Duisburg

Geflüchtete Kinder in Duisburg-Marxloh bekommen keinen Platz in der Schule – dank diesem Rentner lernen sie trotzdem Deutsch

Wolfgang Dewald (65) ist Rentner und hat eine sinnvolle Beschäftigung gesucht - in Marxloh ist er fündig geworden.
Wolfgang Dewald (65) ist Rentner und hat eine sinnvolle Beschäftigung gesucht - in Marxloh ist er fündig geworden.
Foto: Marcel Storch

Duisburg. „Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn“, zählt Muhammad (17) und strahlt. Auch Wolfgang Dewald (65) lacht: „Prima!“.

Wolfgang Dewald ist Rentner. Er hat sein Leben lang in der IT-Abteilung eines großen Konzerns gearbeitet, dann kam eine Entlassungswelle. Er ging in Frührente. Aber zuhause sitzen, dass war nichts für ihn. „Ich habe überlegt, was kann ich, habe etwas Sinnvolles gesucht“, erzählt er.

Und in Duisburg-Marxloh beim Projekt „Tausche Bildung für Wohnen“ wurde er fündig. Drei Jahre ist das her. An seinem ersten freien Tag damals begann der gebürtige Hesse als „Lehrer“ ehrenamtlich im Duisburger Projekt.

Geflüchtete Kinder in Duisburg-Marxloh bekommen keinen Platz in der Schule

Gemeinsam mit Sanae Meziam unterrichtet er geflüchtete Kinder, die in Duisburg noch keinen Schulplatz bekommen haben. Über 350 Schulplätze fehlen in Duisburg. Viele von ihnen kommen dann zu Wolfgang und Sanae in die Tauschbar nach Marxloh. „Die meisten kommen durch Mund-zu-Mund-Propaganda“, erzählt Wolfgang.

Zwischen fünf und 17 Jahren sind die Kinder und Jugendlichen. Sie stammen aus Syrien, Marokko, Albanien, Bulgarien oder Vietnam. Viele haben eine lange Flucht hinter sich - und mitunter Schlimmes erlebt. „Ein Mädchen hat ein Jahr lang nicht gesprochen, weder Deutsch noch Arabisch. Sie kam, saß hier, hat gespielt“, erinnert sich Wolfgang. Was sie erlebt hat, wissen sie nicht.

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Sanae übersetzt aus dem Arabischen

Am heutigen Freitag sind nur Muhammad (17) und Mohamed (10) aus Syrien gekommen. „Guten Tag“, grüßen sie. Das ist alles, was die beiden Jungs bisher auf Deutsch gelernt haben. Da ist es gut, dass Sanae, die aus Marokko stammt, Arabisch spricht und so häufig übersetzen kann.

Die beiden Jungs sind erst zum zweiten Mal da. Gestern haben sie das Zählen gelernt. Einen Tag später, zählt Muhammad mit etwas Hilfe schon bis 100. Es sind kleine Momente wie diese, die den beiden Lehrern ein Strahlen ins Gesicht zaubern.

„Wir sind flexibel!“

Einen Lehrplan gibt es bei Wolfgang und Sanae nicht. Denn meist wissen sie nicht, wer und wie viele Kids kommen. Mal sind es wie diesen Morgen zwei, mal 25 Kinder. „Wir sind flexibel“, sagt Sanae.

Zumindest der Ablauf ist immer gleich: Erst gibt es eine Einführungsrunde im Stuhlkreis, dann wird eine Stunde Deutsch gepaukt. Anschließend können die Kids noch ein bisschen spielen.

Letterlinge nennen sie ihren Kurs, in dem sie versuchen den Kindern die einfachsten Dinge beizubringen. Begrüßung, Vorstellung, Essen, Trinken, Farben. Diesmal hat Wolfgang ein paar Werkzeuge mitgebracht. Denn Muhammad will einmal Kfz-Mechaniker werden.

Schraube, Mutter oder Zollstock sind dann doch ein bisschen schwierig für den Anfang, muss auch Wolfgang eingestehen. Also beginnen sie mit dem Alphabet.

Für heute haben Wolfgang und Sanae Feierabend. „Ich denke, so etwas würde vielen Leuten gut tun. Man lernt von den Kindern ganz viel Neues, bekommt ehrliches Feedback und baut Vorurteile ab“, sagt Wolfgang zum Abschied.

 
 

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