Duisburg benötigt türkische und russische Pflegefamilien

Annette Kalscheur
Holger Pethke (li.), seit Januar 2014 neuer Leiter des Jugendamtes Duisburg, und Dirk Franzmann , Sozialarbeiter im Bereich Adoption und Pflegekinderdienst beim Jugendamt, hoffen auf mehr Pflegeeltern.
Holger Pethke (li.), seit Januar 2014 neuer Leiter des Jugendamtes Duisburg, und Dirk Franzmann , Sozialarbeiter im Bereich Adoption und Pflegekinderdienst beim Jugendamt, hoffen auf mehr Pflegeeltern.
Foto: WAZ FotoPool
Das Problem besteht bundesweit: Es gibt zu wenig Familien, die kleine Kinder bis zum Alter von sechs Jahren aus schwierigen Verhältnissen in Pflege nehmen. Ein Duisburger Akquiseprojekt von Awo und Jugendamt will jetzt vor allem türkisch- und russischsprachige Eltern werben.

Duisburg. In Mülheim wurde Alarm geschlagen, weil Pflegefamilien Mangelware sind. Der Düsseldorfer Kollege rief gerade erst bei Duisburgs Jugendamtsleiter Holger Pethke an, um nach freien Pflegefamilien zu fragen. Aber hier wie dort: Bundesweit gibt es mehr betreuungsbedürftige Kinder als Familien, die in Not geratene „Zwerge“ bis zum Alter von sechs Jahren aufnehmen. Ältere Kinder werden in der Regel stationär untergebracht, weil sie sich nur noch schwer in andere familiäre Gefüge einbinden lassen.

Zuletzt waren in Duisburg knapp 300 Kinder dauerhaft in Pflegefamilien untergebracht. Weitere 350 werden von Verwandten betreut und über das Jugendamt begleitet. Außerdem gibt es 20 Bereitschafts-Familien, die auch ad hoc ein Kind aufnehmen, bis über das weitere Schicksal entschieden wird.

Frühkindliche Traumata

Der Mangel an Pflegefamilien hat nach Ansicht von Pethke und Sachgebietsleiter Dirk Franzmann vom Jugendamt mehrere Ursachen. Neben dem demografischen Wandel und der Fluktuation seien das vor allem die Probleme, die Kinder mitbringen. Viele seien seelisch behindert, durch frühkindliche Traumata, durch Vernachlässigung, Misshandlung geprägt. Eine Herausforderung für eine Pflegefamilie, die dem Kind nicht nur eine stabile häusliche Umgebung, geregelten Tagesablauf, liebevollen Umgang gewähren soll, sondern auch beim Kontakt mit der Herkunftsfamilie unterstützen, Therapien und medizinische Versorgung gewährleisten soll.

„Wir könnten doppelt so viele Familien vertragen“, sagt Dirk Franzmann und hofft auf ein Akquisemodell mit der Awo, über das neue Pflegefamilien geworben werden sollen. Insbesondere Familien mit Migrationshintergrund sind Mangelware.

Nur zehn Prozent der Pflegeeltern haben einen Migrationshintergrund

Das bestätigt auch Dezernent Thomas Krützberg: Unter den Pflegeeltern hätten bislang nur zehn Prozent einen Migrationshintergrund, bei den Pflegekindern seien es indes 75 Prozent. Im Sinne einer milieunahen Unterbringung sei vor allem bei türkisch- oder russischsprachigen Eltern dringender Nachholbedarf.

Reich werden Pflegeeltern nicht: Landesweit erhalten sie je nach Alter des Kindes 722 bis 914 Euro für den Lebensunterhalt des Kindes, darin enthalten sind 233 Euro für die Erziehungsleistung. Pflegefamilien, bei denen ein Elternteil pädagogische Qualifikationen hat, so genannte Erziehungsstellen, erhalten etwa das doppelte. Und dennoch ist stationäre oder teilstationäre Unterbringung viel teurer: Im Vergleich kostet ein Heimplatz 3600 Euro monatlich. Abgesehen davon ist für Kleinkinder eine Unterbringung in einer Familie aber auch pädagogisch sinnvoller.

Neuer Jugendamtsleiter will sich um Schulsozialarbeit und U3-Ausbau kümmern 

1400 Mitarbeiter kann man nicht binnen weniger Tage kennen lernen, auch wenn der neue Jugendamtsleiter Holger Pethke schnell denkt und noch schneller redet. Alsbald werden aber die sieben Außenstellen des ASD Besuch bekommen, einige Kitas und Jugendzentren sowie die Chefs der Wohlfahrtsverbände als Kooperationspartner.

Themen hat Pethke auch schon auf der Agenda – etwa den weiteren U3-Ausbau, der noch bis 2018 weitergehe. Außerdem beschäftigen ihn die Kosten für die Hilfen zur Erziehung. Im Vergleich habe Duisburg das vierfache Budget wie das halb so große Chemnitz, wo er zuletzt tätig war. 100 Mio Euro fließen derzeit jährlich etwa in die stationäre und teilstationäre Unterbringung von Kindern. Ob man hier trotz der schwierigen sozialen Bedingungen in Duisburg gegensteuern kann, will er ermitteln.

Das dritte große Thema werde die Schulsozialarbeit sein, deren Finanzierung über das Bildungs- und Teilhabegesetz ausläuft. „Das hinterlässt eine große Lücke“, bedauert Pethke. Er hofft, dass Land und Bund zu anderen Lösungen kommen, um weiter Schulsozialarbeit anbieten zu können. Die Kommunen könnten es jedenfalls nicht schultern.

Kritik an der Arbeit seines Vorgängers sei seine Agenda keineswegs: „Ich will alles sein, aber kein neuer Besen“, betont Pethke.