Grüne wollen Delfin-Haltung verbieten – Zoo fürchtet "verdeckte Schließung"

Die Grünen-Bundestagsfraktion will die Haltung von Delfinen untersagen lassen. Das träfe den Zoo Duisburg besonders hart. Seine Publikumsmagneten sind die sechs ausgewachsenen und drei jungen Tümmler.
Die Grünen-Bundestagsfraktion will die Haltung von Delfinen untersagen lassen. Das träfe den Zoo Duisburg besonders hart. Seine Publikumsmagneten sind die sechs ausgewachsenen und drei jungen Tümmler.
Foto: Stephan Eickershoff/WAZFotoPool
Für das Delfinarium in Duisburg wäre die Umsetzung dieses Antrages der Anfang vom Ende: Die Bundestagsfraktion der Grünen fordert das Landwirtschaftsministerium auf, die Delfinhaltung zu untersagen, weil eine artgerechte Haltung der Tiere nach dem aktuellen wissenschaftlichen Stand nicht möglich sei. Wie die Duisburger Grünen und der Zoo darauf reagieren.

Duisburg/Berlin.. Keine Frage, dieser Antrag der Grünen-Bundestagsfraktion versetzt die Duisburger Parteimitglieder in eine Zwickmühle: Die Berliner wollen die umstrittene Haltung von Delfinen in Deutschland beenden. Ihre Parteifreunde an Rhein und Ruhr aber wissen, was das für ihre Stadt bedeuten würde: "Duisburg verdankt dem Delfinarium jedes Jahr viele tausend Besucher", gibt Ralf Krumpholz, der Geschäftsführer der Ratsfraktion zu bedenken. Das geforderte Delfinhaltungsverbot sei zwar im Duisburger Kreisverband diskutiert worden, sagt er, "die Meinungsbildung aber ist noch nicht abgeschlossen".

Dabei tobt der Kampf um die Meinungshoheit zur Delfinhaltung, den der Zoo zum Beispiel mit dem Wal- und Delfinschutz-Forum (WDSF) ausficht, seit vielen Jahren. Die Argumente sind ausgetauscht, die Fronten verhärtet, einen direkten Austausch gab es zuletzt nur noch vor Gericht: Im Juli 2012 stellte ein Richter am Verwaltungsgericht Düsseldorf fest, dass die Zoo Duisburg AG dem WDSF Einblick in alle Unterlagen zur Pflege und medizinischen Versorgung seiner Großen Tümmler geben muss. Nun aber wird das Delfinarium am Kaiserberg möglicherweise ums Überleben kämpfen müssen:

In ihrem Antrag vom 11. März fordert die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen das Landwirtschaftsministerium auf, "das Halten von Delfinen zu untersagen sowie deren Einfuhr zu verbieten und die Zulassung neuer Haltungen an den Nachweis artgerechter baulicher Anlagen zu binden" (zum Antrag). Eine artgerechte Haltung sei schlicht nicht möglich, kritisieren die Grünen um Renate Künast. Deutsche Delfinarien verstießen daher "gegen das Tierschutzgesetz, das vermeidbare Schmerzen, Leiden und Schäden von Tieren verbietet". Da will Undine Kurth, Sprecherin für Naturschutz- und Tierschutz der Grünen-Bundestagsfraktion, auch keine Rücksicht auf mögliche Einwände einzelner Duisburger Parteifreunde nehmen: "Tierschutz geht nunmal nicht nach Kassenlage."

Delfin-Becken müssten 850 Meter lang sein

Den Vorstoß der Bundestagsfraktion nimmt auch der Verband deutscher Zoodirektoren (VDZ) sehr ernst, weil das Bundesministerium zurzeit das Gutachten über Mindestanforderungen an die Haltung von Säugetieren überarbeitet. Dieses "Säugetiergutachten" von 1996 ist zwar nicht rechtsverbindlich, konkretisiert aber das Tierschutzgesetz. Letztlich orientieren sich Behörden – und darum auch die Betreiber von Tierparks – an den Vorgaben des Gutachtens. Grundlage der Richtlinie ist allerdings der wissenschaftliche Erkenntnisstand Mitte der Neunziger.

