Gutachten: Dämmfassade führte zu Brandkatastrophe in Duisburg

Inferno in einem Mehrfamilienhaus: Am Morgen des 17. Mai starben in Duisburg-Meiderich eine Mutter und zwei ihrer Kinder, 28 Hausbewohner wurden verletzt. Das Feuer breitete sich über die Wärmedämmfassade bis ins Dach aus. Ursache war eine umgekippte Kerze in einer Erdgeschosswohnung. Sie alleine hätte das Feuer wohl kaum in eine Katastrophe münden lassen.
Inferno in einem Mehrfamilienhaus: Am Morgen des 17. Mai starben in Duisburg-Meiderich eine Mutter und zwei ihrer Kinder, 28 Hausbewohner wurden verletzt. Das Feuer breitete sich über die Wärmedämmfassade bis ins Dach aus. Ursache war eine umgekippte Kerze in einer Erdgeschosswohnung. Sie alleine hätte das Feuer wohl kaum in eine Katastrophe münden lassen.
Foto: Stephan Eickershoff / Funke Foto Services
  • Gutachten für Staatsanwaltschaft bestätigt Kritiker von Dämmfassaden aus Polystyrol
  • Zimmerbrand in Meiderich hatte sich zu Inferno entwickelt
  • Bei Großbrand waren drei Hausbewohner ums Leben gekommen und 28 verletzt worden

Duisburg.. Für sie gab es keine Rettung. Eine Mutter und ihre 8- und 14-jährigen Söhne kamen am frühen Morgen des 17. Mai in einem Wohnhaus in Duisburg Meiderich ums Leben. 28 weitere Hausbewohner wurden verletzt - weil in einer Erdgeschoss-Wohnung eine Kerze umgekippt war und ein Inferno auslöste: Die Flammen fraßen sich über die Wärmedämmfassade "wie an einer Zündschnur" über vier Etagen bis ins Dach. Jetzt liegt der Staatsanwaltschaft Duisburg ein Gutachten vor, das sie in Auftrag gegeben hatte. Es bescheinigt: die Fassade war technisch wohl in Ordnung. Der Zimmerbrand wurde trotzdem zum Inferno.

Das Fazit des Gutachters: Die Wärmedämmfassade habe den zum Zeit des Baus geltenden Bauvorschriften entsprochen, berichtet Detlef Nowotsch, Sprecher der Staatsanwaltschaft, auf Anfrage. Die verwendeten Polystyrolplatten seien zur Dämmung zugelassen gewesen (und sind es auch heute noch). Die juristischen Ermittlungen jedoch konzentrieren sich nun alleine auf die 74-jährige Bewohnerin, in deren Wohnung das Feuer ausbrach. Sie muss wohl mit einer Anklage rechnen, wegen fahrlässiger Brandstiftung und fahrlässiger Tötung.

Brand sorgt für bundesweites Aufsehen bei Experten

Brandexperten interessieren sich dagegen vor allem für die Fassade. Denn das Gutachten bestätigt, was sich aus Sicht von Peter Bachmeier von der Münchner Feuerwehr schon im Mai andeutete: Dass der Brand der erste Fall bundesweit ist, bei dem es zu Toten kam, "obwohl die Wärmedämmfassade regelkonform ausgeführt wurde".

Bachmeier beschäftigt sich für den Deutschen Feuerwehrverband mit der Brandgefahr von Wärmedämmfassaden. 90 ähnliche Brände hat Bachmeier seit 2001 aufgelistet, die das Brandrisiko verdeutlicht - vor allem von Polystyrol. Die Dämmung in Duisburg war "vollständig verbrannt". Und das, obwohl der Baustoff Polystyrol "im Prinzip als schwer entflammbar gilt", sagt Staatsanwalt Detlef Nowotsch. Inwieweit aber Baupfusch ausgeschlossen werden kann oder spätere Schäden an der Fassade, konnte er nicht sagen.

"Dicke Dämmungen sind problematischer als dünne"

Bis zu 1000 Grad Hitze entstehen bei einem Zimmerbrand, erläuterte Jochen Stein vom Verband der Feuerwehren in NRW, nach dem Brand. Dies übersteigt die Brandschutzanforderungen bei Wärmedämmsystemen. Würde das Feuer Fenster zerstören, könne eine Dämmfassade davor im Nu Feuer fangen. "Dicke Dämmungen sind problematischer als dünne", sagte Stein. In Brand gesetzt würde Polystyrol "sehr schnell sehr hohe Energie freisetzen". Bei einer ungedämmten Mauer hätte sich das Feuer wohl kaum bis ins Dach gefressen, meinte Stein. Und: Mit Mineralwolle als Dämmung - die jedoch teurer ist als Styropor-Dämmstoffe - habe die Feuerwehr "keine Probleme".

Inwieweit das in einem möglichen Gerichtsverfahren eine Rolle spielen kann, ist nicht zu sagen. Fakt ist, dass mittlerweile die Bauvorschriften verschärft wurden: Wohngebäude ab zwei Etagen Höhe müssen bei der Wärmedämmung in bestimmten Abständen mit "Brandriegeln" versehen werden; so sollen sich Flammen nicht mehr ungehindert durch eine Fassade fressen können. Für die Fassade in Duisburg hat diese Vorschrift noch nicht gegolten.

Das Haus in Meiderich ist seit dem Brand unbewohnbar, sagt eine Stadtsprecherin. Es liege bis dato kein Antrag des Eigentümers vor, das Gebäude wieder herzurichten. Im Falle einer künftigen Fassadendämmung habe die Stadt nichts zu entscheiden: "Wir prüfen nur, ob der Baustoff zugelassen ist". Käme erneut Polystyrol ins Spiel, gebe es den aktuellen Vorgaben nach bautechnisch keine Einwände.

 

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