Legendäres Clan-Oberhaupt packt über sein Leben aus – und warum der „Pate von Berlin“ ins Ruhrgebiet ging

Clan-Kriminalität in Deutschland: Woher kommen die Clans und wie kriminell sind sie?
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Er nannte sich einst selbst „Pate von Berlin“, galt als der König der Berliner Unterwelt, als einer der meist gefürchteten Clan-Chefs Deutschlands.

Mahmoud Al-Zein kam als Asylbewerber aus dem Libanon nach Deutschland, brachte es durch kriminelle Geschäfte zu zweifelhafter Berühmtheit. Heute ist das Oberhaupt des Al-Zein-Clans, einer der einflussreichsten Familien in Deutschland, respektiert, gefürchtet, umstritten.

Clan-Oberhaupt Mahmoud Al-Zein packt in Autobiographie aus

Seine Lebensgeschichte hat er jetzt in einer Autobiografie niedergeschrieben. Auf 304 Seiten geht es um Schießereien, Clan-Fehden mit Rivalen und ein Leben als Gärtner im Ruhrgebiet. Dieser Text ist ein Auszug aus der Autobiographie „Der Pate von Berlin. Mein Weg, meine Familie, meine Regeln“.

Umzug nach Duisburg

Im Frühling 2011 zog ich mit der ganzen Familie nach Duisburg. Die Leute dort waren ganz aufgeregt, als sie mitbekamen, dass Mahmoud Al-Zein in ihre Stadt gezogen war. Ein paar Tage nach dem Umzug redete das ganze Viertel über mich, den neuen Nachbarn mit der bewegten Vergangenheit. »Was macht Al-Zein hier bei uns?«, fragten die Menschen. »Er ist doch der Pate von Berlin.«

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In dieser Zeit absolvierte ich viele Besuche, wurde oft eingeladen. Alle möglichen Leute meinten: »Komm, Mahmoud, lass mal zusammen essen und reden.« Eigentlich hatte ich keine Lust auf so was. Die Aufmerksamkeit war mir unangenehm. Aber wie gesagt: Ich kann schlecht Nein sagen. Also war ich doch ständig irgendwo zu Gast. Immer war es das Gleiche. Ich saß da, alle Leute guckten erwartungsvoll, aber jedes Mal dauerte es eine Weile, bis irgendjemand die Frage stellte, die ihnen allen auf den Lippen brannte: »Was machst du hier in Duisburg? Warum bist du aus Berlin weggegangen?« »Ich mache Ferien bei euch«, lautete meine Antwort. »Ich bin fertig mit dem Nachtleben und der kriminellen Welt. Zocken, Schießereien, Probleme. Das ist kein Leben. Hier hab ich meine Familie, meine Kinder, meinen Frieden. Es geht mir gut bei euch.« Das meinte ich völlig ernst. Nach Jahrzehnten, in denen ich an Berlin gefesselt gewesen war, die Stadt nur sehr selten verlassen hatte und wegen der Ortsbindung der Duldung nie hatte in den Urlaub fahren können, fühlte sich ein dauerhafter Umzug tatsächlich wie Ferien an. Behördlich blieb ich weiterhin in Berlin gemeldet – offiziell durfte ich die Stadt weiterhin nicht verlassen –, aber meine Basis war jetzt Duisburg.

Hier war alles etwas beschaulicher, es war nicht rund um die Uhr was los; wenn die Geschäfte um 20 Uhr zumachten, war Feierabend. Kein brodelndes Nachtleben, keine Parallelwelt. Für so was musste man ins 30 Kilometer entfernte Düsseldorf fahren. Aber ich wollte gar nicht. Ich wollte wirklich einen Gang zurückschalten. Im Baumarkt kaufte ich Erde, Schaufel, Harke, Setzlinge, pflanzte Obst an, besorgte Hühner und Hasen, bestellte meinen eigenen Garten. Damit war ich zufrieden. Ich wollte keinen Luxus und keine Exzesse mehr, auch wenn mir das niemand glaubte.“

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Ehre, Blutgeld und Friede

„Mein Glaube, die Ehre meiner Familie, unsere Gesundheit und Freiheit – all das sind Größen in meinem Leben, die mit Geld nicht aufzuwiegen sind. Auf solchen Grundüberzeugungen basiert auch mein Verständnis von Schuld und Sühne. Wenn man beispielsweise einen Konflikt langfristig beilegen will, muss der Täter seine Schuld eingestehen, sich aufrichtig bei dem Betroffenen entschuldigen und ihn um Verzeihung bitten. Auch ich habe mich in meinem Leben entschuldigt – bei Familienmitgliedern, zu denen ich zu streng war, auch bei Gegnern, die ich zu hart angepackt hatte. Eine Entschuldigung erfährt allerdings erst dann ihre Vollendung, wenn der Geschädigte bereit ist zu verzeihen. Erst dann haben die verschiedenen Parteien ihren Frieden gemacht und können sich wieder hoch erhobenen Hauptes auf der Straße begegnen. Die Ehre ist wiederhergestellt. Eine dauerhafte finanzielle Unterstützung der Familie eines Opfers durch die Täterpartei kann ein zusätzlicher Bestandteil des Versöhnungsprozesses sein, aber er ist immer nur eine Ergänzung. Man spricht dann von Blutgeld.

