Duisburg

Es wirkte ein bisschen wie im Zoo - so lief der Steinmeier-Besuch und das denken die Marxloher

So lief der Besuch von Bundespräsident Steinmeier in Marxloh
Kathrin Hänig

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier kam zum Antrittsbesuch auch nach Duisburg.

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Duisburg. Es regnet ununterbrochen in Strömen, viele Straßen in Marxloh sind gesperrt, Autofahrer stehen bis Hamborn im Stau. Nichts geht mehr, weil Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in der Stadt ist. Auf Antrittsbesuch. Er will sich ein Bild von Deutschlands Vorzeigeproblemviertel Duisburg Marxloh machen.

Bundespräsident schaut sich nicht nur Probleme an

Der Bundespräsident schaut sich an, was hier schief läuft, was die Stadt Duisburg mit ihrer Task Force gegen Problemhäuser schon erreicht hat und er will mit Geschäftsleuten der Brautmodenmeile sprechen.

Dafür startet er seinen Besuch in einer Marxloher Grundschule mit 200 Kindern und einem Migrationsanteil von 95 Prozent.

Doch es wirkt wie „Katastrophentourismus", denn die rund 100 Journalisten reisten extra aus ganz Deutschland an und stapfen Steinmeier durch den Marxloher Regen hinterher. Sie fotografieren Menschen, die wegen des prominenten Besuchs auf der Straße stehen und Kinder, die Bonbons am Kiosk kaufen. Eigentlich alles normal im Ruhrgebiet. Und doch auch ein bissschen wie im Zoo.

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Das Problemhaus steht mittlerweile leer

Das Problemhaus in der Henriettenstraße steht mittlerweile leer. Die Stadt hat es räumen lassen. Doch der Besitzer will niemanden ins Haus lassen. Deshalb kann der Bundespräsident es nur von außen anschauen.

Die Wohnungen stehen leer, die Fenster sind teilweise schon erneuert. Es ist einfach nur ein leer stehendes Haus. So bekommt der Bundespräsident mit Sicherheit nicht den Eindruck, den er noch vor ein paar Monaten bekommen hätte, als hier noch Matratzen und Müllberge auf der Straße lagen, Bettzeug aus dem Fenster hing und die Ratten auf dem Gehweg tobten.

Wir treffen einen Anwohner

Immer wieder erklingt der Vorwurf, Steinmeier sehe nur ein weich gezeichnetes und sauber geputztes Marxloh. Der WESTEN trifft Ibrahim Bajrektarevic. Der Bosnier steht mit seiner Frau am geöffneten Fenster im Erdgeschoss. Das Ehepaar lebt gegenüber der ehemaligen Problem-Immobilie. Vor über einem Jahr zeigte Ibrahim uns stolz seinen wunderschönen blumigen Garten hinter dem Haus, den wir in der Gegend erstmal so nicht erwartet hätten.

Ibrahim freut sich uns wiederzusehen und sagt: „Ich bin sehr happy hier. Seit das Problemhaus geräumt wurde, ist es sehr ruhig geworden.‟ Er findet es gut, dass Steinmeier sich hier umschaut. „Es ist gut, dass jemand Wichtiges kommt und sich interessiert.‟

Er selbst hat seinen bulgarischen Nachbarn gezeigt, wie sie Müll trennen müssen. „Ich habe immer zugeschaut und ihnen dann erklärt, was in die gelbe oder die blaue Tonne gehört. Jetzt können die das auch.‟

Für Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender geht es weiter Richtung Brautmodenladen.

Zwei Zwischenfälle

Es läuft aber nicht alles rund. Unterwegs von der Schrottimmobilie zum Brautmodenladen demonstrieren Anwohner lautstark gegen den Krieg in Syrien und die Beteiligung Deutschlands mit Waffen und Panzern. Bei ihrer Offensive gegen kurdische Kämpfer im Nordwesten Syriens hat die türkische Armee und ihre syrischen Verbündeten nach eigenen Angaben die Stadt Afrin eingekreist.

Als Steinmeier nach dem Gespräch mit dem Geschäftsmann vor dem Brautmodenladen für ein Foto stehen bleibt, schreit ein Mann in einer schwarzen Kapuzenjacke mit Bart: „Mörder und Faschist. Mörder und Faschist.‟ Die Lage ist unübersichtlich. Vor sich sieht Steinmeier nur Journalisten und Kameras. Da unterbricht er den Fototermin, sagt zu seinem Sicherheitsmann: „Kannst du da mal ein Auge drauf haben?‟

Dann dreht er ab und verschwindet erst mal wieder im Brautmodenladen.

Polizisten nehmen den Mann zur Seite, sprechen auf ihn ein. Er will nichts zugeben, wird immer aggressiver und will flüchten. Da reißen die Polizisten ihn zu Boden. Sichern ihn und führen ihn ab.

Steinmeier kennt die Probleme der Region

Am Ende geht es zurück zur Schule, hier spricht Frank-Walter Steinmeier vor den Journalisten. Er hält seine Eindrücke fest und sagt, dass er die Probleme in Marxloh zwar sehe und auch kenne, aber er sehe eben auch, dass die Stadt hier anpacke. Da wo er herkäme, in Berlin, gäbe es Ecken, die schlimmer aussehen würden.

Trotzdem versteht er die Probleme hier: Die Verwahrlosung von Häusern und die schwierige Müllbeseitigung (auch wenn er die nicht gesehen hat, weil Marxloh aufgeräumt wirkte) müssen seiner Meinung nach nicht nur von der Kommune angegangen werden, sondern auch vom Bund.

„Es ist toll, wie sich die Bürger dagegen wehren, damit sich dieses Phänomen nicht ausbreitet‟, sagt Steinmeier.

Doch für die Marxloher ändert sich erstmal nicht viel, nachdem der Bundespräsident weiter nach Dortmund rauscht. Für sie wird sich erst in einiger Zeit zeigen, ob die Task Force sich durchsetzt und irgendwann Ruhe einkehren kann.

 
 

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