Ein hart erkämpftes Liederbuch

Anne Horstmeier
„Vatter“ Ewald Baier als Lehrling bei Krupp im Jahr 1923. Auch Sohn Frank wurde zunächst „Kruppianer“.
„Vatter“ Ewald Baier als Lehrling bei Krupp im Jahr 1923. Auch Sohn Frank wurde zunächst „Kruppianer“.
Foto: WAZ FotoPool

Duisburg. Schon als Elfjähriger hatte Frank Baier ein Liederbuch – für unterwegs bei Fahrten mit der bündischen Jugend, später fürs Trampen. Der erste Liedtext: „Abends treten Elche aus den Dünen.“ 1981 veröffentlichte der Fischer-Verlag Baiers „Arbeiterlieder aus dem Ruhrgebiet“ – Texte und Noten mit Begleitakkordeon. Heute feiert der Liedermacher, der einer der Vorkämpfer bei der Rettung der Siedlung Rheinpreußen in Homberg war, seinen 70. Geburtstag. Und blickt stolz auf den Erfolg seines jüngsten, schwierigsten Kindes: „Glück auf!“, das Liederbuch Ruhr, das im Essener Klartext-Verlag erschienen ist (24,95 Euro).

Zwei Monate nach dem Erscheinen ist die erste Auflage von 4000 Exemplaren verkauft. „Das läuft nicht, das rennt, das brettert“, freut sich Baier, der vier Jahre Arbeit in das Buch gesteckt hat – bis zum gesundheitlichen Zusammenbruch. „So ein Erfolg nach so einer Niederlage“, sagt der wieder Genesene: „Ein unglaubliches Glück.“

Fast vergessene Ansichten

Leicht haben er und der Herausgeber Jochen Wiegandt es sich nicht gemacht. Das Gründungsmitglied des Folktrios „Liederjan“ hatte bereits andere regionale Liederbücher veröffentlicht, als er Frank Baier für die Ruhrgebiets-Ausgabe gewann. „Er kannte mein riesiges Archiv.“ Doch um die Auswahl gab es „heftige Diskussionen“. Baier wollte die politischen Lieder ins Buch nehmen, Wiegandt eher die anderen. „Der ist mit mir fast wahnsinnig geworden“, sagt Baier. Beide haben sich durchgesetzt.

Drin ist das Lied „Macht die Tore zu, ihr Männer, macht die Männer stark ihr Frau’n! Dass sie nicht das Werk abbau’n“, das Fasia Jansen zum Kampf in Rheinhausen schrieb. Ein Foto dazu zeigt Helmut Laakmann bei der Walzwerk-Rede am 30. November 1987. Besungen wird der „Rhein-Ruhr-Hafen Duisburg“ („Kennst du den Hafen an Ruhr und am Rhein, von rauchenden Schloten umgeben, fahrende Schiffe tagaus und tagein, ein immer pulsierendes Leben.“ Und ganz dicht beieinander liegen in der alphabetischen Reihenfolge der „Sang an St. Barbara“, die Schutzheilige der Bergleute, und „Scheiße in der Lampenschale“ (... gibt gedämpftes Licht im Saale).

Außerdem hat das Buch einen Lexikon-Teil, das von „Aal am Kanal“ über „Currywust“ und „Tana Schanzara“ bis zum Kulturhauptstadtjahr „Zweitausendzehn“ reicht. Ganz besonders schön sind die historischen Fotos, die fast Vergessenes zeigen: Schlote, Qualm, Malocher, Fördertürme, Kneipen, Streiks, Demos, Musiker oder „Gastarbeiter beim Sonntagsspaziergang um die Eisenhütte, Oberhausen, Anfang der 1960er Jahre“.

Ein wunderbares Geschichts- und Geschichtenbuch nicht nur für Sänger.

„Heimatabend“ in der „Säule“

Frank Baier stellt sein Buch am Samstag, 11. Mai, um 20 Uhr in der „Säule“ an der Goldstraße vor. Der Sänger, Barde und „Mr. Ruhrgebiet“ aus Homberg spielt übrigens Gitarre, Ukulele, Knopfakkordeon (und auch Harfe im Duo „Baier kontra Bass“). Das Liederbuch, so dick wie ein Ziegelstein, wird von Frank Baier mit allen Zutaten präsentiert: mit Gesang, den tief geschürften Hintergründen, den Döntjes und den fotografischen Einblicken auf die Zeiten und Generationen. „Duisburg darf einem Heimatabend mit großem Herzen entgegensehen“, so Eckart Pressler, Veranstalter der Konzertabende in der „Säule“. Außerdem signiert er sein Buch. „Sollte der Publikumsansturm so groß sein, wie die nach zwei Monaten schon vergriffene 1. Auflage befürchten lässt, wird kurzfristig eine weiterer Konzerttermin angesetzt“, so Pressler.

Karten (9, ermäßigt 6 Euro) gibt es im Vorverkauf im Ticketshop Falta, Kuhtor, im Visitorcenter im City-Palais, über info@pressler-events.de oder in der „Säule“, 0203/20125.