Duisburg

Zwangsprostitution in Duisburg: Junge Mutter flieht vor blutigem Konflikt – hier beginnt ihr Martyrium erst richtig

Che Synthia (Name geändert) wurde in Deutschland zur Zwangsprostitution gezwungen. Heute lebt sie auch dank des Vereins „Solwodi“ ein selbstbestimmtes Leben.
Che Synthia (Name geändert) wurde in Deutschland zur Zwangsprostitution gezwungen. Heute lebt sie auch dank des Vereins „Solwodi“ ein selbstbestimmtes Leben.
Foto: Marcel Storch/DER WESTEN

Duisburg. So viel Schnee wie Anfang des Monats hat Che Synthia* noch nie gesehen. In ihrer Heimat Kamerun gibt es keinen Schnee. Dafür herrscht ein blutiger Konflikt, der international kaum Beachtung findet.

Che Synthia floh in der Hoffnung auf ein besseres Leben vor dem Konflikt nach Deutschland. Doch hier landete sie in den Fängen skrupelloser Menschenhändler. Gegenüber DER WESTEN hat die 31-Jährige, die heute in Duisburg lebt, ihre Geschichte erzählt. Es ist eine Geschichte von Flucht, Ausbeutung und neuer Zuversicht.

Duisburg: Junge Frau aus Kamerun landete in den Fängen von Menschenhändlern

Um ihren Kopf hat sie ein Tuch geschwungen, trägt eine dicke Winterjacke gegen die Kälte, die in den Tagen Anfang Februar in weiten Teilen Deutschlands herrscht. Die junge Frau sitzt an diesem verschneiten Vormittag in einem Hinterhof-Gebäude in Duisburg-Hochfeld. Hier hat die Hilfsorganisation Solwodi e.V. ihre Beratungsstelle. Zwei Jahre war das Schutzhaus der Hilfsorganisation in Duisburg ihre Heimat, inzwischen lebt sie mit ihrem kleinen Sohn in ihren eigenen vier Wänden. „Alles was ich heute bin, verdanke ich Solwodi. Ohne sie wäre ich vielleicht schon tot, hätte mich umgebracht“, sagt sie.

Anders als viele afrikanische Frauen mit ähnlichem Schicksal, nahm Che Synthia nicht den beschwerlichen Weg durch die Sahara oder über das Mittelmeer, sondern landete 2017 mit dem Flugzeug und einem Visum in Düsseldorf. Sie habe ihre Nichte, die hier in Köln lebt, besucht, erzählt sie. „Ich hatte meine Habseligkeiten verkauft, um die Reise zu finanzieren. Als ich das Visum hatte, dachte ich, mein Leben wird besser.“ Im Gepäck hat sie den Plan in Deutschland zu bleiben.

Blutiger Konflikt tobt in Kamerun

„Niemand will in einem Land wie Kamerun leben“, sagt sie. Denn in ihrem Heimatland tobt ein blutiger Bürgerkrieg, vergessen vom Rest der Welt. 2016 begannen Anwälte und Lehrer gegen ein System zu protestieren, das in ihren Augen anglophone Bürger benachteiligte. Die große Mehrheit in Kamerun spricht Französisch. Inzwischen kämpft eine militante englischsprachige Unabhängigkeitsbewegung gegen den Staat, Häuser werden niedergebrannt, Zivilisten sterben, eine halbe Million Menschen wurde vertrieben. „Meine beiden Kinder und ich schliefen wegen der Gefechte jeden Tag unter dem Bett“, erzählt die junge Mutter.

Das Martyrium beginnt

In Deutschland träumt sie von einem besseren Leben. „Ich dachte Deutschland ist wie Kamerun und ich könnte hier einen Job bekommen. Ich wusste nicht, wie schwierig es sein würde, etwas zu erreichen, ohne die Sprache zu sprechen“, erzählt die junge Frau, die in Kamerun die Schule abgebrochen hatte, um in der nächstgelegenen Stadt Geld zu verdienen. Für ein Telekommunikationsunternehmen verkaufte sie Handys und SIM-Karten.

In Köln warf ihre Verwandte sie nach einiger Zeit raus. Che Synthia versuchte auf eigene Faust ihr Glück. Sie schlägt sich durch und trifft in einem Café auf drei Frauen, die ihr scheinbar Hilfe anbieten. Doch stattdessen sollte es der Beginn ihres Martyriums werden. Die junge Frau landet in den Fängen einer brutalen Zuhälterin, der Madame.

Peiniger nehmen ihr Dokumente weg

„Statt mir zu helfen, hat sie mir meinen Pass, mein Handy und mein Geld weggenommen und mir gesagt: entweder du arbeitest für uns - oder die Polizei findet dich und schickt dich ins Gefängnis oder zurück nach Kamerun“, erzählt die Frau aus Kamerun.

Doch Che Synthia will in Deutschland bleiben, auch um ihren beiden in Kamerun gebliebenen Kindern zu helfen. Ihr zweites Kind habe Krebs und brauche dringend eine Behandlung, sagt sie. „Ich wollte für ihn Geld verdienen. Mir blieb keine Wahl als das zu tun, was die 'Mama' von mir forderte.“ Für die nächsten sechs Monate arbeitete sie als Prostituierte für die afrikanische Zuhälterin. Von ihr und den anderen jungen Frauen aus Nigeria oder Liberia wird die brutale Chefin nur 'Mama' genannt. „Sie war eine wilde Frau“, erinnert sich Che Synthia. Wo genau sie festgehalten wurde, das weiß sie nicht mehr. Bochum, Essen, irgendwo im Ruhrgebiet jedenfalls.

