Hatice Akyün gab Heimspiel in der Duisburger Bibliothek

Sabine Merkelt
Ein Heimspiel: Hatice Akyün las aus „Ich küss dich, Kismet“ in der Zentralbibliothek.
Ein Heimspiel: Hatice Akyün las aus „Ich küss dich, Kismet“ in der Zentralbibliothek.
Foto: WAZ FotoPool
Am vergangenen Freitag las Hatice Akyün in der Duisburger Zentralbibliothek aus ihrem Buch „Ich küss dich, Kismet“ vor. Aufgewachsen in Marxloh, wagte sie durch die Integrationsdebatte im Jahr 2010 das türkische Abenteuer in Istanbul. Inzwischen lebt sie als Journalistin in Berlin.

Duisburg. Durch die Sarrazin-Debatte habe sie ihren Humor verloren, sagt Hatice Akyün. In Istanbul fand sie ihn wieder und brachte ihn mit nach Hause. Am Freitag wollte sie in der ausverkauften Zentralbibliothek aus ihrem dritten autobiografischen Buch „Ich küss dich, Kismet“ lesen. Aber sie kann nicht anfangen, weil sie erst weinen muss. Sie hat unter den Zuhörern Alt-Oberbürgermeister Josef Krings entdeckt. „Durch Sie habe ich angefangen, mich für Politik zu interessieren“, sagt sie. „So wie Sie sollen Politiker sein.“

Akyün, die in einem anatolischen Dorf geboren wurde, wächst in Marxloh als Tochter eines Bergmanns auf. Über eine freie Mitarbeit bei der Duisburger WAZ kommt sie zum Schreiben. Inzwischen lebt sie seit vielen Jahren als Journalistin in Berlin. Ihr neues Buch erzählt, wie sie an den Bosporus kam. Es ist Kismet, also Fügung, findet sie, dass ihr Vater ihr eine winzige Wohnung in einem Istanbuler Außenbezirk schenkte, gerade als Deutschland sich 2010 von einer neuen, unerträglichen Seite zeigt. „Diese eigenartige Integrationsdebatte hat uns einfach 40 Jahre zurückgeworfen“, sagt sie. Hinzu kommt ihre persönliche Situation: „Weiblich, unbemannt wie ein Marsroboter, mit Kind, Migrationshintergrund und einem Job wie geschaffen für die unteren Gehaltsgruppen.“

"Ihre deutsche Phase"

Sie beschließt, das türkische Abenteuer zu wagen. In Istanbul begegnet sie taffen, geschiedenen Frauen und stellt fest, dass türkische Ehen nicht mehr so robust sind, wie sie es aus Marxloh kennt. Sie trifft deutsche Rentner, die seit zehn Jahren in Antalya leben, ohne ein Wort Türkisch zu sprechen. Ein Redakteur meint, dass sie ihre Texte auf Deutsch einreichen könne, weil man ihr Türkisch übersetzen müsse. Und ihre Schwester schleppt sie zu mehr Haarentfernungsspezialisten als auf eine Kuhhaut gehen. Der Istanbuler Verkehr geht ihr furchtbar auf die Nerven. Sie hat im Bus Erstickungsanfälle und kriegt den Rappel, wenn es nicht klappt mit den Handwerkern. Ihre Freunde sagen: „Sie hat wieder ihre deutsche Phase“.

Doch es ist mehr als das. „Mein deutsches Leben begann auf der Straße und im Bücherbus“, erinnert sie sich. Für den fälschte sie damals die Unterschrift ihres Vaters auf dem Bibliotheksausweis. „Deutschland, du wirst mich nicht los!“, sagt sie – und kämpft weiter.