Gegner der Delfinarien wohl vorerst gescheitert – Anhörung im Bundestag am 15. Mai

Im Delfinarium des Zoo Duisburg kamen 2008 und 2011 Jungtiere zur Welt. Ein Delfinhaltungsverbot, wie es die Grünen im Bundestag fordern, ist derzeit nicht in Sicht. Der Streit um die Haltung der Tümmler in Duisburg und Nürnberg geht weiter.
Im Delfinarium des Zoo Duisburg kamen 2008 und 2011 Jungtiere zur Welt. Ein Delfinhaltungsverbot, wie es die Grünen im Bundestag fordern, ist derzeit nicht in Sicht. Der Streit um die Haltung der Tümmler in Duisburg und Nürnberg geht weiter.
Foto: Archivbild: Stephan Eickershoff / WAZ Fotopool
Gute Nachrichten für den Zoo Duisburg: Im Entwurf für das neue „Säugetiergutachten“ wurden die Anforderungen an Delfinarien nur leicht verschärft. Der Zoo erfüllt die Richtwerte. Ein Einfuhrverbot, wie es die Grünen im Bundestag in ihrem Antrag „Haltung von Delfinen beenden“ fordern, wird darin nicht aufgegriffen. Bei einer Anhörung im Bundestag am 15. Mai wird wohl deutlich werden: Es gibt in Deutschland keine neutralen Experten zum Thema.

Duisburg. Alle Zoobesucher und Duisburger, die nach dem Antrag der Grünen-Bundestagsfraktion „Haltung von Delfinen beenden“ vom 11. März befürchtet hatten, sie bekämen am Kaiserberg demnächst keine Delfine mehr zu sehen, können wohl erstmal aufatmen. In seinem Entwurf des überarbeiteten „Säugetiergutachtens“ (siehe Infokasten unten) hat das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) zwar die Anforderungen an deutsche Delfinarien leicht verschärft. Der Duisburger Zoo übertrifft die im Entwurf formulierten Richtwerte jedoch weiterhin. Für ein Einfuhrverbot, wie es die Grünen in ihrem Antrag fordern, finden sich in dem vor diesem Vorstoß formulierten Entwurf nicht mal Anhaltspunkte.

Ein Ende der emotional geführten Delfinhaltungs-Diskussion wird der Entwurf des „Gutachtens über Mindestanforderungen an Haltung von Säugetieren“ dem Duisburger Zoo allerdings nicht verschaffen. Zum einen sind etliche Abschnitte in dem umfangreichen Regelwerk umstritten: Die an der Überarbeitung des Gutachtens beteiligten Gruppen – Tierschützer einer-, Zoo-Vertreter andererseits – sind dem Vernehmen nach beide sehr unzufrieden (siehe auch: Seite 2 und 3 dieses Artikels). Und die Grünen-Fraktion will am Thema dranbleiben, obwohl sich die Bundestagsmehrheit von Union und FDP kaum gegen das von Ilse Aigner (CSU) geführte Ministerium engagieren wird: Die Fraktion hat für den 15. Mai eine Anhörung im Bundestag beantragt.

Gutachten der Grünen nicht aus Feder eines Delfinforschers

Diese Anhörung, bei der die Bundestagsfraktionen Experten für sich sprechen lassen können, wird das Dilemma der hiesigen Delfinhaltungsdebatte wohl wie unter einem Brennglas verdeutlichen: Es gibt in Deutschland nicht viele Delfinforscher, und neutrale Experten haben gewissermaßen Exotenstatus. Ihre Sicht der Dinge verbreiten daher fast ausnahmslos radikale Tierschutzaktivisten und Mitarbeiter der beiden Tümmler haltenden Zoos. Zumal sich große Umwelt- und Tierschutzorganisationen eher auf den Schutz frei lebender Wale und Delfine konzentrieren.

Die Grünen-Fraktion begründete ihren Antrag „Delfinhaltung verbieten“ so mit der Stellungnahmne eines Wissenschaftlers, der in Bochum am Institut für Medizinische Ethik und Geschichte der Medizin vor allem historisch und altphilologisch arbeitet: Dr. phil. Christian Schulze hat zwar Biologie studiert. In seiner langen Liste wissenschaftlicher Veröffentlichungen finden sich zum Beispiel Beiträge zu Schillers „Abhandlungen über die Fieberarten“ und über „Christliche Ärztinnen in der Antike“, jedoch keine aus den Disziplinen der Verhaltensbiologie oder über Meeressäuger.

