Flüchtlinge in Duisburg - Das Herz ist noch in Syrien

Fabienne Piepiora
Sohn Majid(15), Mutter Navad und Vater Fariz werden Weihnachten ein paar ruhige Tage verbringen. Sie sind Jesiden – und mussten deshalb zunächst aus Syrien, später aus Armenien und Russland fliehen.
Sohn Majid(15), Mutter Navad und Vater Fariz werden Weihnachten ein paar ruhige Tage verbringen. Sie sind Jesiden – und mussten deshalb zunächst aus Syrien, später aus Armenien und Russland fliehen.
Foto: Lars Heidrich
Vor einem halben Jahr besuchte die WAZ die Familie Amar. Damals waren sie gerade in ihre eigene Wohnung gezogen. Inzwischen sind sie angekommen, der Sohn wurde sogar ausgezeichnet.

Duisburg. Neben dem Sofa steht ein kleiner Weihnachtsbaum: eine künstliche Tanne – überladen mit goldenen und bunten Kugeln, umwickelt mit Lametta. „Der Baum ist ein internationales Symbol, deshalb haben wir ihn aufgebaut. Außerdem freuen sich die Kinder“, erklärt Fariz Amar.

Eigentlich sind er und seine Familie jesidische Gläubige. Die Minderheit wird in Syrien verfolgt. Der Glaube war auch der Grund, warum die Amars aus ihrer Heimat fliehen mussten. Erst nach Armenien, dann nach Russland. Als Flüchtlinge wohnen sie inzwischen in Duisburg. Die WAZ hat die Familie vor einem halben Jahr, kurz nachdem sie von der Notunterkunft in Baerl nach Neuenkamp zogen, schon einmal besucht.

Wegen des Glaubens angefeindet

Die Bleibe sieht wohnlicher aus. Statt auf einem Sofa hockte die Familie damals auf einem Teppich. Nachbarn haben Gardinen gespendet, die Couch ist vielleicht nicht das neueste Modell, aber funktional und gemütlich. Die Amars sind dankbar. „Wir freuen uns über die Hilfe, dass es hier eine kostenlose Gesundheitsversorgung für die Kinder gibt und die Kinder die Schule besuchen können“, sagt Mutter Navad Amar dankbar. Sie und die anderen haben schon viel mitgemacht. „Auch in Armenien war die Stimmung gegenüber Jesiden feindlich. Wir hatten Angst, unsere Kinder in die Schule zu schicken, weil wir nicht wussten, ob sie sicher wieder nach Hause kommen“, erinnert sich Mutter Navad Amar. Sohn und Tochter kamen in Armenien auf die Welt, ein weiterer Sohn in Russland. Als es brenzliger wurde, wanderte der Vater nach Russland aus, hat inzwischen auch einen russischen Pass. Sein Familie blieb zurück, Fariz Amar wurde von Armenien mit einem Einreiseverbot belegt.

Vor zwei Jahren liehen sie sich Geld, investierten 8000 Dollar in die Flucht. Ein Schlepper brachte sie nach Dortmund – dort werden die Neuankömmlinge in andere Städte verteilt. „Eine Zeit lang waren wir in Baerl. Das war laut, wir hatten wenig Platz und ich hatte einen weiten Weg zur Schule“, erzählt Majid Amar. Der 15-Jährige besucht die Globus-Gesamtschule am Dellplatz. Die Stadt vermittelte der Familie dann eine Wohnung. Seitdem haben alle mehr Platz und mehr Ruhe.

