Erste Wohnung nach 30 Jahren Obdachlosigkeit

Klaus Johann
Foto: WAZ FotoPool

Mit einem festen Wohnsitz hatte Jochen Badur lange Zeit nichts im Sinn: Drei Jahrzehnte lang lebte der 73-Jährige unter Brücken. Jetzt wohnt er erstmals in einer "richtigen" Wohnung. Nach dem Einzug drehte er als erstes die Heizung ab: "Viel zu warm". Er mag die Kälte - denn Wärme kommt von innen.

Jochen Badur ist ein liebenswürdiger Kauz mit seinem struppigen Ziegenbärtchen und borstigen Schnäuzer. Mit festen Wohnungen hatte er nichts im Sinn. Sein Revier war draußen. Abends genoss er den Sternenhimmel, morgens weckten ihn die Sonnenstrahlen. Drei Jahrzehnte lang lebte der 73-Jährige unter Brücken. Die Autos ratterten im nervtötenden Stakkato-Rhythmus auf der A 40 in Duissern über seinen Kopf hinweg. Den Lärm nahm er nicht mehr wahr, und bei Unwetter schützte ihn die Brücke oder die kleine Plane, unter der er Schutz suchte. Damit ist es jetzt vorbei. Dieses Weihnachten ist der rastlose Gesell zum ersten Mal sesshaft.

Das heißt, zu einem ersten Versuch hatte er sich schon vor zwei Jahren überreden lassen. Da überzeugten ihn Kurt Schreiber und Friedhelm Fritschen vom Verein gegen Kälte, nicht länger „auf Platte” zu leben, doch in einem alten Wohnwagen Quartier aufzuschlagen. Er wechselte den Wohnort. „Es hat mir gefallen, wenn es hier und da auch zog und es feucht wurde”, erinnert sich Jochen Badur an die ersten überdachten Lebensmonate.

Nicht ganz anpassen

Auf dem Boden schlief er weiterhin, denn ganz anpassen an das andere Leben wollte er sich nicht. Doch als der Schimmel in den klammen Ecken einen guten Nährboden fand, war der endgültige Schritt ins bürgerliche Leben nicht mehr weit. Jochen Badur, der das Einsiedlerleben nicht aufgeben wollte, ließ sich von seinen beiden Kumpeln vom Verein erneut zum Umzug überzeugen. Er vertraut ihnen. Er weiß, dass seine von Wind und Wetter gegerbte Haut und sein Körper nicht ewig widerstandsfähig bleiben werden.

Natürlich stellte der 73-Jährige Bedingungen. Einfach und klein, nach Möglichkeit ohne Möbel, soll das Zimmer ausgestattet sein. Die beiden Freunde taten ihm den Gefallen. Jochen Badur lebt spartanisch. Einen Sessel, zwei Stühle - wenn mal Besuch kommt - einen kleinen Schrank und eine Schlafcouch hat er genehmigt. Der erste Handgriff galt nach dem Einzug dem Heizungsgriff. „Viel zu warm”, empfand er und drehte ihn auf Null. Überhaupt, die Wärme ist für ihn das große Problem. „Die Kälte hat mich Jahrzehnte begleitet, die macht mir nichts, meine Wärme kommt von innen.”

Lauwarme Ravioli

Dem Zwei-Flammen-Kocher traut er nicht recht. So brauchten die Ravioli einige Zeit, bis er sie nach dem Vorwärmen auf der Heizung lauwarm essen konnte. Vorgenommen hat er sich, auf dem Fensterbreitt Exoten wie Avocados und Mangos zu züchten.

Jochen Badur lebt vom Sozialgeld, für eine kleine Rente fehlen ihm 16 Monate. Als Chemielaborant hat er in verschiedenen Städten gearbeitet, die Papiere wurden ihm gestohlen. Seit drei Jahren ist er immerhin krankenversichert. Dass er den letzten Arzt vor fast 40 Jahren aufsuchte - da brauchte ich einen Blutspendepass - zeigt ein Blick auf die Zähne. „Zwei Stummel sind mir geblieben, Zahnschmerzen hab' ich nicht mehr.”

Eine Adventskerze hat er aufgestellt. Sie wird ihn an das erste Weihnachtsfest ohne Wind, Regen und Schimmel erinnern. Und zum ersten Mal ist er auch nicht allein. Eine Nachbarin hat ihn eingeladen. Jochen Badur ist unter Mitmenschen heimisch geworden.