Flüchtlinge bleiben nur kurz im Duisburger Landes-Asyl

Fabienne Piepiora
Heike Lochert (l) und Natalie Papesch sortieren als ehrenamtliche Helferinnen die Kleidung in der Kleiderkammer.  Vor allem Schuhe für Männer werden gesucht.
Heike Lochert (l) und Natalie Papesch sortieren als ehrenamtliche Helferinnen die Kleidung in der Kleiderkammer. Vor allem Schuhe für Männer werden gesucht.
Foto: Funke Foto Services
750 Flüchtlinge leben derzeit in dem ehemaligen Krankenhaus. Vor allem alleinreisende Männer kommen. Ein Besuch im Landes-Asyl.

Duisburg. In der Kleiderkammer stapeln sich die Umzugskartons voller Hosen, Hemden und Schuhe. Treter, vor allem für Männer, sind besonders gefragt. Oft sind die Sohlen abgelatscht, wenn die Flüchtlinge im St.-Barbara-Krankenhaus ankommen. 750 Asylbewerber leben derzeit in Neumühl, die Zahl kann sich täglich ändern. Vor allem alleinreisende Männer aus Syrien sind derzeit in dem ehemaligen Hospital untergebracht. Sie bleiben im Schnitt sieben bis zehn Tage und werden auf kommunale Einrichtungen verteilt. In der Kleiderkammer können sie sich ein paar neue Klamotten aussuchen. Gebraucht werden vor allem Jogginghosen und Shirts in S und M.

Ehrenamtliche kommen durch Facebook zur Mitarbeit

Heike Lochert engagiert sich ehrenamtlich in der Gemeinde Herz Jesu und wurde in die Asyl-Unterkunft vermittelt, um beim Sortieren zu helfen. Natalie Papesch ist per Facebook darauf aufmerksam geworden, dass noch Ehrenamtliche gesucht werden. „Ich hab’ Zeit und will etwas Sinnvolles tun“, erklärt die junge Frau und faltet einen Stapel Kinderkleidung. Die Kleinen bekommen jeweils ein Spielzeug dazu. Natalie Papesch verschweigt nicht, dass die Arbeit manchmal auch belastend sein kann. Einmal pro Woche schiebt sie nämlich auch Dienst, wenn sich die Flüchtlinge neue Kleidung aussuchen dürfen.

Security-Leute sorgen dafür, dass alles gesittet abläuft. „Fünf bis zehn Minuten hat jeder Zeit. Die meisten haben gar keine Zeit, sich etwas genauer umzuschauen und raffen zwei, drei Teile“, schildert sie. „Wir sind kein Kaufhaus, wo man alles anprobieren kann“, erklärt Einrichtungsleiterin Zehra Yilmaz. „Wir haben einen hohen Durchlauf, morgen werden wieder 200 Flüchtlinge abgeholt. In der Regel bekommen sie in den kommunalen Unterkünften noch einmal Kleidung.“

Annahmestopp von Spenden

Sie bittet zudem, keine Teppiche, Matratzen und andere Textilien anzuliefern. Neulich habe es einen Aufruf für die Zeltstadt in Walsum gegeben, Sachen zu spenden. Als dort das Lager voll war, wollten die Spender ihre Sachen in Neumühl abgeben. Doch auch hier ist momentan Annahmestopp. Die Spender, die es ja eigentlich gut meinten, kippten die Sachen auf eine nahegelegene Wiese – und die Flüchtlinge bedienten sich. Das Chaos führte dann zu Unmut bei den Nachbarn.

„Ich bekomme regelmäßig Anrufe. Die Nachbarn beobachten das Umfeld sehr genau. Das ist auch gut“, findet Zehra Yilmaz. Vor kurzem wurden ein paar Menschen gesichtet, die offenbar Stunden vor dem Asyl ausharrten. Nach einem Hinweis schaute der Sicherheitsdienst – und vertrieb ein paar Zeugen Jehovas.

Lautstärke ärgert die Nachbarn

Auch Lautstärke und Müll auf der Straße sei stets ein Ärgernis für die Anwohner. Für die Nachbarn überlegen die Organisatoren bald eine regelmäßige Sprechstunde anzubieten, wo sie ihre Sorgen los werden.

„Wenn die Flüchtlinge bei uns ankommen, heißen wir sie willkommen, erklären unsere Hausregeln und weisen auch darauf hin, wie man sich in Deutschland benimmt.“ Fotos zeigen, wie sie ihren Müll wegräumen sollen. Oder dass man abends leise sein soll, damit die Nachbarn nicht gestört werden.

Bitte nicht auf Autos klettern

Es gibt sogar ein Piktogramm, dass es sich nicht gehört, in Deutschland auf Autos zu klettern. Kurz nach der Eröffnung des Asyls war ein parkendes Fahrzeug beschädigt worden. Wenn sich einige junge Männer wiederholt nicht an die Regeln hielten und beispielsweise lärmend und alkoholisiert zur Einrichtung kämen, würden sie in ein anderes Haus verlegt.

