Duisburger fühlen sich mit Armutsflüchtlingen alleingelassen

Ingo Schmidt
Duisburg-Hochfeld ist einer der Stadtteile, in die besonders viele Armutsflüchtlinge aus Bulgarien und Rumänien gezogen sind.
Duisburg-Hochfeld ist einer der Stadtteile, in die besonders viele Armutsflüchtlinge aus Bulgarien und Rumänien gezogen sind.
Foto: Stephan Eickershoff / WAZ FotoPool
„Elend dort - Angst hier?“: Nach Sandra Maischberger diskutierte auch Maybrit Illner in dieser Woche über Armutsflüchtlinge aus Osteuropa - und darüber, wie man sie besser integrieren könnte. Eine Duisburgerin erzählte, wie alleingelassen sie sich mit Elend und Kriminalität in ihrem Stadtteil fühlt.

Essen. Seit 2007 sind Rumänien und Bulgarien Mitglieder der Europäischen Union. In diesem Zeitraum stieg die Zahl der Zuwanderer aus beiden Ländern von 64.000 auf 182.000 im Jahr 2012. Viele von ihnen sind bitterarm, Roma und Sinti etwa, in ihren Heimatländern verfolgt und ausgegrenzt. Doch auch in Deutschland leben die meisten von ihnen in prekären Verhältnissen, ohne Chance auf Eingliederung. Nach Sandra Maischberger am Dienstag beschäftigten sich auch Maybrit Illner und ihre Talkgäste am Donnerstagabend mit dem Thema „Elend dort – Angst hier. Kommen jetzt die Armen aus Osteuropa?“

Die geladenen Gäste, Renate Künast (Grüne), Markus Söder (CSU), Heinz Buschkowsky (Bezirksbürgermeister Berlin-Neukölln), Dotschy Reinhardt (Jazz-Sängerin und deutsche Sinteza) und Rainer Wendt (Bundesvorsitzender der deutschen Polizeigewerkschaft) bemühten sich redlich, den weiten Kosmos der Problematik zu umreißen und Verbesserungsvorschläge zu finden, die die Gesamtsituation für Deutsche und Migranten gleichermaßen verbessern könnten, doch das Fazit könnte heißen: Der Weg ist weit, es muss viel passieren.

Versuche, Kontakte zu knüpfen, schlugen fehl

Sabine Keßler, Bewohnerin der Bergstraße in Duisburg-Meiderich, zeichnete ein Bild, das zuletzt häufig durch die Medien ging: Die Straße vermüllt, Exkremente auf dem Spielplatz, kriminelle Machenschaften, die sie beobachtet hat, dazu konspirative Treffen in den beiden Häusern ihrer Straße, die von Rumänen und Bulgaren bezogen wurden. „Ich habe nicht mehr das Gefühl, nach Hause zu kommen“, sagt die Duisburgerin, „doch in anderen Stadtteilen ist es noch viel schlimmer.“

Oft habe sie den Kontakt zu den Neuen gesucht, meint Sabine Keßler, die viele Freunde mit Migrationshintergrund hat, doch das Interesse sei gleich Null gewesen. Sie klagt an: „Wir werden von der EU und Berlin allein gelassen. Es fehlt an Personal, an Polizeipräsenz, der Bürgermeister ist auch machtlos.“

Nach Neukölln zog gleich ein ganzes rumänisches Dorf

Während sich Rumänien und Bulgarien einer ungeliebten Minderheit entledigen, wachsen hierzulande die Probleme. „Diese Probleme waren absehbar“, erklärt Rainer Wendt, „eine solche Armutswanderung musste einfach kommen.“ Und mit der Armut kamen die Lebensgewohnheiten, die sich so gar nicht mit den hiesigen decken wollen: „Klar, dass die auch ihr Sozialgefüge mitbringen“, ergänzt Heinz Buschkowsky, „wer auf Müllhalden aufwächst, und das tun viele dort tatsächlich, hat zur Mülltrennung vielleicht nicht so ein inniges Verhältnis.“

Roma in DuisburgEr kennt das Leben in Neukölln, wo einst gar ein ganzes rumänisches Dorf samt Pfarrer zuzog. „Der Einfluss, den wir auf Banden, Prostitution oder Diebstahl haben, ist gleich Null.“ Es gebe 3000 Selbstständige aus Osteuropa, führt er aus, zum Teil 50 in einem Haus. So könnten diese nämlich länger als die gesetzlichen 90 Tage in Deutschland bleiben.

