Hannelore Kraft sagt Angehörigen schnelle Hilfe zu

DerWesten

Duisburg. In einer bewegenden Rede sagte NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft den Angehörigen schnelle und unbürokratische Hilfe zu. „Sie sind nicht allein“, sagte sie beim Gedenkgottesdienst in der Duisburger Salvatorkirche. Ihre Rede im Wortlaut

Wir alle, die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Duisburg, des Landes Nordrhein-Westfalen und aus ganz Deutschland, halten heute inne, nehmen Anteil und trauern. Wir fühlen mit den Angehörigen und Freunden der Toten, deren Leben so jäh und grausam beendet wurde. Wir sind aber auch in Gedanken bei den vielen Verletzten, die körperliche und seelische Schäden davon getragen haben.

Es ist schwer, Worte zu finden angesichts des Todes. Und noch schwerer ist es, angesichts der Umstände unter denen 21 junge Menschen plötzlich aus dem Leben gerissen wurden: Aus ihren Hoffnungen und Träumen, aus ihren Zukunftsplänen, mitten aus ihren Familien und Freundeskreisen. Sie alle hatten ihre ganze Zukunft noch vor sich. Sie wollten fröhlich und friedlich feiern, zusammen mit vielen anderen. Einige Stunden den Alltag vergessen. Gemeinsamkeit erleben.

„Es ist nicht einfach, Trost zu finden, oder Trost zu spenden“

Angesichts des großen Leids der Angehörigen und vieler Menschen, die mit Ihnen fühlen, ist es nicht einfach, Trost zu finden, oder Trost zu spenden. Herr Bischof Overbeck und Herr Präses Schneider, Sie haben uns in dieser schweren Stunde mit Ihren einfühlsamen Worten Halt gegeben und Trost gespendet. Trost, das mag für viele noch zu früh sein - angesichts all der schrecklichen Bilder, die wir gesehen und die sich in unseren Köpfen einprägt haben und angesichts all dessen, was sie selbst erlebt haben und verarbeiten müssen.

Uns alle lässt das Geschehene nicht los. Es macht uns betroffen, hilflos und manche auch wütend. Viele Fragen, noch zu wenige Antworten. Jede Katastrophe erschüttert uns und lässt uns die Frage nach dem „Warum“ stellen. Für diese Katastrophe gilt das in besonderer Weise. 21 Menschen sind ums Leben gekommen. Junge Frauen und Männer aus Deutschland, aus vielen Ländern Europas und der ganzen Welt, aus Australien, Bosnien-Herzegowina, China, Italien, den Niederlanden und aus Spanien.

„Viele von ihnen empfinden Ohnmacht“

Mehr als fünfhundert Verletzte mussten - und einige müssen immer noch - in den Krankenhäusern versorgt werden. Und dann gibt es die vielen Tausend, die dabei waren, die überlebt haben. Viele von ihnen empfinden Ohnmacht, weil sie nicht haben helfen können. Viele sind traumatisiert angesichts des Erlebten und viele sind entsetzt angesichts der Bilder, die sie für immer in sich tragen. Die seelisch Verwundeten leiden still, aber sie leiden und brauchen Hilfe. Auch an sie denken wir in dieser Stunde.

Ich kann nachempfinden, was Eltern, Großeltern, Geschwister und Freunde durchlitten haben, die stundenlang auf ein Lebenszeichen warten mussten. Erschüttert sind aber auch Millionen Menschen, die über die Bilder im Fernsehen, im Internet oder in Zeitungen Zeugen dieser Tragödie geworden sind. Ihnen allen und nicht zuletzt uns selbst, sind wir es schuldig, das Geschehene und Unfassbare lückenlos aufzuklären. Wie konnte dies geschehen? Wer trägt Schuld, wer ist verantwortlich? Diese Fragen müssen und werden eine Antwort finden!

Es gibt eine weitere Gruppe, die bei den Ereignissen vom vergangenen Samstag großen körperlichen und seelischen Belastungen ausgesetzt war: Die Ordnungskräfte und die vielen Helferinnen und Helfer. Die Einträge in den Kondolenzbüchern und im Internet zeigen deutlich, dass sie unter schwersten Bedingungen ihr Bestes gegeben haben, um Menschen zu retten: Als Mitarbeiter der Hilfsorganisationen, als Rettungssanitäter, als Ärzte, als Feuerwehrleute und Polizisten, als Mitarbeiter der Verwaltung, als Ordner, als Schaffner oder Busfahrer und schließlich als Mitarbeiter der Bahnhofsmission und als Notfallseelsorger.

„Bis an die Grenzen Ihrer Belastbarkeit nahezu Übermenschliches geleistet“

Viele haben bis an die Grenzen Ihrer Belastbarkeit nahezu Übermenschliches geleistet. Dafür danken wir ihnen. Und dann gibt es noch die, die hautnah dabei waren und deren Hilfe gar nicht hoch genug bewertet werden kann. Ich habe mit einigen gesprochen, die als Teilnehmer dieses Festes zu Helfern wurden:

- sie haben andere aufgerichtet, damit sie nicht hinfielen,

· sie haben andere gestützt, denen die Kraft zum Stehen fehlte,

· sie haben anderen zu trinken gegeben, damit sie nicht kollabieren,

· sie haben ihre Hand gereicht, obwohl sie selber eingezwängt waren.

Vieles davon geschah ungesehen. Als stille Hilfe. Aber diese Hilfe ist in der Welt. Und wir sind dankbar dafür. Ich fühle selbst wie schwer es ist, sich nach einer solchen Woche wieder dem Leben zuzuwenden. Wenn Sie gleich zurückkehren an die Plätze und Orte, wo Sie leben und arbeiten, dann ist ihr Herz gewiss noch schwer. Es braucht Zeit, und in vielen Fällen auch Hilfe, um all das zu begreifen, was geschehen ist.

In den letzten Tagen habe ich mit vielen Angehörigen gesprochen. Diese Gespräche haben mich sehr bewegt. Der Vater eines der Opfer hat mir eine Bitte mitgegeben, die sich an uns alle richtet. Der grausame Tod seiner Tochter könne im Nachhinein noch einen Sinn bekommen, wenn dieser Tod uns mahnt, unser aller Wertesystem zu überdenken. Der Mensch, sein Wohlergehen und seine Sicherheit müsse wieder wichtigste Leitlinie unseres Handelns sein, vor allen anderen Motiven. Das wird uns Verpflichtung sein.

Liebe Angehörige, liebe Trauernde, wir stehen in dieser schweren Stunde an Ihrer Seite und fühlen mit Ihnen. Als Land Nordrhein-Westfalen werden wir allen Betroffenen, die Unterstützung benötigen, schnell und unbürokratisch helfen. Aber wir wissen auch, wir können Ihren Schmerz nicht ermessen und nicht lindern. Und doch bitte ich Sie: Öffnen Sie Ihre Herzen, für alle, die Ihnen Trost spenden wollen und Ihnen über den Verlust eines unersetzlichen, geliebten Menschen hinweg helfen möchten. Sie sind nicht allein.