Fachleute nennen Duisburger Mercatorhalle eine Murks-Baustelle

Völlig freigelegt ist das Foyer der gesperrten Mercatorhalle. Die Begehung am Dienstag stieß auf ein großes Medieninteresse.
Völlig freigelegt ist das Foyer der gesperrten Mercatorhalle. Die Begehung am Dienstag stieß auf ein großes Medieninteresse.
Foto: WAZFotoPool
Nicht aktivierte Rauchmelder, Rigipsplatten statt Brandschutzwand. Die Begehung der Duisburger Mercatorhalle, die wegen Brandschutzmängeln geschlossen wurde, dokumentiert das gigantische Ausmaß des Pfuschs. Wie konnte eine komplette Riesen-Baustelle zur Murks-Baustelle werden? Darüber rätseln Gutachter, Sachverständige und Immobilien-Fachleute.

Duisburg. „F 0“, sagt einer der Experten sarkastisch zu einem Wandelement in der gesperrten Mercatorhalle. F 0, also null Brandschutz. „F 90“ oder zumindest „F 30“ für 90 oder 30 Minuten Schutz gegen Flammen und Rauch hätte es aber sein müssen: Die Medien-Begehung zu den kürzlich aufgeflogenen, skandalösen Brandschutzmängeln in Duisburgs Vorzeigehalle dokumentiert das gigantische Ausmaß des Pfuschs.

„Es ist richtig, dass die Mercatorhalle geschlossen wurde“, unterstreicht Uwe Rohde, der Chef des städtischen Immobilienservice IMD, nochmals beim Ortstermin am Dienstag. Vor einer Woche hatte das Oberbürgermeister Sören Link angeordnet, nachdem bei IMD-Untersuchungen hinter den Verkleidungen immer mehr Mängel beim Brandschutz festgestellt wurden. Mängel und Pfusch, die auch den hinzugezogenen Brandschutzsachverständigen Bernhard Kersting und Tüv-Rheinland-Gutachter Markus Fuchs nur staunen und das Schlimmste bei einem Brandunglück befürchten lassen.

Eklatante Mängel nach und nach aufgedeckt

Erst nach und nach deckten das IMD und die Experten in den vergangenen Monaten die eklatanten Mängel auf. Sie mussten erst 280 Revisionsklappen einsetzen und Verkleidungswände freilegen, um das Ausmaß der Schäden zu ermitteln. In einem der Gänge stießen sie nur auf unsachgemäße Kabel und Rohrabdichtungen, weil die Decke durchhing. Darüber auch ein Rauchmelder, an dem noch die Baukappe hing und er damit nicht aktiviert war.

Im Gänsemarsch wurden die Pressevertreter durch einen engen Schlitz in der Absperrplane geleitet. Sie reckten den Nacken zur Decke: Die Experten zeigten den Murks zwischen Kabelträgern, Kabeln, Deckenverkleidungen und einem Gewirr aus silber verkleideten Rohren und Schächten: Steinwolle ist da notdürftig zur Abdichtung zwischen die Rohre gepresst. „Das Zeug kostet nichts, es kann also keine Geldfrage sein“, meint Fachmann Kersting.

Rigipsplatten statt Brandschutzwand

Wo eine Brandschutzwand über dem Eingang sein sollte, pappen einfache Rigipsplatten. Und die Deckenabhängung ist an dem großen Lüftungsschacht angeschraubt. Das lernt man im ersten Lehrjahr, dass das nicht erlaubt ist. Genauso wie, dass man Wände in den Fluchttrassen bis zur Decke hochmauern muss. Ist es Absicht, dass andere schlampige Arbeiten erst sichtbar wurden, als Lüftungsschächte abmontiert waren?

Bei jeder neuen Wand- oder Deckenöffnung entdeckten die Prüfer weitere Mängel. „Die gibt es überall und immer. Aber hier geht es um die Schwere und die Systematik, die offensichtlich dahinter steckt“, fasst Rohde zusammen. Dabei ist das gesamte Schadensbild immer noch nicht erfasst. Somit sind auch die Kosten ungewiss und auch die Zeit, wie lange die Mercatorhalle gesperrt bleiben muss.

Der Auftrag lautet nun: Alle Unterlagen, Dokumentationen und Abnahmeberichte werden unter die Lupe genommen und abgeglichen. Die beteiligten Architekten, Fachplaner und beauftragten Firmen wurden oder werden angeschrieben. Ob, wann und gegen wen Anzeige erstattet wird, ist dabei noch ungewiss. Rohde: „Bei einem Vorsatz ist das ein Straftatbestand.“

Hintergründe zum Brandschutz noch lange nicht geklärt 

Wie war das möglich? Wie konnte eine komplette Riesen-Baustelle zur Murks-Baustelle werden? Darüber rätseln die Gutachter, Sachverständigen und städtischen Immobilien-Fachleute. Möglicherweise irgendwann auch mal Polizei und Staatsanwälte.