Viele Vorurteile über Sinti und Roma

In den Köpfen vieler Deutscher haben sich vielfältige Vorurteile festgesetzt. 44 Prozent halten Roma und Sinti für Kriminelle, 40 Prozent wollen sie nicht als Nachbarn und 27 Prozent würden sie gar aus den Städten verbannen. „Man klaut aber nicht von Natur aus“, wirft Dotschy Reinhardt ein, das ist Rassismus für mich.“

So sieht es auch Renate Künast. „In ihrer Heimat werden sie übel diskriminiert, dann kommen sie hierher, ohne Qualifizierung, niemand, der ihnen helfen könnte, spricht ihre Sprache.“ Buschkowsky bringt es auf den Punkt: „Es ist ein Heer von chancenlosen Leuten. Es muss möglich sein, eine menschenwürdige Existenz zu ermöglichen, damit sie nicht zum Spielball der Kriminalität werden.“

Skrupellose Geschäftemacher verdienen am Leid der Flüchtlinge

Als wären es der Probleme nicht schon genug, gibt es noch weitere: „Es gibt viele skrupellose Geschäftemacher, die für 300 Euro im Monat eine Matratze vermieten, 30 Personen in drei Zimmern, das kann man sich ausrechnen.“ Für das Ausfüllen eines Kindergeldantrags würden auch schon mal 2000 Euro fällig.

Da bleibt nur die Möglichkeit, einen Billigjob anzunehmen oder kriminell zu werden. Dabei ist die EU durchaus engagiert, wenigstens in finanzieller Hinsicht, die Probleme bereits in der Heimat der Aussiedler zu bekämpfen. Immerhin gehen jährlich 10 Milliarden Euro gegen die Armut vor Ort über die Grenzen. Wo diese allerdings landen ist ob der verbreiteten Korruption fraglich.

Viele Vorschläge für Verbesserungen - aber das Geld fehlt

Auch Markus Söder sieht in der Korruption ein großes Problem: „Darauf müssen wir viel mehr achten“, meint der CSU-Politiker, „und zugleich müssen wir sicherstellen, dass die Menschen, die hierzulande schon lange leben, hier arbeiten und Steuern zahlen geschützt werden.“ Vorschläge für Verbesserungen gab es reichlich, nur das Geld fehlt eben, und niemand weiß, woher es kommen soll. Ansprechpartner etwa, die Romanisch sprechen, fordert Renate Künast, damit auch die Frauen gezielt angesprochen werden können.

„Die Menschen werden bleiben“, weiß Heinz Buschkowsky“, „das haben sie mir selbst gesagt.“ Es muss also ein Weg gefunden werden, wenigstens den Kindern eine vernünftige Ausbildung zu ermöglichen. „Sonst finden die in zehn Jahren andere Wege, um an Geld zu kommen“, weißBuschkowsky.

Und dann gibt es ja noch den 1. Januar 2014. Dann gibt es keine 90-Tages-Frist mehr, in der Nicht-Selbstständige das Land wieder verlassen müssen. Viele Probleme taten sich da auf, gestern Abend, bei Maybrit Illner. Zu viele für eine einstündige Talkshow, in der sich zu allem Überfluss eine Renate Künast und ein Markus Söder noch über die Aussagen des jeweils anderen ereifern mussten. Es sind ja demnächst auch wieder Wahlen.