Fehlerhaftes Standardwerk behindert Mordaufklärung

Willi Mohrs
Im Institut für Rechtsmedizin im Klinikum Duisburg.
Im Institut für Rechtsmedizin im Klinikum Duisburg.
Foto: WAZFotoPool
Erst durch die "Sendung XY" erkannten die Ermittler den Zusammenhang zwischen einem Vermissten und einem menschlichen Torso, der in Xanten aus dem Rhein gezogen wurde. Die Fehler lag unter anderem in einem Lehrbuch, das falsche Angaben bei der Bestimmung von Größenangaben durch Knochen liefert.

Duisburg. Ein menschlicher Torso wird bei Xanten aus dem Rhein geborgen, zeitgleich wird ein Duisburger vermisst – ein Zusammenhang, der die Polizei zunächst kalt ließ. Ein Grund: ein Druckfehler in einem wissenschaftlichen Standardwerk. Erst ein Hinweis nach der letzten „XY“-Sendung brachte die Fahnder auf die richtige Spur.

Man habe natürlich von dem 74-jährigen Vermissten aus Duisburg gewusst, aber der sei bei den Ermittlungen „durchs Raster gefallen“, erklärt Polizeisprecher Stefan Hausch. Eine Woche nach dem Torso sei im Herbst 2011 unter anderem ein Bein des Toten gefunden worden. Anhand der Länge eines Oberschenkelknochens lasse sich die Größe eines Menschen bis auf vier Zentimeter mehr oder weniger errechnen. Und nach den Tabellen in dem Standardwerk wäre der Tote aus dem Rhein deutlich größer gewesen als der vermisste Duisburger, 1,88 Meter statt der tatsächlichen 1,70. Nur leider: Die Tabellen der aktuellen Ausgabe – an diese müssen sich die Gerichtsmediziner halten – des Buches sind fehlerhaft. Verlag und andere Polizeibehörden wurden umgehend informiert.

Fehler beim Identifizieren des Alters

Auch bei der Festlegung des Alters des Toten lagen die Mediziner daneben: Zwischen 20 und 60 Jahre alt sei das Opfer, hieß es zunächst. Das tatsächliche Alter: 74 Jahre. Die zunächst gefundenen Leichenteile, so Hausch, hätten keine klareren Aussagen erlaubt, die große Spanne in der ursprünglichen Altersangabe verdeutliche die Unsicherheit solcher Angaben.

Mit der Identifizierung ist auch die Suche nach der Todesursache wieder in Gang gekommen. Gingen die Ermittler zunächst von einem Unfall oder Gewaltverbrechen aus, ist nach den Vernehmungen im Umfeld des Toten eher ein Selbstmord anzunehmen.

,Schiffsschraubenverletzung’

Galt es zunächst für die Gerichtsmediziner für unwahrscheinlich, dass die Leiche in einen Schiffsantrieb gekommen ist, gehen sie jetzt von einer „postmortalen Schiffsschraubenverletzung“ aus. Intensive Recherchen hätten ergeben, sagt Hausch, dass es einen bestimmten Schraubentyp gibt mit einer „schlagmesserartigen“ Anordnung der Flügel, der einen Körper derartig hätte zurichten können.

Hundertprozentig sicher ist man sich bei der Kripo allerdings noch nicht. Hausch: „Die Kollegen haben noch Runzeln auf der Stirn. Der Fall wird noch nicht zu den Akten gelegt.“ Auch wenn es keine konkreten Anhaltspunkte für ein Gewaltverbrechen gebe. Eine vierköpfige Mordkommission arbeite jedenfalls weiter an dem Fall.