„Es war eine furchtbare Zeit“

„Es war eine furchtbare Zeit. Keine Frau möchte sich in einer solchen Situation wiederfinden, gezwungen zu sein mit fremden Männern zu schlafen“, erzählt Che Synthia weiter. Sie habe täglich mit mehr als fünf Männern Sex haben müssen und das Bordell nicht verlassen dürfen.

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„Wenn du nicht gefolgt hast, haben sie dich unter Druck gesetzt, dich herumgeschubst oder dir Gewalt angedroht“, erzählt Che Synthia und fügt mit Nachdruck hinzu: „Alles unter Druck ist Gewalt. Das ist alles, was ich weiß.“ Es sind die selbstbewussten Worte einer Frau, die den Horror hinter sich gelassen hat. Würde sie ihre Peinigerin heute wiedersehen, sie wüsste, was zu tun wäre. „Ich würde die Polizei rufen“, sagt sie mit Nachdruck.

Junge Frau wurde schwanger

Che Synthia wurde von einem Freier schwanger. Ihre Zuhälterin hatte plötzlich keine Verwendung mehr für sie. „Sie hat mir ein Ticket nach Aachen gekauft, mich in den Zug gesetzt und gesagt: du kannst gehen, wohin du willst.“ Drei Tage schläft sie im Bahnhof, ehe ihr das Café Zuflucht, eine Begegnungsstätte für Flüchtlinge, empfohlen wird. Von dort gelangt sie an Solwodi e.V. und ihr „Heilungsprozess“, wie die Kamerunerin es selbst nennt, konnte beginnen.

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Zwangsprostitution in NRW:

  • Die Mehrheit der Tatverdächtigen als auch der Opfer kommen aus Deutschland, Nigeria, Rumänien und Bulgarien.
  • Das Landeskriminalamt verzeichnete 2018 114 Fälle von sexueller Ausbeutung.
  • Seit 2013 ist ein kontinuierlicher Anstieg der Fallzahlen feststellbar.
  • NRW-Gleichstellungsministerin Ina Scharrenbach spricht von „moderner Sklaverei im 21. Jahrhundert“.
  • NRW hat die Kampagne „Exit.NRW“ ins Leben gerufen, bei der auch Solwodi beteiligt ist.

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„Glück und Pech zugleich“

„Die Schwangerschaft war Glück und Pech zugleich“, sagt sie rückblickend. „Vielleicht hat sie mich vor noch schlimmeren Dingen bewahrt. Wer weiß, wenn ich noch dort wäre, vielleicht wäre ich schon tot.“

Doch die Monate in Zwangsprostitution haben schlimme Folgen für die 31-jährige Mutter. „Ich lebte mit einem Trauma in mir“, sagt sie. Das ist nicht alles. „Ich bin HIV-positiv“, sagt sie. Erstmals in unserem Gespräch stockt ihre Stimme, eine Träne rollt über ihre Wange. „Es ist ein bisschen hart. Es tut mir leid“, sagt sie fast entschuldigend.

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HIV-positiv: „Es ist immer in meinem Hinterkopf“

Sie habe keine Symptome oder Beschwerden, nehme tägliche eine Tablette. „Ich bin stark, kann alles machen. Aber es ist immer in meinem Hinterkopf, dass ich krank bin.“

Die 31-Jährige trug sich mit Selbstmordgedanken herum. „Aber ich habe viele gute Menschen bei Solwodi getroffen, die mir den Mut und die Zuversicht gegeben haben, weiterzumachen“, erzählt sie. Auch dank ihnen ist sie trotz ihrer schlimmen Erfahrungen nicht zerbrochen.

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Der Verein „Solwodi e.V.“ unterstützt deutschlandweit Frauen und Mädchen in Not. In Duisburg unterstützt er vor allem Frauen, die Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution geworden sind. So kannst du ihre Arbeit unterstützen:

  • Kontoverbindung: SOLWODI NRW e.V.
  • IBAN: DE54 3505 0000 0204 0089 99

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Als Mentorin etwas zurückgeben

Inzwischen gibt Che Synthia etwas zurück von ihren Erfahrungen. Sie wurde zur Mentorin im EU-Projekt „Assist“ und half durch ihre Erfahrungen anderen jungen Frauen aus dem Westen Afrikas, die ähnliches erlebt haben, ihr Trauma zu überwinden. „Die Frauen wissen, dass ich auch in ihrer Situation war. Sie haben nichts zu verbergen vor mir.“ Che Synthia will ihnen mitgeben, dass die Zeit in der Zwangsprostitution nicht das Ende ist.

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Hoffnung ihre Kinder wiederzusehen

Auch sie hat noch Träume. In einem Sprachkurs lernt die 31-Jährige fleißig Deutsch, würde gerne Krankenschwester werden. Vor allem will sie ihre beiden Kinder aus Kamerun wieder in die Arme schließen, am liebsten in Deutschland. „Mein Leben wäre besser mit ihnen. Ich würde gerne die kurze Zeit, die ich vielleicht nur noch zu leben habe, mit ihnen verbringen“, sagt sie.

* Name geändert