus Epsilon“ besitzen will. Die Firma aus Schweden gibt es längst nicht mehr, sie war zuletzt als Besitzer im Grundbuch eingetragen. „Wir wollen das Haus abreißen und an gleicher Stelle neu bauen, aber nur sechsgeschossig“, sagte Fuhrmann der NRZ. Der Stadt als Hauptgläubigerin habe er über Anwälte ein Angebot gemacht, doch die hätte nicht reagiert.

Die beiden leerstehenden Häuser sind für einen Abriss die erste Wahl, doch die Stadt muss sie erst einmal in ihren Besitz bringen. Denn: „Probleme gibt es nicht nur über, sondern auch unter der Erde“, sagt Bezirksbürgermeister Hans-Joachim Paschmann mit Blick auf die marode und gesperrte Tiefgarage. Gleich drei Häuser (in der Grafik die Nummer 1, 2 und 6) haben ein Anrecht auf die Stellplätze und sind zumindest unterirdisch besitzrechtlich miteinander verbunden. Auch diese Fäden muss die Stadt erst entwirren.

Einen Steinwurf weiter ragt der nächste Leerstand (Grafik: Nummer 5) in den Himmel empor, ein Abriss scheint weit entfernt. „Wir wollen weiterhin sanieren, an unseren Plänen hat sich nichts geändert“, sagt Marc Sommer, Chef-Planer des Eigentümers Altro Mondo aus Hannover. Seit fast einem Jahr würden sie von der Stadt hingehalten. „Wir verlieren jeden Tag Zeit“, sagt Sommer, den die NRZ auf einer Geschäftsreise in den USA erreicht. Sollte die Stadt den Riesen kaufen wollen, würde der Besitzer Altro Mondo marktübliche Preise aufrufen, etwa den 20-fachen Jahresmietpreis. Und dieser liege insgesamt deutlich über 20 Millionen Euro.

Bei dem Ankauf muss sich die Stadt wohl auf ein Pokerspiel einstellen, so schlecht sind ihre Karten aber nicht: Altro Mondo soll für den Kauf des Hauses vor einem Jahr gerade einmal eine Million Euro bezahlt haben.

Noch weitaus schwieriger dürfte es aber werden, wenn es um die bewohnten Häuser geht. Der „Rote Riese“ (Nummer 6) wurde erst vor drei Jahren für 12 Mio Euro saniert. Der Wegfall der Tiefgaragenplätze würde die Vermietung aber nicht behindern, sagt Maklerin Claudia Withake, die dort die Wohnungen vermittelt: „Ich habe eine Menge Anfragen und gut zu tun. Und wir haben viele ältere Mieter, die gar kein Auto haben.“ Ab 408 Euro ist dort eine 68qm große Zwei-Zimmer-Wohnung zu haben, die drei Zimmer-Variante mit 84qm ab 462 Euro, Concierge und Hausmeister-Service inklusive. Eigentümer ist die Firma Kapitalpartner, die das Geld für die Sanierung über einen Fonds eingesammelt hatte. Die Anleger dürfte der Quartier-Umbau nicht interessieren, sie wollen Rendite sehen.

Auch im 320-Parteien-Block in Front der Ladenstadt (Nummer 4) wehrt man sich gegen den Abriss. Beate Schwegmann wohnt seit 1988 dort, inzwischen besitzt sie 80 Wohnungen, macht die Vermietung für fast das gesamte Haus. Dass die Stadt es abreißen will, hält sie für absurd, die Ankündigung gar für geschäftsschädigend: „Die Mieter sind verunsichert, glauben, dass hier bald die Abrissbirne kommt. Ich sage ihnen dann, dass hier gar nix abgerissen wird.“ Außer der Nachbar-Ruine, dort hält sie den Abbruch für absolut notwendig: „Damit könnte die Stadt ein Zeichen setzen für alle hier im Quartier. Außerdem hätte ich dann aus der 20. Etage eine viel bessere Aussicht.“

Wohnungskauf für 10.000 Euro

In ihrem Haus aber müsse die Stadt jeden einzelnen Wohnungsbesitzer ausbezahlen. Legt man einen Marktwert von 350 Euro pro Quadratmeter zu Grunde, müsste die Stadt allein mir rund zwei Millionen Euro bezahlen. Dann wäre ich hier raus.“

Allerdings: Im Internet wird ein Paket von 92 Wohnungen aus dem Haus für 643.000 Euro angeboten. Einzelne unsanierte Wohnungen sind ab 10.000 Euro im Angebot, eine soll im März in Berlin versteigert werden. Mindestgebot: 500 Euro. Nicht ohne Grund: Wer sich die eingestellten Bilder ansieht, wird darauf hoffen, dass der „Hochheide Central Park“ so schnell wie möglich Wirklichkeit wird.