Duisburg ist die Stadt der Massenpanik

Der evangelische Pfarrer Stephan Blank (47) in der Duisburger Salvatorkirche. Foto: Markus Joosten
Der evangelische Pfarrer Stephan Blank (47) in der Duisburger Salvatorkirche. Foto: Markus Joosten
Foto: Markus Joosten / WAZ FotoPool

Duisburg.. Nach der Katastrophe bei der Loveparade sind die Duisburger Bürger bestürzt und traurig. Sie empfinden Mitleid mit den Opfern und wollen ihre Anteilnahme zeigen. Aber sie machen sich auch Sorgen um die Zukunft ihrer Stadt.

Am Hauptbahnhof hängt ein Plakat. Die Aufschrift lautet: „Wir sind zutiefst erschüttert. Wir trauern mit den Angehörigen und unsere Gedanken sind bei denjenigen, die derzeit medizinisch versorgt werden. Seit dem 24. Juli ist nichts mehr, wie es war. Das Team der Loveparade.“

Es ist nichts mehr, wie es war. Dieser Eindruck drängt sich einem beim Blick auf die Innenstadt nicht auf. Alles wirkt ganz normal. Die Einsatzfahrzeuge von Polizei und Feuerwehr sind in ihre Heimatstädte zurückgekehrt. Die A 59 ist wieder freigegeben. Die milden Temperaturen locken viele Bürger nach draußen. Sie sitzen auf dem Rand eines Brunnens oder bummeln durch die Geschäfte. Spricht man die Menschen jedoch auf das Unglück an, zeigen sie sich von einer anderen Seite.

„Ein Absturz von einem hohen Berg“

„Ich bin sprachlos und unendlich traurig, dass junge Menschen bei einer Feier zu Tode gekommen sind. Die Vorstellung, dass tausende Menschen panische Angst hatten, hat mir die Kehle zugeschnürt“, beschreibt Pfarrer Stephan Blank von der Evangelischen Kirchengemeinde Alt-Duisburg seine Gefühle. „Ich bin in Duisburg aufgewachsen. In meiner Kindheit hatte ich ein depressives Verhältnis zu meiner Stadt. Das hat sich mit der Zeit geändert. Heute bin ich stolz auf Duisburg. Die Katastrophe aber ist wie ein Absturz von einem hohen Berg.“

Als Anwohner trifft ihn das Unglück besonders. „Das ist in meiner Stadt passiert, die ich von klein auf liebe. Meine Stadt ist eine Stadt des Todes geworden“, erklärt der Seelsorger in der Salvatorkirche, wo am Samstag die Trauerfeier für die Opfer der Loveparade stattfinden wird.

„Diese Schuhe waren für Duisburg zu groß“

So wie Pfarrer Blank ergeht es vielen Duisburgern. „Wir sind als Familie sehr bestürzt“, erklärt Petra Kluth-Hoffmann. Die 42-Jährige macht sich große Sorgen um ihre Stadt: „Das ist ein großer Rückschlag für das Selbstbewusstsein der Menschen hier.“ Zur Loveparade hat sie eine klare Meinung: „Diese Schuhe waren für Duisburg einfach zu groß.“ Nun würde sich die Duisburgerin wünschen, dass Oberbürgermeister Adolf Sauerland die Verantwortung trägt und zurücktritt.

Die Themen Verantwortung und Aufarbeitung sind zwar in aller Munde, die Duisburger sind sich aber nicht einig darüber, was das beste Vorgehen wäre. Einige fordern den Rücktritt des Oberbürgermeisters. Andere wie Birgit Appel möchten, dass Adolf Sauerland gerade nicht zurücktritt, sondern die Verantwortung für das Geschehene übernimmt, indem er den Unglücksfall rückhaltlos aufklärt und die Bürger ausreichend informiert. „Das Rücktrittsgeschrei ist emotional“, meint die Krankenhausangestellte.

„Ich bin sauer auf die Stadt“

Jeder Duisburger scheint auf seine eigene Art und Weise den Opfern und ihren Angehörigen sein Beileid ausdrücken zu wollen. Viele zünden Kerzen an der Unglücksstelle an oder nehmen an der Mahnwache an der Karl-Lehr-Straße teil. Andere wie Johannes Araya sind ins Rathaus gekommen, um ihre Anteilnahme im Kondolenzbuch der Stadt niederzuschreiben. „Ich bin sauer auf die Stadt, denen ging es doch nur um den Gewinn“, macht er seinem Ärger Luft.

Einige machen sich auch Gedanken darüber, wie ihre Stadt nun anderswo wahrgenommen wird. „Das merke ich bei meinen Verwandten im Osten. Duisburg hatte vorher schon einen schlechten Ruf aber jetzt ist es noch schlimmer“, erzählt Simone Düssel, die nicht aus Düsseldorf, sondern aus Sachsen stammt. Und natürlich haben viele Duisburger eigene Erinnerungen an die Loveparade. „Ich habe meine Tochter stundenlang gesucht. Ich konnte sie nicht auf dem Handy erreichen, weil das Mobilnetz zusammengebrochen ist. Erst gegen 23 Uhr habe ich von meinem Sohn erfahren, dass es ihr gut geht. Das waren schlimme Stunden“, erzählt Dirk Wietrzykowski.

Die Party ist zu Ende, die Menschenmassen sind abgereist. 20 Tote und viele unbeantwortete Fragen sind die traurige Bilanz, mit der die Duisburger Bürger nun leben müssen.

Das wird nicht leicht.

 
 

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