Duisburger Pater hält Radioandacht zum Mauerfall

Pater Philipp Reichling mit einem Lesezeichen, das ein winziges Stück Berliner Mauer enthält.
Pater Philipp Reichling mit einem Lesezeichen, das ein winziges Stück Berliner Mauer enthält.
Foto: Michael Dahlke
Am Sonntag ist der 25. Jahrestag dieses Weltereignisses. Für den Hamborner Pater Philipp Reichling war das Großartige an diesem Ereignis, dass unterdrückte Menschen ihre Angst überwunden haben und aufgestanden sind. Solche Angstmauern gibt es heute noch, sagt er in seiner Radioandacht.

Duisburg.. Pater Philipp Reichling (51), Bruder im Orden der Prämonstratenser in der Abtei Hamborn und Rundfunkbeauftragter der katholischen Kirche beim WDR, hält im November die Andachten in der Reihe „Hörmal“ (sonn- und feiertags um 7.45 Uhr auf WDR 2). Sein Thema für diesen Sonntag hat die Weltgeschichte vorgegeben: Der Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989, vor genau 25 Jahren. Mit WAZ-Redakteur Ludger Böhne sprach er über diese und andere Mauern, welchen symbolischen Wert sie haben und wie er den Tag des Mauerfalls selbst erlebt hat.

Was ist aus heutiger Sicht das Besondere am Fall der Mauer?

Pater Philipp Reichling: Das habe ich einen Mitbruder gefragt, der in der DDR aufgewachsen ist, der dort Theologie studiert hat und deshalb selbst Repressalien ausgesetzt war: Das Großartige am Mauerfall war, dass Menschen plötzlich keine Angst mehr hatten und aufgestanden sind.

Und die DDR war ja 40 Jahre lang ein Staat, der vielen Menschen Angst gemacht hat . . .

Reichling: Ja, die herrschende Partei SED hat mit Angst Politik gemacht. Die Staatssicherheit hat die Menschen unter Druck gesetzt. Das war ein Kontrollstaat. Wenn man den Film „Das Leben der anderen“ sieht, vergeht einem doch alles. Ich habe das 1986 ähnlich in der Tschechoslowakei erlebt. Dort haben wir Mitbrüder besucht, die tagsüber einen normalen Beruf hatten und als Ordensbrüder und Seelsorger im Untergrund lebten, die im Geheimen beten mussten. Es ist wichtig, dass man sich solche Geschichten immer wieder vor Augen hält, um zu sehen, wie selbstverständlich heute für uns Freiheit ist.

Die Mauer in Berlin und die DDR sind Geschichte. Was sagt uns dieses Weltereignis heute?

Reichling: Mit Ängsten wird ja immer noch Politik gemacht, sie werden oft geschürt: Angst vor Flüchtlingen, vor Rumänen, davor, dass die Wiedervereinigung zu teuer ist. Diese Angstmauern müssen fallen.

Wie würden Sie den Menschen helfen, diese Mauern und Ängste zu überwinden?

Reichling: Das ist oft eine Frage der Relation. Was wäre denn passiert, wenn die Mauer in Berlin nicht gefallen wäre? Das Wettrüsten zwischen Ost und West wäre weitergegangen und hätte uns genauso ruiniert wie der Osten damals schon war. Oder nehmen sie die Angst vor Flüchtlingen. Der Maßstab ist doch: Da kommen Menschen zu uns, für die geht es ums nackte Überleben, die haben nichts mehr zu verlieren. Wir in Europa und in Nordamerika dagegen leben doch auf der Sonnenseite der Welt.

Wissen Sie noch, wie und wo Sie den Mauerfall erlebt haben?

Reichling: Klar, als Student in Bonn. Ich habe nie wieder so intensiv Zeitung gelesen und ferngesehen wie in diesen Tagen. Im Juni ‘89 war Gorbatschow in Bonn, wurde für seine Politik des Wandels in der Sowjetunion bejubelt. Der ist mit seiner Limousine drei Meter an mir vorbei gefahren. Ich habe mal einen kleinen Stein aus der Berliner Mauer geschenkt bekommen. Der liegt seitdem auf meinem Schreibtisch und ist fast so etwas wie eine Reliquie für mich.

Ist die Wiedervereinigung aus ihrer Sicht abgeschlossen?

Reichling: Nein, bis dahin vergehen zwei Generationen. Die jungen Leute, die DDR und BRD nur noch aus den Geschichtsbüchern kennen, die unterscheiden heute nicht mehr in Ost- und Westdeutsche. Aber ich würde mir darüber hinaus wünschen, dass wir alle noch viel mehr zu Europäern werden.

Der Hörfunkbeitrag zum Nachhören

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