„Hier werden Fakten ausgeblendet“

Ende Januar hatten Stahlarbeiter in der Duisburger Innenstadt auf die Wichtigkeit der Stahlindustrie für die Stadt hingewiesen. Am Montag demonstrieren Stahlarbeiter und Arbeitgeber dann gegen die EU-Klimapläne.
Ende Januar hatten Stahlarbeiter in der Duisburger Innenstadt auf die Wichtigkeit der Stahlindustrie für die Stadt hingewiesen. Am Montag demonstrieren Stahlarbeiter und Arbeitgeber dann gegen die EU-Klimapläne.
Foto: Stephan Eickershoff / FUNKE Foto Services
Die andere Meinung: Warum Norbert Bömer Probleme sieht, wenn am Montag Stahlarbeiter und Arbeitgeber in Duisburg gegen EU-Klimapläne demonstrieren.

Duisburg.. Herr Bömer, Sie haben 40 Jahre in der Stahlindustrie gearbeitet, waren Betriebsratsvorsitzender und in der IG Metall aktiv. Wenn die Stahlarbeiter am Montag in Duisburg gegen die EU-Klimaschutzpläne auf die Straße gehen, haben sie dann Ihre ungeteilte Unterstützung?

Norbert Bömer: Nein. Als Gewerkschafter und Umweltschutzaktivist begrüße ich es zwar, wenn betroffene Arbeitnehmer und ihre Gewerkschaft aktiv werden, um ihre Arbeitsplätze zu verteidigen. Ich habe allerdings Zweifel, ob das Arm in Arm mit den Arbeitgebern funktionieren kann. Erst recht habe ich Bauchschmerzen, wenn es um den Schutz der Umwelt und des Klimas geht und Gewerkschafter zusammen mit den Arbeitgebern Front gegen den Emissionshandel machen.

Warum? Beide haben doch die gleichen Interessen...

Bömer: Es sind doch die Konzerne, die weltweit erbittert um die Märkte konkurrieren. Diesem Kampf fallen überall sehr viele Arbeitsplätze zum Opfer. Erst letzte Woche wurde bekannt, dass Thyssen-Krupp mit dem indischen Tata-Konzern über eine Fusion spricht. Das kostet bekanntlich immer viele Arbeitsplätze, erinnern Sie sich an den Krupp-Standort Rheinhausen.

Würden Sie widersprechen, dass hohe Energiekosten im internationalen Wettbewerb Nachteile bedeuten und damit letztlich Arbeitsplätze gefährden?

Bömer: Es ist ein Märchen, dass Deutschland beim Klimaschutz der Musterknabe ist. Spätestens seit Paris kann sich dem Klimaschutz keiner mehr entziehen. Andere Länder außerhalb Europas haben andere Instrumente zur Verringerung der CO2-Emissionen wie regionale Emissionshandelssysteme oder scharfe Grenzwerte. Auch China betreibt inzwischen CO2-Minderung, dort werden jetzt massenhaft Stahlwerke geschlossen. Wenn es um den Schutz des Klimas geht, muss jeder seine Hausaufgaben machen und nicht mit den Fingern auf andere zeigen. Das bedeutet: Auch die deutsche Stahlindustrie muss bis 2050 ihre Emissionen um rund 80 Prozent mindern.

Halten Sie den Emissionshandel für den geeigneten Weg?

Bömer: Der Emissionshandel ist bisher nicht zu teuer, sondern zu billig! Weil bis heute die Stahlindustrie großzügige Mengen an Zertifikaten umsonst bekommen hat, konnten Konzerne damit sogar Extraprofite erwirtschaften. Leider werden diese Fakten in der Argumentation der Stahlarbeitgeber und der IG Metall ausgeblendet.

Was halten Sie denn für die Lösung?

Bömer: Ich halte es für richtig, die Zahl der Zertifikate zu verringern, denn sonst kommt der Klimaschutz unter die Räder und der Druck auf die Konzerne fehlt, auf CO2-arme Technologien umzusteuern. Die modernen Anlagen in Deutschland und Europa sind dabei übrigens kein Nachteil, wie die Stahlunternehmen und die IG Metall suggerieren, sondern ein Wettbewerbsvorteil.

Wer in der Krise steckt, hat aber in der Regel wenig Spielraum für Investitionen...

Bömer: Auch wir als Klimaschützer wissen, dass in der heutigen Krisensituation weniger oder auch mal nichts verdient wird – aber man sollte sich daran erinnern, dass zum Beispiel Thyssen-Krupp nach der Jahrtausendwende märchenhaft verdiente und dann im Größenwahn über zwölf Milliarden im brasilianischem Sumpf versenkt hat, anstatt zumindest einen nennenswerten Teil davon in Forschung und Entwicklung von kohlenstoffarmen Technologien zu investieren.

Wie sieht also für Sie eine mit den Klimazielen verträgliche Stahlindustrie aus?

Bömer: Stahl ist auch meiner Meinung nach ein zukunftsfähiger Werkstoff. Aber der Klimaschutz erfordert weniger Autos, weniger fossile Kraftwerke, weniger Konsum – letztendlich bedeutet das auch weltweit nicht mehr, sondern weniger Stahl, der darüber hinaus in Zukunft noch CO 2 -arm produziert werden muss. Es nützt nichts, vor dieser Herausforderung die Augen zu verschließen, wenn man die Arbeitsplätze nachhaltig sichern will.

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