Der letzte Vorhang droht

Interview mit Dr. Alfred Wendel, Intendant am Theater Duisburg. Dienstag den 06.12.2011. Foto: Lars Fröhlich / WAZ FotoPool
Interview mit Dr. Alfred Wendel, Intendant am Theater Duisburg. Dienstag den 06.12.2011. Foto: Lars Fröhlich / WAZ FotoPool
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Duisburg. Das Streichen bei „freiwilligen Leistungen“ wie Kulturausgaben soll helfen, den Haushalt zu sanieren. Über die Sparpläne sprach WAZ-Redakteurin Anne Horstmeier mit Dr. Alfred Wendel, Intendant der Philharmoniker.

Die Stadt will beim Zuschuss für die Rheinoper 2,5 von 11,1 Millionen Euro einsparen. Was bedeutet das?

Dr. Alfred Wendel: Die Folge wäre, dass der gesamte technische Apparat aus Duisburg abgezogen würde. Das sind etwa 60 Mitarbeiter. Das würde bedeuten, dass die Oper nur noch etwa 40 statt der bisher 100 Vorstellungen in Duisburg zeigen würde. Und das Personal wäre zwischendurch nicht mehr da – damit wäre kein Schauspiel mehr möglich, und die Philharmoniker könnten zum Beispiel keine Erlebniskonzerte mehr geben, weil der Eiserne Vorhang nicht mehr hoch ginge. Die Lichter im Theater gingen aus.

Wäre es das Ende der Opernehe?

Wendel: Ja, denn wir könnten auch die Abonnenten nicht mehr bedienen. Aber ich bin nach den Gesprächen mit den Politikern aller Parteien und in kulturellen Arbeitsausschüssen in Duisburg zuversichtlich, dass die Opernehe nicht aufs Spiel gesetzt wird.

Welche Folgen hätte ein Aus für die Philharmoniker?

Wendel: Rheinoper, Theater und Philharmonie sind ein ganz eng verzahntes System. Wir spielen zurzeit 100 Vorstellungen für die Rheinoper pro Saison, dazu 200 Proben. Das Orchester ist im Wesentlichen in der Oper beschäftigt. So viele fehlende Aufgaben sind nicht zu kompensieren. Wir sind ein A-Orchester, und es ist ganz entscheidend, das zu bleiben, sonst könnten wir nicht mehr diese fulminanten Konzerte in der Mercator-Halle präsentieren. Oder die bei der Ruhrtriennale gefeierte Wagner-Oper „Tristan und Isolde“ . Oder die „Sinfonie der 1000“. Solche Projekte begründen den internationalen Ruf der Duisburger Philharmoniker.

Würde die Mercator-Halle überflüssig?

Wendel: Die Investition wäre jedenfalls unsinnig gewesen, wenn wir nicht auf diesem Niveau weiterarbeiten können.

Welche Folgen hätte das für die Stadt?

Wendel: Neben den Museen sind Deutsche Oper am Rhein, Theater und Philharmoniker die größten und wichtigsten kulturellen Institutionen auch mit der größten Strahlkraft nach außen. Das kann man nicht aufs Spiel setzen. Und es ist als Standortfaktor nicht zu unterschätzen. Wirtschaftsbosse nehmen das sehr, sehr ernst. Wichtig ist vor allem, dass die Kultur der Stadt Identität und ein Gesicht verleiht. Einkaufszentren gibt’s überall.

Wendel: Wie viele Menschen erreichen die Philharmoniker pro Saison?

Insgesamt 65 000, davon 10 000 Kinder. Musik regt die Seele an. Die Kinder werden ins Haus geholt und können Instrumente ausprobieren oder die Musiker gehen in die Schulen. Wir geben fast 100 Konzerte pro Saison – inklusive der Erlebniskonzerte, der Profile-Reihe oder den Kammerkonzerten. Mehr geht nicht. Da engagiert sich das Orchester über das Maß hinaus. Aber durch die Oper, die jetzt über ein schlagkräftiges pädagogisches Team verfügt und zunehmend Kinderopern zeigt, wird das Angebot ausgebaut. Damit werden 40 000 Kinder pro Saison erreicht.

Wendel: Wie werden die Philharmonischen Konzerte angenommen?

Sie sind durchschnittlich zu 90 Prozent ausgelastet. Das ist keine kleine Elite. Besucher vom Niederrhein, aus Oberhausen und Mülheim sind auf uns aufmerksam geworden und kommen zuhauf. Und die Gäste – Dirigenten und Solisten, die ja weltweit unterwegs sind – sprechen von einem tollen Publikum und einem tollen Saal. Das ist zum Besten der Stadt, die ja nicht mit vielen guten Botschaften aufwarten kann. Es würde gar nicht in die Landschaft passen, wenn es keine Oper gäbe und damit eine kulturelle Verelendung einträte. 55 Jahre Deutsche Oper am Rhein – das müssen wir zum Leuchten bringen.

Erreichen Sie auch junge Leute?

Wendel: Das entwickelt sich. Wir haben junge Musiker, die auf einem phänomenalen Niveau spielen. Und vielleicht reicht es den jungen Leuten, die keine Musik machen, ja auch nicht mehr, nur Party zu feiern und Computer zu spielen. Ein Konzert ist eine Insel der Ruhe und Konzentration. Gesprochen wird dann nachher.

Aber in der freien Kulturszene wird ja auch gespart. Und da fließt viel weniger Geld rein.

Wendel: Ja, das ist skandalös. Dabei macht die Kultur nur 2,7 Prozent vom Haushalt aus. Ich zitiere mal einen Satz aus der „Zeit“: „Die Hochkultur ist der Maßstab, den unsere Zivilisation nicht verlieren darf.“ Wir sind eines der reichsten Länder der Welt, wir haben eine reiche Tradition mit Goethe und Beethoven, um die uns die Welt beneidet. Das sollten wir als Teil der nationalen Identität nicht verlieren.

Woran soll die Stadt denn sparen?

Wendel: Die Stadt braucht irgendwann einen ausgeglichenen Haushalt. Wir setzen uns nicht aufs hohe Ross und haben immer schon überall gespart. Aber so eine gewaltige Summe geht nicht. Beim Sparen müssen Prioritäten gesetzt werden. Wir dürfen nicht das gefährden oder gar abschaffen, was das eigentlich Bedeutende ist. Kunst ist kein konsumierbarer Luxus, sondern Teil der Lebensgestaltung und die gemeinsamen Ausdrucksweise des Menschen. Das dürfen wir nicht aus den Augen verlieren.