Duisburger HNO-Arzt entwickelt Therapie für Tinnitusgeplagte

Gregor Nachtwey nutzt seinen individuellen Geräusch-Mix schon nach dem Aufstehen.
Gregor Nachtwey nutzt seinen individuellen Geräusch-Mix schon nach dem Aufstehen.
Foto: WAZ FotoPool
Dr. Uso Walter hat eine Therapie für Tinnitus-Patienten entwickelt. Mit einem speziell auf jedenPatienten zugeschnittenen Geräuschemix kann das lästige Dauerpfeifen im Ohr verringert werden. Allerdings muss dafür mehrere Stunden am Tag CD gehört werden.

Duisburg.. Er fiept, pfeift, klingelt oder zischt und brummt: Der Tinnitus ist für viele Patienten schlimmste Alltagsfolter. Heilbar ist die Erkrankung bislang kaum.

Doch der Duisburger Mediziner Dr. Uso Walter hat nun eine vielversprechende Fährte gefunden: Er setzt jedem Tinnitus einen auf CD maßgeschneiderten Geräusche-Mix entgegen. Nach erster, positiver Resonanz aus der Praxisbehandlung sind die Geräuschdateien nun auch für die breitere Öffentlichkeit beziehbar.

Fehl-Pfeifen wird lauter und stärker wahrgenommen

„Der Tinnitus-Geplagte erfährt nur Ruhe durch Geräusche“, so Ohrenarzt Uso Walter. Klingt paradox, lässt sich aber erklären: Bei Patienten ist jene Sortierfunktion im Gehirn geschädigt, die zwischen wichtigen und unwichtigen Geräuschen trennt. Gesunde Menschen hören beim Aufwachen die lauten Vogelstimmen, kurze Zeit später nicht mehr – das Gehirn blendet sie aus.

Bei Kranken produzieren Nervenzellen selbst ein Fiepen oder Klingeln, das zu allem Überdruss vom Kopf für wichtig gehalten wird. Die Konsequenz: Das Fehl-Pfeifen wird immer lauter und stärker wahrgenommen, weil die Nerven- und Sinneszellen nebenbei auch noch ihre Nachbarzellen fürs Krachmachen rekrutieren. „Wenn wir die Nachbarzellen allerdings per Kopfhörer mit neutralen Geräuschen füttern, dann hemmen sie auch die Tinnitus-Zellen“, erklärt Walter.

„Was fehlte, war eine erschwingliche Lösung“

In der Theorie war all das längst bekannt. „Was fehlte, war eine erschwingliche Lösung“, so Uso Walter. Die hat er in den vergangenen Jahren entwickelt, seit einigen Monaten ist sie auf dem Markt. Im Internet oder in der Praxis können Patienten anhand einer Tonklaviatur die genaue Frequenzlage ihres Tinnitus identifizieren. Der Mediziner erstellt dazu passend eine neutralisierende Geräuschdatei auf CD.

Täglich müssen Betroffene dem maßgeschneiderten Mix aus Rauschen zuhören. „Durch diesen Ablenkungseffekt wird der Tinnitus deutlich ruhiger“, erklärt er. „Mittelfristig lernt das Gehirn dann, ihn ganz ohne Rauschen zu unterdrücken.“ Weil es ein Lernprozess ist, ist mit Ruhe erst nach sechs Monaten bis zwei Jahren regelmäßigem Entspannungslauschen zu rechnen.

Seit 15 Jahren ein lautes Kreischen im Ohr

Gregor Nachtwey, Referatsleiter im Düsseldorfer Schulverwaltungsamt, gehört zu den Patienten, die Walters Anti-Tinnitus-Mix bereits seit längerem an sich testet. „Mein Ohrgeräusch ist seit 15 Jahren ein lautes Kreischen, als würde man die Fingernägel über eine Tafel ziehen“, sagt er. Die MP3-Dateien auf der CD des Duisburger Ohrenarztes koppelt er mit seinem Hörgerät. Morgens zum Frühstück spielt er sich das Rauschen ein. „Da legen meine Ohren innerlich die Füße hoch“, sagt er. Für ihn eine kurze Pause vom Tinnitus; wie viele andere hegt auch Nachtwey die Hoffnung, das nervtötende Geräusch irgendwann ganz loszuwerden.

„Es erkranken immer mehr Menschen am Tinnitus“, ergänzt Uso Walter. „Wir alle haben halt in jeder Hinsicht immer mehr um die Ohren – akustische Entlastung gibt es kaum noch, Stress nimmt zu.“ Stress sei aber wie ein Lautstärkeknopf am Kopf: Wer unter Druck steht, hört die Welt ungefiltert, das Leise wird laut und unangenehm. Beim Tinnitus erst recht. „Der Geräusche-Mix war ursprünglich nur eine Hilfe für meine Patienten“, sagt Walter. „Nach vielen positiven Rückmeldungen möchte ich die CD nun auch anderen Tinnitus-Leidenden zur Verfügung stellen.“

 
 

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