Derartige Vereinbarungen werden an einem bestimmten Ort, zum Beispiel einer Moschee, getroffen wie von einem Gericht. Sie dienen der Absicherung der Hinterbliebenen. Aber das eigene Gewissen allein durch die Zahlung von Geld entlasten zu wollen ist würdelos. Das macht man nicht. Letztendlich ist das Blutgeld eine Variante der Qisas, des islamischen Wiedervergeltungsprinzips. In den deutschen Medien wird dieses Thema im Zusammenhang mit Clans und dem Ehrgefühl arabischer Familien meist als Blutrache bezeichnet. Dabei geht es in der Regel um die Sühnung einer vorsätzlichen Tötung durch einen Rachemord. Zeitungsberichte vermitteln oft den Eindruck, Blutrache wäre ein unumgängliches Vergeltungsprinzip bei arabischen Leuten. Das stimmt so nicht. Zwar hat die Praktik eine lange Tradition, aber sie unterliegt der Abwägung. Auch hier kann die Bereitschaft der Leidtragenden zur Verzeihung weiteres Blutvergießen verhindern. Ich maße mir nicht an, das Verhalten anderer zu beurteilen. Jeder handelt im Rahmen seiner Möglichkeiten. Trotzdem bin ich heutzutage der Meinung, dass der Weg des Friedens der beste Weg ist. Dieses Prinzip gebe ich in meiner Familie weiter. Noch immer hat mein Wort Gewicht, noch immer schreite ich ein, wenn es Probleme gibt – egal ob in Nordrhein-Westfalen oder in Berlin. Nicht nur innerhalb meiner eigenen Familie genieße ich Respekt, auch andere Gruppen schätzen meinen Rat. Mit den Miris, Ali-Khans und Remmos haben wir eine Familienunion gegründet. Regelmäßig treffen wir uns, besprechen die Brennpunkte und Konflikte in unseren Kiezen, schreiten ein, um Eskalationen zu verhindern.

Solche Zeichen der Geschlossenheit sind heutzutage gerade für junge Leute wichtig. Die Zeiten sind härter geworden. Durch Handys und Internet hat sich vieles verkompliziert. Jeder schreibt in öffentlichen Netzwerken; was er denkt und meint, wird von Tausenden anderer Leute gelesen und kommentiert. Dadurch kochen Streitereien schneller hoch, Massen lassen sich schneller mobilisieren, und am Ende entlädt sich die Aggression auf den Straßen mit doppelter Wucht. Hinzu kommen Actionfilme. Was die jungen Leute dort sehen, wollen sie nachmachen. Oft hat es einen ähnlichen Effekt, wenn ich aus meinem Leben erzähle.“

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„Das Original bin ich“

„Gerade junge Männer bewundern mich für meinen Weg, interpretieren meine Berichte als Heldengeschichte, wollen so sein wie ich. Bis heute denken viele Leute: »Der Pate hält den Laden zusammen und lebt im Luxus.« Sie sehen nur den starken Mann, die Macht, die kriminelle Energie. Was sie nicht sehen, ist der hohe Preis, den ich für meinen Weg gezahlt habe, dass ich ein hartes Leben hatte, oft im Knast saß und mich gewandelt habe.

Dass ich ihnen mit meiner Geschichte genau das Gegenteil sagen will: Schlagt nicht den gleichen Weg ein wie ich, denn das macht euch kaputt. Ihr sollt Mahmoud nicht kopieren. Ihr sollt vernünftige Jobs machen wie meine eigenen Kinder auch. Die arbeiten mit Autos, Immobilien, Dienstleistungen. Das ist was Offizielles. Illegale Geschäfte bringen nichts. Man bezahlt nur hart dafür und geht in den Knast. Und was habe ich der deutschen Gesamtgesellschaft zu sagen? Vielleicht, dass sie sich ein eigenes Bild machen sollte, statt jedes Schurkenklischee aus der Zeitung für bare Münze zu nehmen. Vielleicht auch, dass sich hinter jeder Medienfigur vom Format des Paten ein Mensch mit Gefühlen, Erfahrungen und einer eigenen Biografie verbirgt. Oder dass der Kampf für das Gute manchmal unbeabsichtigt das Böse hervorbringt. Wer bis hierher gelesen hat, hat das aber sicher längst verstanden.

Eins noch: Ich habe von meinen Jungs in den letzten Jahren viel über die Clan-Serie »4 Blocks« gehört. Gutes wie Schlechtes, Begeisterndes wie Vernichtendes, Anerkennendes wie Enttäuschendes. Geeint wurden die Berichte allerdings alle von einem Urteil: »Da wurde Al-Zein kopiert.« Anfangs dachte ich, ich müsste mir mal angucken, was die Fernsehleute da aus meinem Leben gemacht haben. Aber dann kam mir etwas anderes in den Sinn: Ist es nicht aufschlussreicher, die Realität zu durchkämmen und das eigene Leben zu hinterfragen, statt sich über einen aufgeblasenen Abklatsch zu ärgern? Die Antwort auf diese Frage ist dieses Buch. Also zum Teufel mit »4 Blocks«. Jetzt redet das Original. Das Original bin ich.“

„Der Pate von Berlin“ ist im Droemer Knaur-Verlag erschienen und kostet 20 Euro.

 
 

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