Die neuen Revierkämpfe von Hells Angels, Bandidos und Satudarah werden immer brutaler

Am Sonntag feuerten Unbekannte mehr als zwölf Schüsse auf einen Duisburger Hellls Angels ab. 70 Höllenengel kamen in das St.-Johannes-Hospital, in dem der 23-Jährige notoperiert wurde.  Vier Tage zuvor wurde in Düsseldorf ein Satudarah-Mitglied niedergestochen, ein Hells Angel festgenommen. Foto: Stephan Eickershoff / WAZ Fotopool
Am Sonntag feuerten Unbekannte mehr als zwölf Schüsse auf einen Duisburger Hellls Angels ab. 70 Höllenengel kamen in das St.-Johannes-Hospital, in dem der 23-Jährige notoperiert wurde. Vier Tage zuvor wurde in Düsseldorf ein Satudarah-Mitglied niedergestochen, ein Hells Angel festgenommen. Foto: Stephan Eickershoff / WAZ Fotopool
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Auf den Duisburger Hells Angel wurden am Sonntag mindestens 13 Kugeln abgefeuert, er überlebte zwei Bauchschüsse. Vier Tage zuvor wurde in Düsseldorf ein Satudarah-Mitglied niedergestochen. Die Revierkämpfe der Rocker werden brutaler, zudem droht ihnen von den "Black Jackets" neue Konkurrenz.

Duisburg/Oberhausen. Als der 23-Jährige, der am Sonntagabend in Oberhausen durch zwei Bauchschüsse schwer verletzt worden war, im Duisburger St.-Johannes-Hospital notoperiert wurde, warteten im Foyer des Krankenhauses 70 seiner "Brüder" auf ihn: Motorradrocker der Hells Angels und deren Unterstützer, nicht nur aus NRW.

Sie waren gekommen, um Anteilnahme, aber auch Stärke zu zeigen; einige auch, um zu kondolieren. Das blieb ihnen erspart. Der Duisburger überlebte den Anschlag, dessen Hintergrund wohl die neu entfachten Revierstreitigkeiten zwischen Rockerbanden an Rhein und Ruhr sind. Wie angespannt die Höllenengel zurzeit sind, offenbarte sich im St.-Johannes-Hospital, als ein Fotograf die Rocker, die sich sonst gerne der Öffentlichkeit präsentieren, fotografieren wollte: Die Polizei war den Rockern zwar zahlenmäßig überlegen, hatte aber Mühe, den voreiligen Journalisten vor den aufgebrachten Rockern in Sicherheit zu bringen.

Polizei stellt BMW mit Einschusslöchern sicher

Am Montagmorgen um zehn Uhr saßen die Experten für Rockerkriminialität der Duisburger Kripo erneut zusammen, die Staatsanwaltschaft Duisburg leitet die Ermittlungen der Mordkommission. Polizisten der Spurensicherung werden im Laufe des Tages auch einen Wagen untersuchen: einen schwarzen BMW, der am St.-Johannes-Hospital in Hamborn sichergestellt wurde.

Mehrere Kugeln durchlöcherten das Auto mit Duisburger Kennzeichen, in dem der Verwundete ins Krankenhaus gefahren wurden. Das erreichte er um kurz nach 18 Uhr. Auf den Duisburger waren um etwa 17.30 mindestens 13 Schüsse auf dem Burger-King-Parkplatz in Sterkrade abgefeuert worden, zwei Kugeln trafen ihn in den Bauch.

Die Polizei Duisburg koordiniert die Einsätze in Duisburg, Oberhausen und Kleve, wo Beamten die Treffpunkte der Motorradclubs weiterhin im Auge behalten, "um Verdächtige zu kontrollieren und Zusammenrottungen zu vermeiden", so Sprecher Stefan Hausch.

In Düsseldorf niedergestochener Rocker gehörte zu Satudarah

Vier Tage vor dem Anschlag von Oberhausen wälzte sich in Düsseldorf ein 26-jähriger Rocker in seinem Blut, der den neuen Feinden der Hells Angels zugerechnet wird: dem niederländischen Motorradclub Satudarah. Er war im Stadtteil Holthausen von einer Gruppe verfolgt worden und mit Messerstichen schwer verletzt worden. Die Polizei nahm einen Mann fest: Der 30-Jährige Kölner entstammt dem Umfeld der Hells Angels. Nach Medienberichten wurde das Opfer bereits im August 2012 schwer verletzt, als Mitglieder des „Clan 81“ – der Club steht den Hells Angels nahe – das "Café Chancé" des Mannes überfielen und ihn zusammenschlugen. Damals soll das Opfer noch dem türkischen Chapter des Motorradclubs Gremium angehört haben, dem Chapter Nomads Bosporus Türkiye.