Seine Stellungnahme formulierte Schulze 2010 auf Anfrage von Jürgen Ortmüller, alleiniger Gründer, Gesellschafter und Geschäftsführer des Wal- und Delfinschutzforums (WDSF). Ortmüller kämpft seit Jahren verbissen gegen die Delfinarien in Deutschland und in der Schweiz. 2012 erreichte er am Verwaltungsgericht Düsseldorf, dass der Zoo Duisburg ihm Einblick in alle Unterlagen zur Pflege und medizinischen Versorgung seiner Großen Tümmler geben muss. Zum Auftrag durch das WDSF erklärt Schulze auf Anfrage, es sei „in der Wissenschaft üblich, dass man Anfragen bekommt und dann beratend tätig ist. Ich kann dafür garantieren, dass diese Gedanken meine sind.“ Auf der Spendenplattform betterplace.org wirbt das WDSF zwar mit den Kuratoriumsmitgliedern Ric O'Barry („Die Bucht“) und Dr. Christian Schulze um Spendengelder, WDSF-Mitglied sei er aber nicht, versichert Schulze.

Vor allem sei er „eigentlich Zoologe“ und habe in seiner Stellungnahme „Untersuchungsergebnisse derjenigen Delfinforscher herangezogen, die sich damit auskennen“. Aus Studien zum Verhalten der Tümmler schlussfolgert Schulze in seiner Stellungnahme etwa, die Größenanforderungen im aktuell noch gültigen Säugetiergutachten von 1996 „können bereits prima facie die genannten ökologischen und verhaltensbiologischen Charakteristika der Art nicht umsetzen: Weder stehen Strecken zur Verfügung, die eine hinreichend lange Bewegung in Maximalgeschwindigkeit oder ggf. gar ihr Erreichen ermöglichen, noch können natürliche Tauchtiefe und Distanzwanderungen auch nur ansatzweise simuliert werden.“ Dafür seien etwa 850 bis 800 Meter lange Becken erforderlich. Weiter kritisiert er etwa den Nitrat-Grenzwert pro Liter Salzwasser in Höhe von 100 Milligramm.

Im Entwurf des Säugetiergutachtens (Stand: Februar 2013) wurden Schulzes Anregungen allerdings nicht berücksichtigt:

Zoologen gegen Tierschützer – Streit in Arbeitsgruppe zur Delfinhaltung 

In der vom Ministerium bestellten Arbeitsgruppe zur Delfinhaltung waren neben Zoo-Vertretern zwar auch Delfinschützer und -forscher vertreten, Schulzes Stellungnahme aber zogen auch Letztere nicht heran. Dabei würde zum Beispiel auch Meeresbiologin Petra Deimer von der inzwischen aufgelösten „Gesellschaft zum Schutz der Meeressäugetiere“ die Delfinarien in Europa am liebsten direkt schließen. „Bei den Delfinen gab es keine Einigung“, berichtet sie aus der Arbeitsgruppe. „Da wurde heftig gestritten.“

Deimer zum Beispiel fordert auch in Deutschland „Freiluftbecken, aus denen heraus die Delfine ihre Umwelt beobachten können“. Und die im Entwurf genannten Gehegegrößen gehen ihr nicht weit genug. Ein Meerbeckensystem für fünf ausgewachsene Tümmler muss danach demnächst mindestens 600 Quadratmeter Wasseroberfläche (altes Gutachten: 400 qm) und ein Wasservolumen von mindestens 2200 Kubikmetern (vorher: 1500) haben. In Duisburg fassen die Becken nach Auskunft des wissenschaftlichen Leiters Dr. Jochen Reiter schon jetzt 3500 Kubikmeter Wasser, die Wasseroberfläche ist alles in allem 850 Quadratmeter groß. Am Kaiserberg hält der Zoo sechs ausgewachsene Tümmler und die drei Jungtiere Dörte, Diego und Darwin, die Mitte 2011 in Duisburg zur Welt kamen.

