Geschäftsmann und Sozialarbeiter

Seinen Besprechungsraum hat Abdullah Altun mit historischen Dokumenten gestaltet. Links können die Mitarbeiter lesen, was der Prophet Mohammed in seiner Abschiedspredigt gesagt hat. Auf der rechten Seiten prangt die Menschenrechtskonvention der Vereinten Nationen.

„Die Anerkennung der angeborenen Würde und der gleichen und unveräußerlichen Rechte aller Mitglieder der Gemeinschaft“, so lautet ein Grundsatz der UN. Dieser Grundsatz steht auch in der Altun Gleis- und Tiefbau GmbH über allem.

80 Mitarbeiter im Unternehmen

Der 48-Jährige ist in erster Linie Geschäftsmann, der nach finanziellem Gewinn strebt. Seit 1999 lässt er in Rheinhausen und auf den Baustellen Gleise reparieren. Mittlerweile beschäftigt das Unternehmen an der Bergheimer Straße 80 Mitarbeiter. Altun ist aber auch eine Art Sozialarbeiter. Er gibt Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die bislang keine Perspektive im Leben sahen, eine Chance. „Von acht neuen Mitarbeitern haben sechs keinen oder einen schwachen Schulabschluss“, betont Altun.

Der Großteil seiner Beschäftigten besitzt einen Migrationshintergrund. Dieser Ansatz gefällt auch der Bundesregierung. Sie zeichnete Altun 2014 mit der Integrationsmedaille aus.

Wer verstehen will, warum Altun so handelt, muss seine eigene Biographie kennen. Er war zwölf Jahre alt, als seine Familie die türkische Stadt Kayseri verließ. Altuns Vater fand einen Job bei Krupp, sein Sohn fremdelte aber mit der neuen Umgebung. Doch Abdullah Altun kämpfte sich durch. Er lernte die neue Sprache schnell, schloss die Hauptschule mit Bestnoten ab und begann eine Ausbildung bei der Deutschen Bahn. Bald war er Polier. Altun wollte die Beamtenlaufbahn einschlagen, doch seine türkische Staatsbürgerschaft machte diesen Traum zunichte. Also machte er sich selbstständig. Sein Gleisbau-Unternehmen hatte am Anfang fünf Mitarbeiter. „Und in den ersten neun Monaten bekamen wir keinen einzigen Auftrag“, berichtet Altun. Er gab nicht auf und wurde belohnt. Das Unternehmen expandierte nach und nach. Der Chef sah sich von Gott beschenkt und gab zurück.

Altun läuft über den Hof und trifft auf Anil Ur. Der 22-Jährige hat nach seinem Hauptschulabschluss in Rheinhausen herumgelungert. „Ein wenig Geld habe ich durch Nebenjobs verdient. Ansonsten war ich einfach nur faul“, sagt Ur. Irgendwann hörte er über Freunde von Altuns Unternehmen und bewarb sich. Der Geschäftsführer lud Ur zu sich ins Büro ein und verblüffte den Bewerber mit der Art des Vorstellungsgesprächs. „Mein Zeugnis hat ihn gar nicht interessiert, er wollte nur was über meine Person wissen“, sagt Ur. Der Bewerber überzeugte Altun. Nun bildet das Unternehmen bildet Ur zum Land- und Baumaschinenmechatroniker aus.

Bewerberin verspielt Chance

Es kommt auch vor, dass Altun Bewerber ablehnt. So saß zuletzt eine junge Frau bei ihm in Büro. „Sie beklagte sich, dass ihr niemand eine Chance geben würde, weil sie ein Kopftuch trägt“, sagt der Unternehmer. Altun wollte mehr über die Bewerberin erfahren und stellte Fragen. Wer ist der Oberbürgermeister in Duisburg? Ein leerer Blick. Wer heißt die Ministerpräsidentin in Nordrhein-Westfalen? Schweigen. Was ist mit dem Namen der Bundeskanzlerin? Kopfschütteln. „Sie wusste aber, dass Tayyip Erdogan Staatsoberhaupt in der Türkei ist“, erzählt Altun.

Er schickte die Bewerberin nach Hause, die erste Chance hatte sie vertan. Solche Gespräche ärgern Altun, wobei er den jungen Menschen den geringsten Vorwurf macht. „Oft sind es die Eltern, denen die Entwicklung der Kinder gleichgültig ist“, sagt er. Schulschwänzen wird in Familien oft hingenommen, das kann Altun nicht nachvollziehen. Er nimmt deshalb oft Kontakt mit den Eltern auf, fragt bei ihnen nach, warum der Sohn oder die Tochter nicht in der Berufsschule war. „Bei manchen hilft das, andere sehe ich nicht mehr wieder“, sagt Altun. Seinen Mitarbeiter Akin Sahin sieht er jeden Arbeitstag. Der 25-Jährige bildet eine Ausnahme im Gleisunternehmen. Sahin hat sein Abitur gemacht, studiert nebenbei im Bereich Wirtschaft. Dieser Ehrgeiz imponierte Altun. Er machte Sahin zum Leiter der kaufmännischen Abteilung. „Hier lernt man früh, Verantwortung zu übernehmen“, sagt der Rheinhausener über seinen Arbeitgeber. Sahins Aussage gilt bei Altun für jeden – vom Schulabbrecher bis zum Abiturienten.

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