Seit diesen im Duisburger Rotlichtmilieu und am Niederrhein nicht mehr nur die Bandidos Konkurrenz machen, sondern auch das erste deutsche Chapter des niederländischen Satudarah MC, wird im Westen des Landes NRW wieder scharf geschossen: Nicht mal drei Monate nachdem sich in Duisburg-Rheinhausen der Club "Brotherhood Clowntown" Satudarah angeschlossen hatte, explodierten in Duisburg Handgranaten an einem Gebäude der Hells Angels und in einem Wettbüro. In den Niederlanden liefern sich die Gangs seit Jahren heftige Auseinandersetzungen.

Provokationen im Internet, Panzerwagen vor Duisburger Rocker-Quartieren 

Nachdem die schwarz-gelben Neuankömmlinge ein Kneipe im Duisburger Rotlichtviertel eröffneten, sich auch in der Düsseldorfer Altstadt sehen ließen und obendrein im Internet Clubs in Krefeld und Kleve ankündigten, eskalierte die Gewalt Mitte Februar: In Rheinhausen prügelten sich zehn Satudarahs mit zehn Hells Angels der Gruppe, die Ende November von den Bandidos zu HA übergelaufen war, darunter Rocker aus Leverkusen, Köln, Oberhausen und Kleve. In den Tagen darauf feuerten Unbekannte erst auf das Satudarah-Quartier, dann auf einen Kiosk in Beeck.

Die Polizei versucht mit nächtlichen Kontrollen und starker Präsenz in Duisburg, Oberhausen und Kleve, die Lage wieder in den Griff zu bekommen, Innenminister Jäger verspricht eine harte Hand gegen die Banden und der Polizei Duisburg Unterstützung. Die etwa sperrte am Freitagabend die Hauptstraße im Stadtteil Rheinhausen, sicherte die Absperrungen rund um das Satudarah-Heim sogar mit einem Panzerwagen. "Wir nehmen die Entwicklung ernst. Die Provokationen nehmen zu", sagt Thomas Jungbluth, als Kriminaldirektor im Landeskriminalamt für Organisierte Kriminalität zuständig. "Die Clubs haben sehr stark expandiert und viele neue Mitglieder rekrutiert. Das birgt Konfliktpotenzial."

Dennoch hätten der staatliche Druck und die Verbote der Hells Angels in Köln und der Bandidos in Aachen gewirkt. "Dort ist die Szene deutlich ruhiger geworden." Zudem hätten sich die Bandidos in Oberhausen und der Hells-Angels-Charter Midland in Solingen selbst aufgelöst, wohl weil sie Verbote befürchteten. Die Konfliktlinie verlaufe derzeit am Niederrhein: "Da passiert am meisten."

Noch mehr Konkurrenz für etablierte Rockerbanden: die "Black Jackets" 

Und es könnte sich ein weiterer Konflikt in Nordrhein-Westfalen anbahnen: In Bergheim (Rhein-Erft-Kreis) wird am 16. Februar ein Mitglied der rockerähnlichen Bande "Black Jackets" erschossen, die aus Baden-Württemberg kommend in NRW Fuß gefasst haben. Auch wenn die Tat nicht den Rivalitäten zugerechnet wird, wirft sie ein Schlaglicht auf eine weitere Gruppe, die in NRW neu auf dem Markt ist und bei den Geschäften der Gangs mitmischen will.

"Die strikte Rocker-Hierarchie ist kaum noch durchzusetzen"

"Zudem mischt eine neue Rocker-Generation die Szene auf", berichtet der Düsseldorfer Journalist Jörg Diehl ("Spiegel Online"), der seit vielen Jahren im Rockermilieu recherchiert und gerade ein Buch über den "Rockerkrieg" geschrieben hat (DVA, erscheint am 4. März). "Die jungen Wilden machen, was sie wollen", sagt Diehl. "Motorräder spielen immer weniger eine Rolle. Und für die alten Silberrücken wird es schwieriger, die Situation zu beherrschen. Die strikte Rocker-Hierarchie ist kaum noch durchzusetzen."

Ein Indiz dafür ist der Wechsel ganzer Scharen von Rockern zwischen Bandidos und Hells Angels. "Früher wäre das undenkbar gewesen", sagt Diehl. So nehme inzwischen Ramin Y., der vor einem Jahr bei einer blutigen Massenschlägerei von 100 Rockern in Mönchengladbach als Bandido einen Hells Angel niedergestochen haben soll, inzwischen bei den Angels eine führende Rolle ein.

Die Rockerfehden haben in NRW auch schon Tote gefordert. 2007 wird ein Hells Angel in Ibbenbüren erschossen, 2009 stirbt Bandido "Eschli" in Duisburg. 2012 gibt es in Mönchengladbach beinahe den nächsten Toten - bei einer Straßenschlacht von Rockern, zu der Polizei auch aus den umliegenden Städten eilt, wird ein Höllenengel lebensgefährlich verletzt. (pw/dpa)

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