Die Duisburger Bahnhofsplatte – vom Deckel zum Wahrzeichen aus Beton

Philipp Wahl
Das Duisburger Medienhaus (links), der Duisburger Hauptbahnhof (rechts) und die Duisburger Bahnhofsplatte. Seit eineinhalb Jahren ist nichts passiert in der Betonwüste auf dem größten und zentralen Platz der Stadt. Foto: Hans Blossey
Das Duisburger Medienhaus (links), der Duisburger Hauptbahnhof (rechts) und die Duisburger Bahnhofsplatte. Seit eineinhalb Jahren ist nichts passiert in der Betonwüste auf dem größten und zentralen Platz der Stadt. Foto: Hans Blossey
Foto: www.blossey.eu
Das Grau(en) hat einen Namen: Bahnhofsplatte. Seit 524 Tagen haben wir und die Duisburger das Betonfeld nun vor Augen. Noch immer ist nichts zu sehen von der versprochenen blühenden Landschaft. Darum twittern wir nun täglich unseren Fensterblick, unser Alltagsgrau. Ein wenig Polemik.

Duisburg. Platt gesagt: Wir können sie einfach nicht mehr sehen. Aber wir können auch nicht wegschauen. Die Duisburger Bahnhofsplatte ist zu groß, um darüber hinwegzusehen. Wenn wir einen Blick aus den Fenstern der Redaktion werfen, zur Mittagspause auf die Kö wollen, auf dem Weg zur Arbeit oder nach Hause sind, dann können wir das fußballfeldgroße Betonfeld nicht ignorieren. Niemand kann das. Seit 524* – fünfhundertvierundzwanzig – Tagen nicht. Der Beton bereitet uns Kopfzerbrechen, das Nichts da draußen verursacht eine Leere in uns, diese Tristesse macht uns traurig. Und weil geteiltes ja angeblich halbes Leid ist, lassen wir die Duisburger, DerWesten-Leser und Twitterer teilhaben an unserem Alltagsbetongrau – mit einer Baustellen-Chronik in Bildern und bei Twitter: Auf @DerWestenDU werden wir unserer Chronistenpflicht fortan mit täglich einem Foto der #platte nachkommen, um das Grau(en) auf dieser Stadtentwicklungsfläche mitten in Duisburg zu dokumentieren.

Für alle, die noch nicht Augenzeugen dieser unübersehbaren Untätigkeit wurden oder sich diese nicht erklären können, ein kurzer Rückblick: Im November 2010 – jawohl: 2010 – war der Deckel drauf auf dem sogenannten Mercatortunnel. Ja, seither haben auch wir hier im Medienhaus unsere Ruhe. Und ja, es ist die #platte, die uns vor dem Verkehrslärm der Autobahn 59 schützt. Aber als die Bauarbeiter im September 2010 den Beton für die Bahnhofsplatte anrührten, da konnten wir ja nicht ahnen, dass dieses Bauwerk, dieses steinharte Stück Duisburg, zu einem Wahrzeichen der Stadt avancieren wird! War auch nie die Rede davon, wie ein WAZ-Kollege neulich nachgehalten hat:

„Die Platte wird Ende 2010 fertig sein.“ (Dr. Ralf Oehmke, Chef der Innenstadt-Entwicklungsgesellschaft, IDE, im November 2008).

„Wir lassen die Platte nicht in Beton roh liegen.“ (Adolf Sauerland, damals Duisburger Oberbürgermeister, im November 2010)

„Der Platz wird Ende 2011 fertig sein.“ (Ralf Oehmke im Juni 2010)

„Sobald das Wetter es zulässt, beginnen die Arbeiten, also Februar, spätestens März.“ (Oehmke-Mitarbeiter Rolf Fehr im September 2011)

Warum denn von den blühenden Landschaften, die die Sieger des Architektenwettbewerbes der Politik im November 2010 vorführten, noch immer nichts zu sehen ist?

Dr. Ralf Oehmke: „Wir fangen auf jeden Fall in diesem Sommer an.“

Nun, darüber streiten sich Politiker, Stadtentwickler und Verwaltungsbeamte. Die SPD etwa macht die Stadttochter „Innenstadt Duisburg Entwicklungsgesellschaft“ (DIE) und deren Chef Ralf Oehmke für die Verzögerungen verantwortlich. Der habe Zuschüsse für das Drei-Millionen-Euro-Projekt nicht rechtzeitig beantragt. Die Bezirksregierung als Kommunalaufsicht machte es der Stadt Duisburg, die etwa 1,7 Milliarden Euro Miese hat, pflichtgemäß nicht einfacher bei der Gestaltung des Platzes. Allerdings liegt der IDE seit Mai 2011 die Zustimmung der Kommunalaufsicht zu „einem vorläufigen Maßnahmenbeginn am Bahnhofsvorplatz“ vor. Nach der Ausschreibung aber, so rechtfertigte sich Oehmke im WAZ-Interview, habe die IDE „kein hinreichend preisgünstiges Angebot bekommen. Und in Zeiten, in denen das Geld knapp ist, sagt man dann eben nicht: ich mache es trotzdem.“ Was Oehmke noch sagte am 19. April 2012: „Wir fangen auf jeden Fall in diesem Sommer an.“

Da wären wir aber platt, sollte sich zwischen dem 1. Juni, 1.09 Uhr, und dem 22. September, 16.48 Uhr, tatsächlich etwas bewegen in der Bahnhofsidylle vor unseren Fenstern. Auch wenn es ja nicht so ist, als sei in dem bewegungsfreien Raum ganz und gar nichts passiert, seit die Bauarbeiter verschwanden: Eine Frau und ihr Kind haben dort Tauben gefüttert. An einigen Stellen ist ein grüner Belag auf dem Beton gewachsen. (Nein, geputzt hat die #platte nach unseren Beobachtungen bislang niemand.) Jüngst wurde im Nordosten der #platte eine Antenne installiert, die manche Passanten für moderne Kunst halten könnten. Ach ja: Der Rettungshubschrauber Christoph 9 ist sicher schon viermal im umzäunten Flachland gelandet. Vor der Bombenentschärfung am 18. April nutzte dann auch der Pilot eines Polizeihubschraubers den großzügigen Landeplatz vor dem Hauptbahnhof.

Problemlose Evakuierung, einfache Reinigung

Während der Evakuierung zeigte sich auch, wie praktisch solch übersichtlich gestaltetes Gelände sein kann. Übrigens auch für die Stadtreinigung. Aber das kann die Anwohner und alle anderen Duisburger nicht überzeugen. Sie träumen von einem Comeback des Gläsernen Huts, von einem Sandstrand, einem Fahrrad-Parcours oder einem Biergarten zur Überbrückung auf der #platte. Wir dagegen träumen einfach nur vom Ende unseres grauen Arbeitsalltags.

* Zu Gunsten der Verantwortlichen ist der 1. Dezember 2010 der erste Tag unserer Zeitrechnung. Aufgelegt hatten die Bauarbeiter die #platte schon einige Tage zuvor. Zur Plattensammlung