Für den MSV geht es um die Zukunft – für Steuerzahler um 23 Millionen Euro

Ingo Blazejewski
Vor der Entscheidung des DFB für oder gegen die Spiellizenz für den MSV Duisburg stellen etwa 1000 Fans Kerzen auf.
Vor der Entscheidung des DFB für oder gegen die Spiellizenz für den MSV Duisburg stellen etwa 1000 Fans Kerzen auf.
Foto: Foto: Stephan Eickershoff / WAZ FotoPool
Tag der Entscheidung für den MSV Duisburg: Was das heutige Verfahren vor dem Schiedsgericht im schlimmsten Fall für die Stadt und damit für den Steuerzahler bedeuten kann. Ein Überblick über die vier möglichen Szenarien und deren Folgen.

Duisburg. Wenn heute in Frankfurt ab 10 Uhr das Schiedsgericht tagt, geht es nicht nur um die sportliche Zukunft des MSV. Es geht auch um jede Menge Geld. An der Entscheidung über die Lizenzfrage hängen finanzielle Folgen für die Stadt und ihre Tochtergesellschaften, die mit Krediten und Beteiligungen beim MSV und dem Stadion involviert sind. Die Gesamthöhe soll im Rathaus bereits durchgerechnet worden sein. Die Summe, die die öffentliche Hand im schlimmsten Fall abschreiben muss, soll sich auf stolze 23 Millionen Euro belaufen.

Das Stadion als Knackpunkt

Zu Chancen, Risiken und Zukunftsszenarien will sich vorab niemand äußern, Interviewanfragen werden abgelehnt. Nur wenige sind eingeweiht, auf welche Argumente sich der Verein heute im Detail stützen will. Zu dem kleinen Kreis gehört offenbar Gebag-Chef Utz Brömmekamp, der sich seit Monaten um die Rettung bemüht, ohne dass seine Rolle dabei klar definiert ist.

Der Sanierungsexperte hat kein offizielles Amt beim MSV, ist als Geschäftsführer der städtischen Bauverwaltung (DBV) Vertreter eines Stadiongesellschafters. Ein Drittel der Arena gehört der DBV. Im dortigen Aufsichtsrat soll Brömmekamp nur erklärt haben, dass MSV-Anwalt Horst Klettke eine „exzellente“ Klageschrift über 20 Seiten formuliert habe. Aus den Führungsetagen anderer beteiligter Gesellschaften heißt es eher, dass Millionen-Beträge gedanklich bereits abgeschrieben seien.

Immer mehr wird deutlich, dass die Stadt und damit der Steuerzahler Verluste tragen werden — ganz gleich, wie das Schiedsgericht heute entscheidet. Der Knackpunkt für die Zukunft des MSV ist immer wieder das Stadion. Die Möglichkeiten und Folgen im Einzelnen:

MSV bleibt Zweitligist - der Schuldenschnitt 

1. Das Schiedsgericht entscheidet zugunsten des MSV. Die Lizenz-Verweigerung wird zurückgewiesen oder der Antrag kann neu gestellt werden; der MSV bleibt Zweitligist.

Das Problem: Der Verein schiebt weiter einen Schuldenberg vor sich her, vor allem durch die ewigen Stundungen von Krediten und der Stadionmiete. Es wird schnellstmöglich einen Schuldenschnitt geben müssen, wie er bei der Stadiongesellschaft bereits kurz vor dem Abschluss stand.

Die Rede war von 60 Prozent, in entsprechender Höhe müssten Kreditgeber, auch städtische, auf ihr Geld verzichten, zudem soll das Land NRW finanzielle Hilfe signalisiert haben.

MSV wird Drittligist - MSV-Profigesellschaft muss Insolvenz abwenden 

2. Der MSV erhält keine Zweitliga-Lizenz, das Schiedsgericht bestätigt die DFL-Entscheidung.

Ob der MSV dann eine Lizenz für die dritte Liga erhält, dahinter stehen dicke Fragezeichen, ganz abgesehen davon, dass kein Spielervertrag für die dritte Liga gilt. Zuerst müsste die MSV-Profigesellschaft die Insolvenz abwenden, die der geschasste Geschäftsführer Kentsch bereits als zwangsläufiges Szenario an die Wand gemalt hatte.

Die Pleite zu verhindern, auch das geht nur über einen Schuldenschnitt, und auch hier bleibt das Stadion der Problemfall: Die Mieteinnahmen wären noch geringer, das bisherige Konstrukt droht vollends einzustürzen.

MSV-KGaA muss Insolvenz anmelden - Land müsste Zeche zahlen 

3. Die MSV-KGaA muss Insolvenz anmelden. Kreditgebern und Gläubigern droht der Totalverlust, auch bei der Arena.

Der Verein rutscht in die Amateur-Klassigkeit, muss in der Regionalliga für sogenannte Risiko-Spiele wie gegen RW Essen oder Oberhausen aber eine Spielstätte haben, die vorgeschriebene Sicherheitsstandards erfüllt. In Duisburg geht das nur in der Arena.

Aber wer soll die Kosten für Regionalspiele in der 31.500-Zuschauer-Arena tragen? Die Stadiongesellschaft würde vielleicht nicht einmal der geplante Schuldenschnitt in der bisher angedachten Höhe retten, auch ihr droht die Insolvenz. Auf der Arena lasten noch rund 17 Mio Euro an Krediten. Am Ende träfe es wieder den Steuerzahler: Das Land müsste mit der Bürgschaft die Zeche zahlen.

Es wäre das Abbild des Aachener Falls, der zeigt, was der Stadionbetrieb kostet: Für die Regionalligaspiele der Alemannia auf dem Tivoli übernimmt die Stadt Aachen 1,5 der 2 Mio Euro Betriebskosten und tilgt zusätzlich noch 360.000 Euro an Stadionkrediten.

MSV-Neubeginn ohne Stadion - in der Oberliga 

4. Ohne Stadion muss der MSV in der Oberliga neu beginnen, dann könnte er auf dem Vereinsgelände an der Westenender Straße spielen. Die zweite Mannschaft müsste automatisch in die Landesliga absteigen.

Die Arena stünde leer, ihre Zukunft wäre fraglich: Lässt die Bank als Hauptgläubiger das Stadion zwangsversteigern? Wer soll es kaufen? Wer zahlt die Instandhaltung? Fällt es am Ende tatsächlich an die Stadt, die über die DBV ohnehin zu einem Drittel beteiligt ist? Dann kämen zu dem Millionen-Verlust weitere Kosten hinzu.