Das passiert im islamischen Religionsunterricht in Duisburg-Marxloh

Religionslehrer Hüseyn Cetin darf im Unterricht mit den Schülern nun auch beten und nicht nur darüber reden.
Religionslehrer Hüseyn Cetin darf im Unterricht mit den Schülern nun auch beten und nicht nur darüber reden.
Foto: Kai Kitschenberg
Die Gemeinschaftsgrundschule Sandstraße in Duisburg-Marxloh ist eine von 44 im Land, die den neuen islamischen Religionsunterricht anbieten. Jetzt ist es ihm erlaubt, auch Glaubenspraxis mit in den Unterricht einfließen zu lassen: Statt übers Beten zu sprechen, darf nun auch gebetet werden.

Duisburg. Die Unsicherheit dauert zehn Minuten: Ein neuer Lehrer, ein neues Fach, da sind die Sechs- bis Achtjährigen erst einmal vorsichtig. Doch dann sprudelt es aus Emre, Mert, Yusuf und Rümeysa heraus: Über den Koran wollen sie reden, über Engel und übers Ramadanfest, bei dem sie letzte Woche Süßigkeiten bekamen – und Emre sogar fünf Euro. Und wo Nabyl erzählt, alle Cousins seien da gewesen, bloß die Oma hätten sie nicht besuchen können, denn die lebt in der Türkei.

Hüseyin Çetin, seit neuestem Lehrer für islamischen Religionsunterricht, hat viel genickt und viel gelobt in dieser ersten Stunde im neuen Fach in der Gemeinschaftsgrundschule Sandstraße in Marxloh. Er hat ein Fach vorgestellt, von dem er selbst nicht genau weiß, was darin vorkommen wird. Aus der „Islamkunde“ ist per Erlass zum neuen Schuljahr „Islamischer Religionsunterricht“ geworden.

Den feinen Unterschied hat er gemeinsam mit Schulleiterin Ulrike Settner-Reinhard zuvor auseinander gedröselt: Islamkunde war quasi Ethikunterricht mit islamischer Theorie. Jetzt ist es ihm erlaubt, auch Glaubenspraxis mit in den Unterricht einfließen zu lassen: Statt übers Beten zu sprechen, darf nun auch gebetet werden.

Große Nachfrage

Ebenfalls neu: Bislang begann die Islamkunde in der dritten Klasse, nun geht’s im ersten Schuljahr los. Ein Lehrbuch gibt es mittlerweile, das aber hat noch nicht den Weg an diese Grundschule mit ihren 285 Schülern gefunden. Rund 250 Kinder hier haben einen Migrationshintergrund, die meisten kommen aus türkischsprachigen Elternhäusern, fast alle Kinder sind muslimisch. Mangels Nachfrage wird katholische und evangelische Religion mittlerweile jahrgangsübergreifend unterrichtet. Die Nachfrage nach islamischem Religionsunterricht kann die Schule nicht komplett abdecken: Çetin gibt 20 Stunden, das reicht für den ersten, zweiten und vierten Jahrgang.

Dennoch sind sich die Schulleiterin und der Religionslehrer einig: Der neue Unterricht ist eine gute Sache. „Das bedeutet 50 Jahre nach Beginn der Migration auch gesellschaftliche Akzeptanz“, sagt Çetin. Seit 13 Jahren bereits unterrichtet er an deutschen Schulen: islamische Unterweisung, Islamkunde und jetzt islamische Religion. Er hat erneut eine mündliche Prüfung absolviert, um die Lehrerlaubnis zu bekommen. Wenn sich auch der Name des Faches gewandelt hat, bleibt für ihn vor allem eines wichtig: Wertschätzung der eigenen Religion – und Toleranz gegenüber den anderen Religionen. „Es geht darum, seinen muslimischen Glauben in einem nicht-muslimischen Umfeld zu leben.“

Noch keine Lehrpläne

Eine Auffassung, die nicht alle Eltern teilen: 80 Prozent der muslimischen Eltern haben sich dafür entschieden, ihre Kinder am islamischen Religionsunterricht teilnehmen zu lassen. Einige wenige sind nur auf dem Papier Muslime – und einigen anderen ist der neue Unterricht in deutscher Sprache schon wieder zu weltoffen

Exakte Lehrpläne gibt es noch nicht, also orientiert der 54-Jährige sich an den Vorgaben für die Islamkunde – an den Grundbegriffen des Islam wird das neue Fach auch nicht vorbeigehen. Also sammelt auch die Klasse 2c vorsichtig erste Bruchstücke, später wird Çetin mit ihnen daraus die fünf Säulen des Islam bauen: das Glaubensbekenntnis, das Gebet, das Fasten, die Almosen, die Wallfahrt nach Mekka.

Immer wieder muss Çetin Begriffe aus dem Türkischen übersetzen – zwar stellen Kinder aus türkischsprachigen Familien die Mehrheit in dieser Schule und in dieser Klasse, aber die anderen Kinder mit Wurzeln in Albanien, dem Kosovo, Bulgarien, Rumänien und dem Libanon müssen ja auch folgen können – und so hilft der Islamunterricht auch, die gemeinsamen Deutschkenntnisse zu stärken.

 
 

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