"Duisburg ist eine Stadt, in der Extremisten keinen Platz haben"

Sport verbindet – wie etwa beim Lauftreff, der regelmäßig in Neuenkamp angeboten wird. Andere Gruppen spielen lieber Fußball oder fahren Rad.
Sport verbindet – wie etwa beim Lauftreff, der regelmäßig in Neuenkamp angeboten wird. Andere Gruppen spielen lieber Fußball oder fahren Rad.
Foto: FUNKE Foto Services
Ein Gespräch mit Erkan Üstünay vom Duisburger Integrationsrat über Integration von Flüchtlingen, Pegida und Auftritte von Hasspredigern.

Duisburg. Mehr als 15.000 Zugewanderte aus Bulgarien und Rumänien leben in Duisburg – Tendenz steigend. Hinzu kommen 6136 Flüchtlinge. Nachdem die Stadt damit beschäftigt war, den Flüchtlingen ein Dach über dem Kopf zu bieten, wird nun über Sprachkurse und Integration debattiert. Der Integrationsrat, in dem selbst Migranten sitzen, bleibt in der Diskussion allerdings merklich still. Ein Gespräch mit Erkan Üstünay, dem Vorsitzenden des Integrationsrates, über seine eigene Integration, Grundwerte und welche Gestaltungsmöglichkeiten der Integrationsrat hat.

Herr Üstünay, Sie sind seit eineinhalb Jahren Vorsitzender des Integrationsrates. Werden Sie nun öfter von Ihren SPD-Parteikollegen nach Ihrer Meinung gefragt?

Erkan Üstünay: Das kommt vor, das Thema ist aktuell und unser Rat gefragt. Leider haben wir als Integrationsrat nur beratende Funktion und kein eigenes Budget, um eigene Akzente setzen oder Projekte auflegen und finanzieren zu können. Dann könnte unsere Arbeit eine noch stärkere Wahrnehmung erfahren.

Ihre Familie ist in den 1970er Jahren aus der Türkei eingewandert. Wie lief es bei Ihnen mit der Integration?

Üstünay: Ich bin ein Duisburger Jung’ und im St. Johannes-Hospital auf die Welt gekommen. Mein Vater hat im Bergwerk Walsum gearbeitet, meine Familie kam 1974 aus der Türkei nach Duisburg. Ich bin in der Jupp-Siedlung aufgewachsen. Da gab es viele Kinder, deutsche, türkische, wir haben alle miteinander gespielt. Da ging’s überhaupt nicht darum, woher man kommt. Die Sprache habe ich auf der Straße gelernt und später in der Schule. Es war damals nicht üblich, einen Kindergarten zu besuchen. Das ist bei meinen Kindern anders. Die können schon viel besser Deutsch als ich, als ich damals in ihrem Alter war. Da staune ich manchmal und bin stolz.

Was ist heute anders als in den 1960er Jahren?

Üstünay: Wir sprechen heute eher über Integration. Damals sind die Politiker ja davon ausgegangen, dass die Menschen herkommen, ein paar Jahre bleiben, arbeiten und dann wieder zurückgehen. Damals gab es keine Deutschkurse. Das ist heute besser. Deutschland ist ein schönes Land, Duisburg eine schöne Stadt, die meisten wollen bleiben. Aber viele Menschen haben Angst vor Überfremdung.

In Stadtteilen wie Marxloh braucht man nicht viel Deutsch, um sich durchzuschlagen.

Üstünay: Das stimmt. Das kann ein Vorteil sein, wenn vor Ort schon viele Menschen sind, die einen verstehen und einem helfen können. Trotzdem sollte man die Sprache des Landes, in dem man lebt, verstehen und sprechen können. Es gibt außerdem zwei wichtige Grundpfeiler, an denen nicht zu rütteln ist: Der Rechtsstaat und die Verfassung. Daran müssen sich alle halten, die hier leben.

Sie sagen selbst, Marxloh sei gar nicht so schlimm. Dabei steht der Stadtteil derzeit im Fokus, die Polizei ist regelmäßig vor Ort, nun werden Videokameras installiert.

Üstünay: Wie gesagt, es ist wichtig, dass sich alle an Recht und Gesetz halten. Ob es allerdings etwas bringt, wenn ein paar Straßen überwacht werden, ist fraglich. Aber es ist gut, wenn die Polizei etwas gegen die Kriminalität unternimmt.

Duisburg ist eine der wenigen Städte, in denen Pegida noch demonstriert. Wie nehmen Sie die Stimmung in der Stadt wahr?

Üstünay: Das Recht auf freie Meinungsäußerung deckt auch die Pegida-Demonstrationen. Aber auf der anderen Seite stehen immer noch viele Menschen, die zeigen, dass sie anderer Meinung sind. Bei Pegida sind viele Demonstranten aus anderen Städten dabei, das schlägt sich nicht unbedingt auf die Stimmung in Duisburg nieder. Hier gibt es eine gute Willkommenskultur. Man kann in Bezug auf die Themen Zuwanderung und Integration unterschiedlicher Meinung sein und durchaus darüber diskutieren , wie Zusammenleben erfolgreich gestaltet werden kann. Entscheidend aber ist, dass man nach Lösungen sucht und der Umgang miteinander stets von gegenseitiger Wertschätzung geprägt ist.

Sie sind Vorsitzender eines Moschee-Vereins. Duisburg hat zuletzt Schlagzeilen gemacht, weil ein Hassprediger auftreten sollte.

Üstünay: Duisburg ist eine Stadt, in der Extremisten keinen Platz haben. 99 Prozent der Muslime in Duisburg lehnen Hasspredigten ab, das hat nichts mit dem Islam zu tun. Wir arbeiten in Hamborn auch mit den Kirchen zusammen und behandeln uns respektvoll. Grundsätzlich kann man sagen, dass der interreligiöse Dialog zwischen Christen, Juden und Muslimen in Duisburg sehr gut funktioniert.

Inwiefern hilft der Sport bei der Integration?

Üstünay: Sehr. Bei uns im Verein Genc Osman trainieren acht Nationen. Mittlerweile kommen auch einige Flüchtlinge zum Training. Außerdem stellen wir unseren Platz zur Verfügung, damit sie etwa die Laufbahn benutzen können. So kommt man in Kontakt. Bei den Gesprächen nach dem Sport merkt man leichter, wie es dem anderen geht und ob es Probleme gibt. Da kann man dann helfen.

Frau Merkel sagt: „Wir schaffen das.“ Wie sehen Sie das?

Üstünay: Wir schaffen das ganz sicher, aber es wird seine Zeit brauchen.

 
 

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