Sie verhehlt nicht, dass die Stimmung manchmal aufgeheizt ist. „Hier sind viele Menschen auf einem Fleck. Sie wissen nicht, wie es weitergeht, ob sie in Deutschland bleiben dürfen und wo sie als nächstes hingeschickt werden. Viele haben Angst, in den Osten zu kommen“, erzählt Zehra Yilmaz. Via Facebook verbreiteten sich die Nachrichten von Aufmärschen und Anschlägen schnell.

20 Helfer packen mit an

Zehra Yilmaz und ihre 20 Mitarbeiter arbeiten inzwischen auch nachts, weil immer öfter in den frühen Morgenstunden Flüchtlinge ankommen. „Das ist eine belastende Situation, wir würden viel öfter gerne zuhören, trösten, sind aber vor allem mit dem Transport und der Logistik beschäftigt.“

Aktuell gibt es in St. Barbara eine Notbelegung. Sozialräume, in denen die Flüchtlinge kickern oder fernsehen konnten, wurden als weitere Schlafzimmer hergerichtet. Parallel werden nun weitere Gebäudetrakte hergerichtet, so dass 800 Asylbewerber regulär untergebracht werden können.

Beschwerden über das Essen 

Im Hof des alten Krankenhauses stehen Container, in denen das Essen serviert wird. Heute gibt’s Gemüse-Lasagne, morgen gegrillte Hähnchenkeule. In der Vergangenheit hatten sich Flüchtlinge auch über das Essen beschwert. Es sei zu wenig und würde nicht schmecken. „Viele meckern, weil es morgens und abends Brot gibt. Aber das ist nun mal die deutsche Kultur, hier wird abends selten warm gegessen“, erklärt Zehra Yilmaz. Brot gebe es genug. Zwei bis drei Scheiben, dazu Käse, Marmelade, Geflügelsalami und manchmal ein gekochtes Ei.


„Jeder kann sich einen Nachschlag holen. Allerdings müssen sie sich wieder hinten in die Schlange anstellen. Das sind sie nicht gewohnt.“ Bei Rundgängen durch die Zimmer würden immer wieder gehamsterte Lebensmittel gefunden. „Die müssen wir dann wegschmeißen.“


Spenden werden mit Neumühler Bedürftigen geteilt 

Nach den Herbstferien nehmen die Ehrenamtlichen in St. Barbara wieder Kleiderspenden an. Was übrig bleibt, weil es den Flüchtlingen nicht passt, wird mit anderen Einrichtungen getauscht.

Außerdem gibt es eine Kooperation mit der Gemeinde Herz Jesu. Einmal pro Woche dürfen sich Familien, die von Hartz IV leben, ein paar Spenden aussuchen. „Wir bekommen auch Spielzeug, für das man die deutsche Sprache braucht. So etwas geben wir dann weiter, ebenso Geschirr.“ Einige Ehrenamtliche, die bisher in der Zeltstadt aktiv waren, kommen übrigens demnächst ins Neumühler Team.

Günter Semmler ist Ehrenamtskoordinator 

Als Dozent an der Universität Duisburg-Essen hat Günter Semmler oft genug über Flüchtlingsströme und Wanderungsbewegungen referiert, später war der Politikwissenschaftler in der Lehrerausbildung tätig. „In der Theorie kannte ich das Thema, aber ich wollte in die Praxis wechseln“, erklärt der 60-Jährige, der zuletzt als Lehrer am TÜV-Berufskolleg in Hamborn unterrichtete. Im August wechselte er schließlich als Ehrenamtskoordinator im Auftrag des Deutschen Roten Kreuzes ins St.-Barbara-Hospital.

"Aktion Mensch" schafft Stelle für Ehrenamtskoordinatation

Dort betreut er nun die Ehrenamtlichen, die sich beispielsweise in der Kleiderkammer und in der Kinderbetreuung engagieren oder Sprachkurse geben. „Ich drehe jeden Tag meine Runde und höre nach. Mit der Flüchtlingsarbeit habe ich nur indirekt zu tun.“ Bevor seine Stelle mit Mitteln der „Aktion Mensch“ geschaffen wurde, hatten sich einige Ehrenamtliche frustriert zurückgezogen. Sie fühlten sich nicht genug von den Hauptamtlichen betreut.

„Es ist wegen der Arbeitsdichte kaum möglich, dass sich die Hauptamtlichen auch noch um die Ehrenamtler kümmern“, erklärt Semmler. Seine Aufgabe ist es etwa, die Freiwilligen auf ihren Einsatz vorzubereiten und bevor sie in der Landes-Unterkunft einsteigen, auch zu prüfen, ob sie wirklich dort arbeiten wollen. „Gerade die Arbeit in der Kinderbetreuung geht dem einen oder anderen ziemlich nah.“ Bei den Sprachkurse gebe es zudem kaum Möglichkeit, kontinuierlich mit den Flüchtlingen zu arbeiten, weil die meisten nach einer Woche wieder wechseln. Ehrenamtliche werden weiterhin gesucht