Musikalische Familie

Der jüngste Sohn besucht derzeit die Grundschule in Neuenkamp, spielt nachmittags mit den Nachbarskindern draußen. „Auch ich habe viele Freunde gefunden“, berichtet Majid. In der Schule wissen allerdings nur wenige, was seine Familie durchgemacht hat. Weil er so schnell Deutsch gelernt und bis auf eine Drei nur Einser und Zweier auf dem letzten Zeugnis hatte, wurde er sogar von den Rotariern ausgezeichnet. Seine Familie hat die Zeitungsartikel über den Filius aufgehoben. „Ich möchte mal Tontechniker werden“, erzählt der Teenager, warum er sich anstrengt. Seine Familie ist ohnehin musikalisch. Der Großvater war ein bekannter Sänger, Papa Fariz ist in seine Fußstapfen getreten, singt und spielt das Saiteninstrument Baglama. Neulich hatte er einen großen Auftritt bei einem Fest in Düsseldorf.

Neuenkamp gefällt den Amars gut. Neulich haben sie einen Spaziergang am Rhein gemacht, ein kleines Video vom Deich und Fluss gedreht und damit einen Song des Vaters unterlegt. „Wir sind glücklich“, bestätigt Navad Amar. Sie sind angekommen.

Nur Heimat ist die Bleibe ihnen noch nicht geworden. Fariz Amar: „Das Herz, das ist damals in Syrien geblieben.“

Sprache ist manchmal ein Hindernis 

Ralph Hartmann betreut die Familie seitdem sie nach Neuenkamp gezogen ist. Der städtische Mitarbeiter war früher beim Ordnungsamt, nun kümmert er sich für das Sozialamt um beschlagnahmte Wohnungen, die die Stadt für Flüchtlingsfamilien herrichtet. „Wir statten sie mit Möbeln aus, bauen eine Küche ein und schauen ab und an nach dem Rechten, ob noch alles funktioniert“, erklärt Hartmann. Zudem hilft er bei offiziellen Behördenfragen. „Die Sprache ist manchmal ein Hindernis.“ Früher behalf er sich auch mal mit dem „Google Translator“, nun nimmt er manchmal einen Sprachmittler mit, der übersetzen kann.

Insgesamt gibt es 280 Wohnungen, in denen Asylbewerber leben. Hartmann teilt sich die Aufgabe mit zwei anderen Kollegen. Der Betreuungsaufwand ist höher, wenn die Flüchtlinge dezentral untergebracht sind. „Hier nebenan gibt es kostenlose Sprachkurse, da sollte Ihre Mutter unbedingt hingehen“, rät Hartmann der Familie. Im Diakonie-Treff „Mittendrin“ wird zudem ein Mutter-Kind-Spielen angeboten – und Ehrenamtliche helfen den Flüchtlingen. Sohn Majid übersetzt das Gespräch. Hartmann ist erleichtert.

Mehmet Menge ist ein Mittler 

Mehmet Menge ist Sprachmittler. Wenn der 27-Jährige nicht gerade studiert, arbeitet er für das Deutsche Rote Kreuz und übersetzt. „Ich spreche Deutsch, Englisch, Türkisch, Arabisch und Persisch“, zählt er auf. Er ist selbst Kind einer Flüchtlingsfamilie, kam in den 90er Jahren nach Deutschland und kann sich deshalb gut in die Lage der Asylbewerber hineinversetzen. „Damals war die Lage noch anders“, erinnert er sich – kann aber viele Probleme, von der die jesidische Familie berichtet, nachvollziehen.

Das Deutsche Rote Kreuz wird von der Stadt für die soziale Betreuung der Asylbewerber beauftragt. Menge arbeitet im Rahmen dieser Flüchtlingsbetreuung – und hilft etwa als Übersetzer bei Ämterbesuchen oder in den Notunterkünften. Nun hat er auch das Interview der WAZ mit Familie Amar gedolmetscht, schließlich kommt es bei der komplizierten Flucht auch auf sprachliche Feinheiten an. Zudem beleuchtete er die politischen Hintergründe der jesidischen Minderheit. Als übrigens die Sprache auf Großvater Amar kam, der ein populärer Sänger ist, leuchteten Menges Augen: Der Name und die Musik sind ihm durchaus ein Begriff.