Beim Ortstermin halten sich die Experten mit Spekulationen deutlich zurück. Sie reimen sich ihre Mutmaßungen zusammen. Schließlich sind sie vom Fach, wissen, wie Baustellen ablaufen. Namen werden auch nicht genannt. Nicht die von den beauftragten Architekten für den Innenausbau. Nicht die von den ausführenden Firmen. Nicht die von den Gutachtern. Die Betroffenen selbst werden schweigen. „Da geht keiner nach draußen. Da geht es auch um viel Geld“, meint Immobilienchef Uwe Rohde. Und möglicherweise um Ermittlungen von Polizei und Justiz.

Klar ist: Mindestens fünf staatlich geprüfte Gutachter haben die einzelnen Ausbaugewerke geprüft und sie abgenommen. Auch der externe Brandschutz-Sachverständige hatte dem Hallen-Ausbau einen einwandfreien Brandschutz schriftlich attestiert. Auf diese Testate haben sich die Stadt als Bauherrin für den Ausbau der Mercatorhalle und das Bauordnungsamt verlassen. Mehr muss die Stadt auch nicht leisten, betont Stadtsprecherin Anja Huntgeburth und verweist auf die Landesbauordnung. Es sei „normale, in sämtlichen Bauämtern der Republik gelebte Praxis, die Prüfung der Einhaltung der öffentlich-rechtlichen Vorschriften und Anforderungen und die ordnungsgemäße Erfüllung der Pflichten der am Bau Beteiligten über Sachverständige nachzuweisen“.

Wer hat gepfuscht?

Und in den Bau-Dokumentationen der Stadt, versichert Uwe Rohde, seien alle vorgeschriebenen Bescheinigungen und Gutachten enthalten. Danach sind alle Ausbauarbeiten, ob Elektro, Lüftung oder eben Brandschutz, ordnungsgemäß nach allen Bauvorschriften mit Fachunternehmenbescheinigungen erfüllt und abgehakt.

Offenbar aber eben nicht. Doch wer hat gepfuscht und oder was gedeckt? Die Kette geht von oben nach unten: Architekten, Fachplaner, Fachfirmen. TÜV-Gutachter Fuchs kennt gut organisierte Baustellen. Und schlecht organisierte. Und erkennt den Unterschied schnell. Doch das erklärt die geradezu kriminelle Energie nicht, die sich lange hinter den Verkleidungswänden versteckte. Müssen sich nicht die Baufirmen gegenseitig auf die Füße treten? Der Elektriker den Trockenbauer auf seinen Pfusch hinweisen, der Lüftungsbauer den Brandschutzmann? Nichts von alledem ist bekannt. Spielt doch auch eine Rolle, dass der Ausbau 2007 vor der Eröffnung im April unter enormem Zeitdruck stand, „keiner rechts und links guckte, nachts um ein Uhr“, wie es beim Ortstermin hieß?

Mindestens fünf externe Gutachter meinten hochoffiziell mit ihrem Namen: Alles O.k. auf dem Bau. Steckten denn da wirklich alle unter einer Decke? IMD und die Experten schweigen zu solchen Fragen und Mutmaßungen.

Licht ins Dunkel - ein Kommentar von Oliver Schmeer 

Bei den kriminell schlampigen Schweißarbeiten am Küppersmühle-Stahlgerüst brachte ein Brief eines aufgebrachten Leiharbeiters an Presse, Bauherrin und Staatsanwaltschaft den Stein ins Rollen und ließ das Ausmaß des Pfuschs erkennen. Bei der Mercatorhalle zeichnen Verantwortliche der Stadt derzeit für die Öffentlichmachung verantwortlich.

Sie zeigen die schweren Mängel bei Brandschutz und Ausbau. Das ist gut so. Auch die Stadt hat großes Interesse, die Schuldigen zu finden. Und doch. Je mehr bekannt wird, umso so zahlreicher sind die Fragen. Wer hat da gekungelt, betrogen und gelogen? Was ist Alltag, was ist kriminell? Und man wird das Gefühl nicht los, kaum wirklich Licht ins Dunkel zu bringen.

Sie haben Hinweise, Anregungen? Sie erreichen den Redakteur Oliver Schmeer unter 0203/99263150 oder Mail: o.schmeer@waz.de

 
 

EURE FAVORITEN