Der Kampf tobt um das letzte Schienenwerk in Duisburg

Ulf Meinke
Das Duisburger Schienenwerk soll Ende des Jahres geschlossen werden.
Das Duisburger Schienenwerk soll Ende des Jahres geschlossen werden.
Foto: Archiv
Der österreichische Konzern Voestalpine will das frühere Thyssen-Werk in Duisburg schließen. Die IG Metall protestiert und warnt vor höheren Preisen für Bahnfahrer. „Es ist zu befürchten, dass die Schienenpreise deutlich steigen werden, da es nicht mehr ausreichend Wettbewerb in der Branche gibt, wenn das letzte deutsche Schienenwerk schließt“, sagte der nordrhein-westfälische IG Metall-Chef Knut Giesler.

Duisburg. Jürgen Dzudzek und Kenan Ilhan verschicken dieser Tage Eisenbahnschienen mit der Post – zentimeterbreite Stücke, die sich gerade noch so transportieren lassen. „Sie halten möglicherweise eines der letzten Stücke Eisenbahnschiene aus deutscher Produktion in den Händen“, steht im Begleitschreiben. Es wirkt wie ein verzweifelter Versuch, doch noch die Schließung des Schienenwerks in Duisburg zu verhindern. Zum Jahresende will der österreichische Konzern Voestalpine das letzte deutsche Schienenwerk dicht machen. Und zunehmend rückt in den Blickpunkt, dass nicht nur die Beschäftigten, sondern vermutlich auch Steuerzahler und Bahnkunden einen Preis für die Abwicklung zahlen.

Warnung vor Folgen einer Werksschließung

Der Chef der IG Metall in NRW, Knut Giesler, warnt eindringlich vor weitreichenden Folgen einer Werksschließung. „Es ist zu befürchten, dass die Schienenpreise deutlich steigen werden, da es nicht mehr ausreichend Wettbewerb in der Branche gibt, wenn das letzte deutsche Schienenwerk schließt“, sagte Giesler dieser Zeitung. „Die Kosten tragen am Ende die deutschen Steuerzahler und die Bahnkunden.“

Bleibt es beim Schließungsbeschluss, kommen die Schienen für die Deutsche Bahn oder kommunale Verkehrsbetriebe in Zukunft aus Spanien, Polen, Österreich, Großbritannien, Tschechien und Italien. In diesen Ländern befinden sich Schienenwerke der Unternehmen Arcelor-Mittal, Voestalpine, Tata, Moravia und Severstal. „In den nächsten Jahren müssen Hunderte Millionen Euro ins deutsche Schienennetz investiert werden“, sagt Giesler voraus. „Diese Gelder fließen komplett ins Ausland, wenn es in Deutschland keine Produktion mehr gibt.“

Gebaut von August Thyssen

Das Duisburger Schienenwerk, das heute unter dem Kürzel TSTG firmiert, wurde im Jahr 1894 von August Thyssen gebaut und gehörte viele Jahre lang zum heutigen Thyssen-Krupp-Konzern. 2001 übernahm der österreichische Konzern Voestalpine den Betrieb, der aktuell rund 400 Mitarbeiter beschäftigt. Konzernchef Wolfgang Eder betonte unlängst, er sehe keine sinnvolle Alternative zur Werksschließung. „Es hat keinen Sinn, die Menschen hinzuhalten, hinzuhalten, hinzuhalten“, sagte Eder.

Schwierige Lage im deutschen Werk

Die Lage in dem deutschen Werk sei besonders schwierig, betonte Voestalpine. Den Stahl, der in Duisburg verarbeitet werde, liefere schon seit geraumer Zeit Arcelor-Mittal. Mittlerweile sei der Stahlkonzern aber im Geschäft mit Schienen einer der größten Konkurrenten von Voestalpine. Die IG Metall verweist dagegen auf Gutachten, die TSTG eine gute wirtschaftliche Perspektive bescheinigen.

„Die drohende Schließung berührt grundsätzliche Fragen von bundesweiter Bedeutung“, sagte der nordrhein-westfälische IG Metall-Chef Giesler. Das Duisburger Werk stellt die Schienen für die ICE-Schnellfahrstrecken der Deutschen Bahn her. Forschung und Entwicklung „Made in Germany“ seien in Gefahr. Bewusst setze der österreichische Konzern Voestalpine darauf, dass auch kein Konkurrent das Werk übernehme, kritisierte die IG Metall. Als potenzieller Investor wurde zwischenzeitlich die Saarstahl AG gehandelt.

„Voestalpine setzt auf Zerstören statt Verkaufen“, sagte Giesler. „Eine solche Strategie ist brandgefährlich für den Standort Deutschland.“ Die Schließung des deutschen Werks werde zu einer neuen Marktaufteilung im europäischen Schienenmarkt mit nur noch wenigen Anbietern führen, warnte der Chef der IG Metall in NRW. „Wir hoffen, dass sich am Ende doch noch die Einsicht durchsetzt, dass auch für die Deutsche Bahn als Kunde des Schienenwerks viel auf dem Spiel steht.“