Duisburg

„Ich schäme mich keine Sekunde für meine Arbeit“ – Warum dieser angehende Azubi (26) aus Duisburg trotzdem oft abschätzige Blicke kassiert

Georgios P. bei der Arbeit im Blaumann. Im August startet seine Ausbildung.
Georgios P. bei der Arbeit im Blaumann. Im August startet seine Ausbildung.
Foto: Georgios P. (Privataufnahme)
  • In Duisburg gibt es immer weniger Handwerker
  • Woran liegt das?
  • Ein angehender Azubi und seine Kollegen erleben unterwegs im Blaumann oft Geringschätzung
  • Das sind die Gründe für das geringe Ansehen des Handwerks in der Gesellschaft

Duisburg. Lieber Studium statt Ausbildung? So manche Eltern peitschen ihre Kinder mit Nachhilfe durchs G8-Abitur und Jugendliche halten Ausbildungen für weniger karriereförderlich als Studiengänge. Die Kehrseite dieser Einstellung? Immer mehr Studenten, immer weniger Azubis und weit und breit keine Handwerker. Diesen Trend beschreibt die Handwerkskammer Ruhr.

Trotz des Personalmangels erleben die wenigen Handwerker, die es überhaupt gibt, oft Kränkungen. Das sagt der angehende Azubi Georgios P. aus Duisburg. Er erklärt im Gespräch mit DER WESTEN, wie das eigentlich zusammenpasst.

„Du wirst als hohle Nuss abgestempelt“

„Du wirst als hohle Nuss abgestempelt“, sagt er im Gespräch mit DER WESTEN.

Georgios ist 26 Jahre alt. Er hat eine Ausbildung zum Großhandelskaufmann gemacht und Jahre in dem Beruf gearbeitet. Jetzt sattelt er nochmal um und wird Anlagenmechaniker für Heizungen, Bäder und Klimatechnik. Ein „Blaumann-Beruf“, wie sein Chef es nennt. Im August wird er bei Scheelen die Ausbildung beginnen.

Doch schon jetzt kennt Georgios die abfälligen Blicke und unangenehmen Situationen im Blaumann haargenau. Zum Beispiel an der Supermarkt-Kasse.

Unterwegs im Blaumann: Abfällige Blicke und unangenehme Situationen

„Nach zwei bis drei Baustellen läufst du einfach dreckig rum“, erzählt Georgios. „Dann miefst du ein bisschen.“ Dreck und Gerüche blieben bei der Arbeit an Abwasserrohren nicht aus.

„Ich kann verstehen, dass es für die, die nie mit Rohren arbeiten und dann mit den Gerüchen konfrontiert sind, komisch ist“, so Georgios. „Sie sagen nichts, aber sie rümpfen die Nase.“

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Im Supermarkt rümpfen die Leute die Nase

Manche Kollegen von ihm wollen dann in Arbeitskleidung nach Feierabend gar nicht in den Supermarkt. Denn sie schämen sich an der Supermarkt-Kasse, so verschmutzt und im Blaumann, wenn abfällige Blicke kommen. „Sie duschen vorher nochmal, doch ich mache das nicht“, sagt der 26-Jährige.

Sich für sein Auftreten oder seinen Beruf schämen? Das kommt für ihn nicht in Frage.

„Ich sehe den Schmutz als Trophäe“

Der 26-Jährige weiß, seine Arbeit wird gebraucht. „Ich sehe den Schmutz als Trophäe, denn da weiß ich abends, dass ich etwas gemacht habe“, so der Praktikant.

Das Verhalten seiner Mitmenschen an der Supermarkt-Kasse mache ihm nichts aus. Trotzdem würde es ihm unangenehm auffallen.

„Wenn die Frau, die im Supermarkt die Nase rümpft, den Keller voller Scheiße hat, freut sie sich, wenn ich komme und ihr Rohr repariere.“

„Das Handwerk musst du erst lieben lernen“

Doch woher kommt das geringe Ansehen für das Handwerk? Warum gibt es nur so wenige in Duisburg? Darauf hat Georgios mehrere Antworten.

„Das Handwerk sucht extrem, deswegen gibt man auch schlechteren Schülern eine Chance. Das ist natürlich nicht gut für den Ruf.“

Handwerk steht vor ähnlichem Problem wie Pflege

Auch das Gehalt spiele eine Rolle. Während Georgios als Azubi im Großhandel rund 800 Brutto verdiente, bekommt er hier im ersten Ausbildungsjahr lediglich zwischen 450 und 600 Euro brutto. Das wenige Geld mache den Beruf weder attraktiver noch angesehener.

Das Handwerk stehe da vor dem gleichen Problem wie die Pflege, sagt Georgios. „Nur dass es da mehr Menschen gibt, die mit Herz bei der Sache sind und denen das Gehalt nicht so wichtig ist - das Handwerk musst du erst lieben lernen.“

„Nicht jeder kann Influencer sein“

„Keiner wird geboren und will Handwerker werden“, so sei es auch bei ihm nicht gewesen. Mittlerweile hat er seine Meinung geändert. Er wollte etwas „mit den Händen machen“ und findet, dass jeder einen handwerklichen Beruf lernen sollte. Man lerne viel über Physik und viel Alltagstaugliches.

„Denn nicht jeder kann Influencer sein“, so Georgios. „Die machen Geld durch ihr Dasein und damit, dass sie Werbung generieren.“ Manch einer müsse eben mit den Händen sein Geld verdienen und sich dabei auch manchmal schmutzig machen.

 
 

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