Hamlet und Hilmi Sözer

Schuld ist natürlich der Agent. Er solle doch mal was mit Hamlet machen, hat er dem Schauspieler eingeredet. Und ehe der Mime sich versieht, sind die Plakate gedruckt und die Tournee ist organisiert. Jetzt steht der Schauspieler da und sucht verzweifelt nach seinem Verhältnis zu Shakespeares Grübler.

„Hamlet & ich“ heißt das Stück, und der Schauspieler ist Hilmi Sözer. Dass er ein Könner mit großem komödiantischen Talent ist, weiß man. Vielleicht lehnt sich der Zuschauer entspannt im Theatersessel zurück und erwartet eine respektlos-rasante Klassikerbearbeitung wie man sie mit „Schillers sämtliche Werke“ ebenfalls im Komma-Theater schon erlebt hat. Eine schnodderige Zusammenfassung von Shakespeares Hamlet scheint die Erwartungen zu bestätigen.

Doch plötzlich taucht Sözer kurz ein in Shakespeare Text, zitiert dann ein paar Zeilen, die Walter Benjamin kurz vor seinem Selbstmord schrieb. Spätestens hier merkt man: Hilmi Sözer und sein Autor René Linke wollen mehr. Ihnen geht’s es nicht um den dänischen Prinzen, sie fragen stattdessen, was faul im Staate Deutschland ist. Gewalt ist ihr Thema, die private oder auch die sexuelle Gewalt, vor allem aber die Gewalt der alten und neuen Faschisten.

Shakespeares Drama dient dabei als Steinbruch der Assoziationen. Der Geist von Hamlets Vater, der seinen Sohn zur Rache auffordert, lässt Sözer darüber nachdenken, ob man der Vollstrecker oder der Briefträger des verstorbenen Vaters – und auch deren Gewalt – sei. Das Schicksal von Shakespeares Ophelia führt ihn zu einem anderen Mädchen, das verstummt ist – zur NSU-Terroristin Beate Zschäpe. Die Figur des Hamlet-Freundes Horatio regt ihn an zur Beschäftigung mit Harald Ewert, dessen Foto mit Hitlergruß, eingenässter Jogginghose und Nationalmannschaftstrikot 1992 bei den faschistischen Gewalttaten in Rostock-Lichtenhagen um die Welt ging.

Der Text von René Linke ist sprunghaft, wechselt von Shakespeare zu den Morden der NSU-Terrorzelle, springt nach Lichtenhagen und von dort in Sözers Biografie. Er variiert die Tonfälle, beklagt die Opfer, sucht das Böse ebenso wie Menschliches bei den Tätern. Er ist hochmoralisch und frei von Moralin, packt den Besucher mit all seiner Widersprüchlichkeit und zieht ihn förmlich mit Augen und Ohren zur Bühne. Und Hilmi Sözer ist der ideale Schauspieler für dieses ungewöhnlich Stück mit all seinen Brüchen, Tonfällen, Tempo- und Stimmungswechseln. – Intensiver Beifall des Premierenpublikums.

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