„Heartzland“: Eine Reise in den Ruhrpott der 60er Jahre

Eine beeindruckende Zeitreise in die Vergangenheit des Ruhrgebiets, nämlich in die 60er und 70er Jahre, unternahmen am Freitagabend im Grammatikoff der Grafiker und Foto-Künstler Jürgen Kassel und Schriftsteller Zepp Oberpichler.

Die beiden im Ruhrgebiet Aufgewachsenen präsentieren im Rahmen der zweiten Ausstellung innerhalb der neuen Reihe „Kulturbyrat“ des Vereines Kultursprung und des Grammatikoffs einige Schwarz-Weiß-Fotos. Diese hatte Kassel in seiner Jugend gemacht. Und zu denen Oberpichler „immer spontan etwas eingefallen ist“, wie Letzterer sagt.

Das Duo hat besagte Fotos kürzlich in einem sehens- und lesenswerten Fotoband mit dem provokanten Titel „Heartzland“ veröffentlicht. „Heartzland“, eine Mischung aus Hartz-IV-Land und Herzland – beides koexistiert im Ruhrgebiet wie kaum woanders – ist weit mehr als eine dokumentarische Liebeserklärung an ihre Heimat. Es ist vor allem ein historisches Zeugnis längst vergangener Zeit, in der noch auf den dunklen und schmutzigen Straßen in Meiderich mit einer Konservendose gebolzt oder die Wäsche noch im Hinterhof aufgehangen wurde.

Oberpichlers Lieblingsbild

Oberpichlers Text zu seinem Lieblingsfoto (darauf zu sehen: Unterwäsche auf der Wäscheleine in einem verrußten Hinterhof) hat er im besten Ruhrpott-Deutsch „Schlüpper“ getauft. Er beschreibt darin Anekdoten aus seiner Kindheit. Nämlich die, dass die Oma nicht wollte, dass er unter der Leine herlief, damit er die Wäsche nicht herunterstieß.

Kassel und Oberpichler hatten nicht mit einer so großen Anzahl an Gästen zur Eröffnung gerechnet. Sie bieten den 30 Besuchern wirkungsvolle Aufnahmen, die die Lebenslage der Menschen vor rund 45 Jahren gut wiedergibt. Der Mensch und seine Umgebung stehen bei Kassel und Oberpichler im Zentrum. Ohne zu verklären, aber auch ohne zu dramatisieren, schaffen sie es, die Schwere des Alltags im Ruhrpott und das Talent der Menschen aufzuzeigen.

Kassel erklärt: „Meine Fotos zeigen die ungeheure Fähigkeit der Menschen im Ruhrgebiet, sich in schwierigen Verhältnissen zu behaupten und zu entwickeln.“ Das alles zeigt die Ausstellung „Heartzland“ und das auf 80 schwarz-weißen Seiten gebundene Buch. Zu sehen ist die Ausstellung im Grammatikoff zu den üblichen Öffnungszeiten. Ein Besuch lohnt sich. Die Ausstellung sollte für alle Duisburger eine Herzensangelegenheit sein, so wie es der Untertitel von Kassel und Oberpichler besagt.

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