Glück auf, Vierlinden

Willi Mohrs
WAZ-Redakteur Willi Mohrs (rechts) sah sich mit Heinz Plückelmann eine Stunde in Vierlinden um - hier am Franz-Lenze-Platz. Foto: Friedhelm Geinowski/WAZFotoPool
WAZ-Redakteur Willi Mohrs (rechts) sah sich mit Heinz Plückelmann eine Stunde in Vierlinden um - hier am Franz-Lenze-Platz. Foto: Friedhelm Geinowski/WAZFotoPool
Foto: WAZ FotoPool

Duisburg. Die zweistöckigen Häuserblöcke stehen mal längs, mal quer, die Straßen tragen Männernamen wie Wolfgang, Oswald, Gerhard. Eine Elisabeth lockert auf – Vierlinden, mehr oder weniger eine einzige Bergarbeitersiedlung?

„Das weniger können Sie streichen“, sagt mein Stadtteilexperte Heinz Plückelmann.

Man grüßt mit „Glück auf“ auf der Straße, man singt abends beim Bier in der Kneipe das Steigerlied und speziell die siebte Strophe zum Schnaps, berichtet Plückelmann, dessen gesamte Familie mit dem Bergbau verbunden ist. Er lebt seit 40 Jahren in Vierlinden, und er lebt gerne dort.

Klar, die Oswaldstraße ist eine Hauptverkehrsachse, aber nach wenigen Schritten in die Seitenstraßen herrscht Ruhe. An der Ottostraße kündet ein großer Taubenschlag vom früheren „Nationalsport“ der Kumpel, aber dass um 4 Uhr morgens in allen Wohnungen Licht brennt, weil die Männer zum „Pütt“ müssen – die Zeit ist vorbei. In Walsum ist Schicht am Schacht, der Bergbau ist auch im hohen Norden der Stadt weitgehend Geschichte.

Wir gehen an den beiden Hauptschulen Vierlindens vorbei in die Feldstraße, in die „Mickymaus-Siedlung“, wie Plückelmann sie nennt. 75 Jahre alt sind die meisten der Häuser, umgeben von Gärten, die von viel Arbeit künden, und bewohnt von Leuten, die zusammenhalten: „Eine Top-Nachbarschaft!“

Weiter geht’s zum Franz-Lenze-Platz, dem Mittelpunkt Vierlindens mit Ausstrahlung weit darüber hinaus. Geschäfte, zwei Banken, kein Leerstand rund um den Platz, „und Mittwoch und Samstag tobt hier der Bär“, verweist Plückelmann auf die Markttage, die reichlich Publikum von außerhalb anziehen.

Eine neue (!) Kirche steht am Rande des Marktes, der künftig rundum verkehrsberuhigt werden soll, daneben eine gut besuchte Stadtteilbibliothek. Ein Stück weiter passieren wir die Frankenschule, heute Haupt-, künftig wohl Realschule.

Gegenüber ein riesiger Spielplatz mit einer Attraktion à la Vierlinden: eine Grubenlok mit zwei passenden Personenwaggons. Ein Bolzplatz komplettiert den Grünzug mitten im Viertel.

An der Teutonenstraße hören wir ein seltsames Fauchen, dem wir nachgehen und auf Erkan und Stefan stoßen, zwei Menschen gegenüber höchst selbstbewussten Mulardenenten. Ex-Bergmann Alpay Ulgar hält die fast gänsegroßen Vögel im Garten hinterm Haus. Eigentlich wollte er die beiden Schlachten, das Vorhaben scheiterte am Einspruch der Tochter: „Jetzt stehe ich da.“ Erkan und Stefan frohlocken mit einem weiteren Fauchen.

Eine Straßenecke weiter stoßen wir auf ein Doppelhaus (klar: Bergmannsiedlung), das kürzlich umfassend renoviert und quasi zum Neubau wurde: das Knappenheim. 250 Mitglieder hat der Knappenverein, zudem gibt’s je ein Büro der Gewerkschaft (IG Bergbau, Chemie, Energie) und des Betriebsrats von Schacht Walsum, der bis nächstes Jahr noch auf anderen Zechen verlegte Bergleute betreut.

SpezialUnd es gibt Einiges zu bestaunen: etwa eine mannshohe Vitrine voller reich verzierter Porzellanflaschen für Schnupftabak – Rauchen war Untertage strengstens verboten. Oder eine liebevoll präsentierte Sammlung von Häckeln aus verschiedenen Bergbauregionen. Diese Meterlatten trug der Steiger bei sich, etwa um den Ausbau zu kontrollieren.

Vierlinden atmet viel Bergbau-Vergangenheit, aber auch um die weitere Entwicklung macht sich Heinz Plückelmann, der auch als Bezirksbürgermeister für ganz Walsum tätig ist, keine Sorgen. Evonik als großer Immobilienbesitzer im Stadtteil, investiere kräftig in die Modernisierung des Bestandes: „Und das ist auch ein Stückchen Zukunft“, ist er sicher.