So begründet die Bundestagsfraktion ihren Vorstoß mit der 2011 veröffentlichen Stellungnahme des Biologen Christian Schulze zur Haltung von Walen und Delfinen. Für eine artgerechte Haltung, so schreibt der Forscher der Ruhr-Universität Bochum, müsse ein Becken für fünf ausgewachsene Große Tümmler 850 bis 900 Meter lang sein. Die verbliebenen deutschen Anlagen – nach der Schließung in Münster Anfang des Jahres gibt es nur noch in Duisburg und Nürnberg Delfinarien – erlaubten es den Meeressäugern nicht, ihrer Natur entsprechend schnell zu schwimmen, lange zu wandern und tief zu tauchen.

Das sagt der Zoo Duisburg zum Vorstoß der Grünen

"Da wird die artgerechte Haltung ad absurdum geführt", empört sich Jochen Reiter, der wissenschaftliche Leiter im Zoo Duisburg. Er verweist auf die "ständige Verbesserung der Haltungsbedingungen" und die Vorgaben des zurzeit noch gültigen Säugetiergutachtens: Der tief in den roten Zahlen steckende Tierpark investiert aktuell 350.000 Euro in ein 200 qm großes Schiebedach, damit die neun Tümmler frische Luft schnappen sowie unter der Sonne beziehungsweise im Regen schwimmen und springen können. Bis zum Sommer soll das "Open-Air-Delfinarium" fertig sein. Obendrein übertrifft das 1996 eröffnete "RWE-Delfinarium" die (noch) gültigen Größenanforderungen für fünf ausgewachsene Tiere: Die Becken fassen insgesamt 3500 statt der vorgeschriebenen 1500 Kubikmeter Wasser und sind sechs statt vier Meter tief. Die Wasseroberfläche am Kaiserberg ist 850 qm groß, 400 sind Pflicht.

Reiter gibt sich zwar gelassen und will "erstmal abwarten, was dann später im Gutachten steht". Gleichwohl gesteht er, "dass die Delfine für uns wie die Koalas ein Alleinstellungsmerkmal in der deutschen Zoolandschaft sind". Zwei Drittel aller Gäste am Kaiserberg (2012: 900.000, 2011: über eine Million) zahlten in der Vergangenheit Extra-Eintritt fürs Delfinarium. Seit 2013 ist der Eintritt zu den Vorführungen frei, das Ticket an der Zookasse dafür teurer.

Einfuhrverbot wäre "verdeckte Schließung der Delfinarien"

Sollten sich bei der Überarbeitung der Richtlinie in Berlin allerdings "die Tieraktivisten statt die Zoologen durchsetzen", so Reiter, "wäre das eine verdeckte Schließung der deutschen Delfinarien". Denn auch wenn die Becken unter Bestandsschutz stünden und gegebenenfalls lediglich "bestmöglich angepasst werden müssten", wie es ein Mitarbeiter der Bundestagsfraktion vage formuliert: Dürften die Zoos keine neuen Delfine aufnehmen, wäre die ohnehin knifflige Zucht ausgebremst.

Dann wären Dörte, Diego und Darwin wohl irgendwann die letzten Tümmler, die Zoobesucher hierzulande zu sehen bekommen: Sie kamen Mitte 2011 binnen drei Wochen in Duisburg zur Welt, der Zoo meldete eine "Sensation". Ihr Vater, Ivo, ist mittlerweile 34 Jahre alt. Ob seine jüngsten Kinder sich aber auch in 30 Jahren noch in Duisburg tummeln, hängt nicht nur von ihrer Gesundheit ab, sondern vor allem von den Formulierungen des neuen Säugetiergutachtens und den Schlussfolgerungen. Selbst der Verband deutscher Zoodirektoren weiß zurzeit nicht, wann das Ministerium nun welche Vorgaben veröffentlicht. Unabhängig davon sind sich die Zoos und die meisten Delfinschützer zumindest in einem Punkt einig: In der freien Wildbahn aussetzen könnte man die Zoodelfine nicht.

Schon darüber hinaus denkt eine der Duisburger Grünen, die Landtagsabgeordnete Birgit Beisheim, die auch die "wirtschaftliche Dimension" betont: "Unser Duisburger Zoo ist vom städtischen Zuschuss abhängig – mit oder ohne Delfinarium". Darum müsse der Tierpark ein Konzept erarbeiten, mit dem er dauerhaft bestehen kann: Darin, so Beisheim, "muss dann auch das Auslaufen der Delfinhaltung beachtet werden."

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