Essen/Duisburg: Epidemiologe teilt gegen Corona-Politik aus – „Unsere Ergebnisse wurden nicht ernstgenommen“

Corona-Varianten: Wie entstehen Mutationen und was macht sie gefährlich?

Corona-Varianten: Wie entstehen Mutationen und was macht sie gefährlich?

Was sind eigentlich Corona-Varianten und warum werden sie mit griechischen Buchstaben bezeichnet.

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Politiker haben für ihren Umgang mit Corona viel Kritik einstecken müssen. Auch Prof. Dr. med. Andreas Stang von der Universität Duisburg-Essen ist nicht mit allen Entscheidungen der Politik zufrieden. Er ist Leiter des Instituts für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie an der Universität Duisburg-Essen.

In einer Studie beschäftigte er sich mit der Aussagekraft von PCR-Tests auf das Infektionsgeschehen. Das sorgt sogar für Diskussionen im Bundestag. Wir haben mit ihm über die Querdenkerbewegung gesprochen und über die Frage, wie Medien und Politik mit der Wissenschaft und ihren Forschungsergebnissen umgehen.

DER WESTEN: Sie sagen, dass allein ein positiver PCR-Test wenig darüber aussagt, wie infektiös eine Person ist. Sogenannte Querdenker nutzen solche Aussagen gerne, um damit Maßnahmen abzulehnen oder die Gefahr von Corona zu leugnen. Auch einige Medien nutzen solche Aussagen für Stimmungsmache gegen die Regierung: Machen Sie sich Gedanken darum, dass die Querdenker Ihre Studienergebnisse nutzen, um damit Stimmung gegen Corona-Maßnahmen im Allgemeinen und die Gefahr von Corona selbst im Besonderen zu machen?

Prof. Dr. med. Andreas Stang: Den Gedanken habe ich – ja. Das hält mich aber nicht davon ab, meine Studienergebnisse zu publizieren. Es wäre verheerend, wenn wir in der Erwartung, dass Ergebnisse falsch verstanden werden könnten oder von den falschen Menschen aufgegriffen werden, wissenschaftliche Ideen oder Ergebnisse nicht mehr vortragen würden. Das wäre eine Zensur der Wissenschaft.

Es gibt natürlich einen Unterschied zwischen dem, was bei den Laien und der Presse ankommt, und was die Wissenschaftler sagen.

Sind die Medien ihrer Aufgabe, die Menschen aufzuklären nachgekommen? Was hätte besser laufen können?

Die mediale Aufarbeitung der Pandemie war manchmal sehr schlecht. Es gibt viele Berichte, in denen sich Journalisten auf die Aussage eines Wissenschaftlers beziehen, ohne in Betracht zu ziehen, in welchem Fachgebiet derjenige zuhause ist oder welche Anerkennung er in der Fachwelt hat. Und diese oft nicht richtigen Aussagen schwirren dann durch die Medien und verunsichern die Menschen.

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Aber Wissenschaftler sind doch nicht immer einer Meinung…

Die Wissenschaft ist sich nicht einig. Das muss sie auch aushalten können. Für den Laien ist das aber oft nicht gut durchschaubar. Manchmal stehen Wissenschaftler sich in ihren Erkenntnissen sogar diametral gegenüber. Das müssen Medien wiederum einordnen.

Außerdem ist natürlich erst mit der Zeit mehr und mehr zu Covid klar geworden. Manchmal lieferte die Wissenschaft auch einfach zu langsam. In Zukunft werden wir besser vorbereitet sein.

Große Verunsicherung bei den Menschen lösten ja auch die Impfstoffe aus. Tragen da auch die Medien eine Teilschuld?


Einer Aussage, die in vielen Medien zu lesen war und die Menschen gerne aufgegriffen haben, ist, dass die „Langzeitfolgen“ bei Impfungen unbekannt seien. Das ist aber bei der Zulassung jedes neuen Impfstoffes, jedes neuen Arzneimittels genauso. Sie können auch nicht bekannt sein. Bei Corona steht das aber plötzlich im Vordergrund.

Und das sorgt für Verwirrung und Durcheinander bei den Laien. Besonders bedingt wird dieses Phänomen durch die Sozialen Medien.

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Das ist die Stadt Duisburg:

  • früheste schriftliche Erwähnung im Jahr 883
  • fünftgrößte Stadt in NRW, besteht aus sieben Stadtbezirken
  • hat rund 498.686 Einwohner (Stand: Dezember 2019)
  • Duisburger Hafen gilt als größter Binnenhafen der Welt
  • fast ein Drittel des in Deutschland erzeugten Roheisens stammen aus den acht Duisburger Hochöfen
  • Sehenswürdigkeiten unter anderen: Landschaftspark Duisburg-Nord, Tiger & Turtle – Magic Mountain, Sechs-Seen-Platte
  • Oberbürgermeister ist Sören Link (SPD)

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Gut, die Medien haben sicherlich nicht immer richtig gehandelt. Wie sieht es in der Politik aus? Handelte sie im wissenschaftlichen fundierten Sinne oder ging es oft auch um gesellschaftlichen Druck?

Es ist mindestens eine Mischung aus Forschungsmeinung und gesellschaftlichem Druck. Teilweise schlägt das Zünglein zu sehr in Richtung der Meinung der Gesellschaft. Beispiele sind da besonders viele im Bereich Schule zusehen, wo Elterngemeinschaften, Schulen und Lehrergewerkschaften Druck ausgeübt haben.

Schulen waren in den Medien ein viel diskutiertes Thema. Wie hätte man anders mit dem Thema Schulschließungen und Klassenquarantäne umgehen können?

Da hätten einerseits viel sorgfältiger Studien durchgeführt werden müssen. Andererseits hätte die Politik empirische Ergebnisse ernster nehmen müssen. Die Politik hat unsere Ergebnisse nicht ernst genommen. Es gibt eine wirklich gute Studie aus Frankfurt, in der Infektionen in der Schule untersucht wurden. Es zeigte sich: Von Schulen gingen keine schweren Ausbrüche aus. Die Schüler infizierten sich im Privaten.

Also waren Quarantänen für ganze Schulklassen wenig zielführend?

Die Debatte um Quarantäne für eine ganze Schulklasse oder gar einen ganzen Jahrgang gingen viel zu weit. Hätte es bessere Untersuchungen gegeben, hätte man viel früher sagen können: „Von Schülern gehen keine großen Ausbrüche aus.“

Wie soll es an den Schulen jetzt weitergehen?

Mittlerweile gibt es wegen der Delta-Variante aber neue Unsicherheiten. Das muss dazu führen, dass wir weiterhin das Infektionsgeschehen sehr genau analysieren, gute Daten sammeln und diese vernünftig auswerten!

Vielen Dank für das Gespräch!

Zuvor hatten wir bereits mit Prof. Stang darüber gesprochen, als wie sinnvoll er PCR-Tests oder Maßnahmen wie die 3G-Regel erachtet. Das Interview findest du HIER <<< (evo)