Das Gefühl der erlebten Hilflosigkeit

Thomas Richter
Empfindet noch heute Beklommenheit, wenn er an die Rampe im Karl-Lehr-Tunnel tritt: Polizeiseelsorger Folkhard Werth.
Empfindet noch heute Beklommenheit, wenn er an die Rampe im Karl-Lehr-Tunnel tritt: Polizeiseelsorger Folkhard Werth.
Foto: WAZFotoPool

Duisburg. Seit der Loveparade-Katastrophe hat Folkhard Werth viele Gespräche geführt. Rund 50 Beamte waren es, die in den vergangenen zwei Jahren mit dem Polizeiseelsorger zusammengesessen haben, ihm ihr Herz ausschütteten, sich eines guten Zuhörers erfreuten.

Und fast alle Einsatzkräfte, die an jenem ominösen 24. Juli 2010 die tragischen Ereignisse rund um die Rampe und den Tunnel an der Karl-Lehr-Straße miterleben mussten, klagten in ihrer persönlichen Aufarbeitung über dasselbe, tief in ihnen nagende Gefühl. Das Gefühl, einen in Not geratenen Menschen helfen zu wollen, es wegen der äußeren Umstände aber nicht zu können. Das bittere Gefühl der erlebten Hilflosigkeit.

Viele suchen noch das Gespräch

„Die meisten Polizisten gehören zu jenem Typ Mensch, der anderen helfen und für Gerechtigkeit eintreten will. Für sie ist das Geschehene daher besonders schwer zu ertragen und zu verkraften“, weiß Folkhard Werth. Das hat der Seelsorger beim Austausch mit Beamten erfahren, die bereits wenige Tage nach der Katastrophe den Kontakt zu ihm suchten. Das hört er aber auch noch heute, kurz vor dem zweiten Jahrestag.

„Einige der Betroffenen haben lange mit sich gerungen, ehe sie sich jemand anvertrauen konnten. Aber es war wichtig, dass sie es getan haben. Jetzt kann ich alle, die seitdem nicht mehr mit sich selbst im Reinen sind, unterstützen“, sagt Werth und ergänzt: „Ich kann ihnen sagen: Nicht du bist unnormal, sondern das Ereignis war es.“

Ich traue mich

Bei den Hilfesuchenden handelte es sich nicht nur um Beamte, die vor Ort waren. „Ich hatte auch eine der Personen bei mir, bei der damals viele telefonische Notrufe aus dem Tunnel eingingen. Diese Stimmen verfolgen sie bis heute.“

Gerade für solche Betroffene seien Gedenktage wie der anstehende enorm wichtig, findet Werth. „Denn viele empfanden damals: Ich will da nie wieder hin! Doch dieser Jahrestag bietet ihnen einen geschützten Rahmen, er nimmt dem Ort etwas von seinen Schrecken, so dass einige nun sagen: Ich traue mich.“

Schnelle Erstbetreuung ist enorm wichtig

Seit 1990 ist der 52-jährige Werth bereits Pfarrer. Von 1999 bis 2009 leistete er Feuerwehrleuten und Rettungsdienstkräften seelischen Beistand. Seitdem engagiert er sich als Polizeiseelsorger, ist für die Mitarbeiter in insgesamt sechs NRW-Präsidien der Ansprechpartner – neben Essen, Oberhausen, Krefeld, Wesel und Kleve eben auch Duisburg. In jeder dieser Anlaufstellen trifft er auf Beamte, die damals vor Ort im Einsatz waren.

So wie er selbst.

Katastrophe von Duisburg„Ich war damals im Rahmen einer Einsatzbegleitung mit einem Polizisten unterwegs.“ Dadurch sollte der Pfarrer den Dienstalltag seiner Klientel besser kennen lernen. Gemeinsam waren sie am Morgen des 24. Juli 2010 problemlos aufs Gelände gelangt. Am Nachmittag standen sie an der mächtigen Güterbahnhofshalle, als der Blick des Beamten plötzlich bei dem Hubschrauber verharrte, der schon minutenlang am Himmel über der gleichen Stelle stand. Da wussten beide sofort: Da vorne muss etwas passiert sein.