Geplatzter Loveparade-Prozess – "Entscheidung ein Skandal!"

Thomas Richter
Loveparade: Tiefe Trauer am Tag nach der Katastrophe im Duisburger Tunnel. Bis heute hält sie an.
Loveparade: Tiefe Trauer am Tag nach der Katastrophe im Duisburger Tunnel. Bis heute hält sie an.
Foto: Funke Foto Services/Stephan Eickershoff
Für die Angehörigen der Opfer ist die Entscheidung des Gerichts ein „Skandal“. Seit Jahren warten sie auf Antworten. Nun verdrängt Zorn ihre Trauer.

Duisburg. Sechs Jahre nach der Loveparade-Katastrophe von Duisburg warten Edith Jakubassa und Friedhelm Scharff noch immer auf Antworten. Wieso musste ihre Tochter Marina sterben? Wie ist sie in das tödliche Gedränge am Fuß der Rampe zum Loveparade-Gelände geraten? Vor allem: Wer ist für ihren Tod verantwortlich?

„Jetzt werden wir nie ­erfahren, was damals passiert ist und warum Marina sterben musste“, sagt die Mutter. Und ihre Stimme ist nicht von Trauer oder Enttäuschung gefärbt, als sie über die geplatzte Anklage spricht. Sondern voller Zorn.

„Ich bin empört. Man fühlt sich machtlos und hilflos. Ich halte die Entscheidung, die Loveparade-Anklage nicht zuzulassen, für einen Skandal“, macht die aufgewühlte Mutter ihrer Verzweiflung Luft. Ihre Tochter Marina Jakubassa aus dem Duisburger Stadtteil Hochheide war die einzige unter den 21 Todesopfern der Loveparade-Katastrophe, die aus der Gastgeberstadt kam. Sie wurde nur 21 Jahre alt.

Zutiefst enttäuschte Hoffnungen

Seit dem Jahr 2010 hatten Marinas Eltern – wie alle anderen Hinterbliebenen auch – in steter Regelmäßigkeit betont, wie wichtig ein Verfahren vor Gericht für sie sei. „Das gehört doch zur Verarbeitung zwingend dazu“, sagt Stiefvater Friedhelm Scharff. „Und wir hatten natürlich immer gehofft, dass die Beschuldigten vor Gericht endlich den Mund aufmachen und doch noch die wahren Verantwortlichen benennen“, so Jakubassa.

Aus ihrer Sicht handelte es sich bei den zehn Beschuldigten (sechs Mitarbeiter der Stadt und vier des Veranstalters Lopavent) durchweg um „kleine Fische“. Die für sie „wirklichen Verantwortlichen“ waren Duisburgs damaliger Oberbürgermeister Adolf Sauerland, der Sicherheitsdezernent Wolfgang Rabe und Lopavent-Chef Rainer Schaller. Sie seien die Verantwortungsträger gewesen. Scharff: „Leider haben sie sich wie so viele aus der Verantwortung gestohlen.“

Entsetzt über die Entscheidung ist auch Dirk Schales. Er zählte zu den über 500 Verletzten der Katas­trophe und sitzt heute im Beirat der Stiftung „Duisburg 24-7-2010“. Die wurde im Vorjahr gegründet und kümmert sich um hilfsbedürftige Personen, die durch eine Katastrophe in Not geraten sind. „Die Entscheidung des Gerichts hat uns allen den Boden unter den Füßen weggezogen“, sagt Schales.

Zweites Gutachten wäre möglich gewesen

Seine Kritik zielt vor allem in Richtung Duisburger Staatsanwaltschaft. Die habe nicht gut gearbeitet, findet Schales. Das Gutachten des englischen Sachverständigen Prof. Dr. Keith Still, das laut Landgericht Duisburg in einem Hauptverfahren „nicht verwertbar“ gewesen wäre, sei stümperhaft erstellt worden. „Warum sonst musste die Landgerichts-Kammer 75 ergänzende Fragen dazu stellen?!? Dass da so vieles fehlt, hätte doch der Staatsanwaltschaft auffallen müssen“, sagt Schales.

Und die Bochumer Rechtsanwältin Bärbel Schönhof ergänzt: „Die Staatsanwaltschaft hätte ein oder sogar zwei zusätzliche Gutachten in Auftrag geben müssen, es hatte zuvor genügend Warnschüsse seitens des Gerichts gegeben.“ Die Anwältin vertritt als Rechtsbeistand zahlreiche Verletzte und Traumatisierte, die in Zivilverfahren gegen den Veranstalter, das Land NRW und die Stadt Duisburg klagen, um Schmerzensgeld und Schadenersatz zu bestreiten. Zwölf von einst 26 Zivilverfahren werden laut Landgericht noch geführt.

Kurz nach der Entscheidung, das Hauptverfahren nicht zu eröffnen, legte die Staatsanwaltschaft Duisburg sofortige Beschwerde beim Oberlandesgericht Düsseldorf ein. Diese Instanz muss nun entscheiden, ob und falls ja, wie es weitergeht. „So bleibt uns ja zumindest noch ein kleines Stück Hoffnung“, sagt die Hinterbliebene Edith Jakubassa. Aber wirklich daran glauben, dass es doch noch zu einem Prozess kommt? Nein, gesteht sie ein, das tut sie nicht.

Glauben an die Justiz verloren

Den Glauben an die Justiz hat auch Dirk Schales verloren. „Wer die GEZ-Gebühr nicht zahlt, landet irgendwann im Knast. Aber für den Tod von einundzwanzig Menschen wird strafrechtlich niemand zur Verantwortung gezogen? Das kann doch alles nicht wahr sein.“ Viele andere Betroffene, mit denen er gesprochen hat, seien völlig fertig gewesen. Am schlimmsten müsse es aber für die Hinterbliebenen gewesen sein, meint Dirk Schales: „Ihre Kinder hat man heute nochmal sterben lassen.“