Argumente gegen Delfinarien kann auch Dr. Karsten Brensing zu Hauf vorbringen. Der Meeres- und Verhaltensbiologe arbeitet für die „Whale and Dolphin Conservation“ (WDC, ehemals WDCF). Er diskutierte in der Delfinhaltungs-Arbeitsgruppe zur Aktualisierung des Säugetiergutachtens mit und wird bei der Anhörung im Bundestag am 15. Mai für die Grünen-Fraktion sprechen. Er hat an der FU Berlin über die Interaktion zwischen Menschen und Delfinen promoviert und Forschungsprojekte in Florida und Israel geleitet: „Ich bin vielleicht der einzige Wissenschaftler, der gefangene Delfine erforscht hat und sich nun gegen die Delfinhaltung einsetzt.“

Wenn es um die Delfinhaltung geht, argumentiert Brensing nicht in erster Linie mit dem Raumbedarf der Tiere, sondern über die EU-Zoodirektive (1999/22/EC): „Danach sollen die Zoos bei Zootieren die sozialen Gruppen aufbauen, in denen die Tiere auch in freier Wildbahn leben. Im Falle der Delfine kann ein Zoo das gar nicht schaffen.“ Der Grund, so Brensing: „In freier Wildbahn gibt es bei Delfinen, sobald sie adult sind, eine klare Geschlechtertrennung. Weibchen würden niemals mit geschlechtsreifen Männchen zusammenleben. Wenn man das nicht beachtet, verkrüppelt man diese intelligenten Tiere geistig.“ Das erzwungene Zusammenleben von Männchen und Weibchen in Delfinarien behindere „die kognitive Entwicklung der Tiere“ und verursache Aggressionen. Brensings Empfehlung: Delfinarien schließen.

Kein Wunder also, dass die Fronten auch in seiner Arbeitsgruppen zur Aktualisierung des Säugetiergutachtens verhärtet waren:

Delfinforscher Brensing wirft Zoos „Betrug“ vor 

So beklagt Dr. Jochen Reiter vom Zoo Duisburg, „dass das Ministerium überhaupt Tierschutzgruppen als Fachleute zugelassen hat. Die Gegenseite will, dass Zoos langfristig geschlossen werden“. Das, so Reiter, hätten in den Arbeitsgruppen einige Aktivisten „genau so formuliert“. Unter solchen Vorzeichen sei die Erarbeitung „vernünftiger Vorgaben kaum möglich“. Das Resultat aus seiner Sicht: „eklatante Schwachstellen im Entwurf für das neue Säugetiergutachten“. Vor dem Hintergrund des aktuellen Entwurfes blickt Reiter aber zumindest der endgültigen Version des Absatzes 24 im neuen Säugetiergutachten, „Wale (Cetacea) –Delfine (Delphinidae)“, nach eigenen Angaben „mit Gelassenheit“ entgegen.

Auf der anderen Seite wirft Dr. Karsten Brensing den Zoos bei der Erarbeitung neuer Richtlinien für die Delfinhaltung sogar „Betrug“ vor: „Mehr als die Hälfte der etwa 250 in Europa gehaltenen Delfine sind nachweisbar Wildfänge.“ Durch das „Mauern“ der Zoos sei der Abschnitt zur Delfinhaltung „nicht wissenschaftlich zustande gekommen“. Die Zoos verweigerten ihm die Einsicht in ihr europäisches Zuchtbuch, so der Wissenschaftler: „Diese Daten wären eine gute Datenbasis zur Bewertung und Verbesserung der Haltungsbedingungen gewesen. Solange diese Daten nicht zur Verfügung stehen, bin ich nicht mehr Mitglied in diesem Gremium.“

Einsicht in alle Informationen zur Haltung der Delfine im Zoo Nürnberg hatte sich Brensing mit der WDC (damals noch: WDCS) vor Gericht erstritten. Im Mai 2011 bestätigte der Bayerische Verwaltungsgerichtshof das Urteil des Verwaltungsgerichtes Ansbach aus dem Jahr 2009, wonach Vertreter der internationalen Wal- und Delfinschutzorganisation Anspruch auf vollständigen Zugang zu den Unterlagen des Nürnberger Delfinariums erhalten sollten.

 
 

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