Chaotische Direktkandidatenwahlen bei den Duisburger Piraten

Jule Körber
Die Direkt-Kandidaten der Piraten für die NRW-Wahl im Restaurant Hazienda in Duisburg vor.
Die Direkt-Kandidaten der Piraten für die NRW-Wahl im Restaurant Hazienda in Duisburg vor.
Foto: WAZ FotoPool
Die Duisburger Piratenpartei ist nun auf dem Weg in den Wahlkampf, doch die ersten Schritte dorthin verliefen völlig chaotisch. Auf der Nominierungsversammlung für ihre vier Wahlkreiskandidaten gab es im Steakhaus Hazienda nicht nur Auseinandersetzungen über Satzung, Geschäftsordnung und Regularien, für Aufregung sorgte vor allem das Abstimmungsverhalten.

Duisburg. Der Computer will nicht laufen. Ein wenig ratlos starren die beiden Mitglieder der Piratenpartei auf den schwarzen Bildschirm, drücken nochmal den An-Aus-Knopf, warten ab. Eine Viertelstunde später, endlich, läuft er und auch der angeschlossene Drucker für die Stimmzettel ist bereit. Eine Wahl braucht Papier, obwohl es den Piraten-Kreisverband Duisburg, wie einer der Piraten erklärt, zurzeit nur virtuell gibt. Gewählt wird aber auch bei den Piraten noch mit Zettel und Stift und einer selbstgebastelten Wahlurne aus einem verklebten Pappkarton.

Der Duisburger Teil der Piratenpartei trifft sich heute zur Wahl ihrer Direktkandidaten für die anstehende Landtags-Wahl in einem Hinterzimmer in einem Steakhaus. Pünktlich anfangen liegt den politischen Freibeutern nicht so sehr – das werden sie am Ende des Abends, gute drei Stunden später, bereuen, weil ihnen die Zeit für eine ordentliche Wahlabwicklung fehlt.

Piratenpartei erhielt 10% beim NRZ-Bürgerbarometer

Bei der Sonntagsfrage des NRZ-Bürgerbarometers - „Wenn am kommenden Sonntag Kommunalwahl wäre, welche Partei würden Sie dann in den Stadtrat wählen?“ - erhielt die Piratenpartei satte 10 Prozent. Beachtlich scheint das vor allem in Anbetracht der Tatsache, wie jung die Partei ist. Ganz im Gegenteil zu ihren aktiven Mitgliedern, die sich Montagabend im Hinterzimmer des Steakhauses treffen. Lauter Männer jenseits der 35 sitzen an den dunklen Tischen, darunter sehr vereinzelt Frauen und nur sehr wenige Menschen unter 30.

Das Bild, was die Piratenpartei beispielsweise in Berlin abgibt, wo scheinbar viele junge, männliche Computer-Freaks vertreten sind, trifft auf Duisburg offensichtlich nicht zu.

Beim NRZ-Bürgerbarometer wurde offenbar, dass vor allem junge Menschen die Piraten wählen würden - in der Altersgruppe der 20 bis 29-jährigen erhielt die Partei an die 25 Prozent. Dass sich die Altersgruppe der Wählerschaft so wenig in den Parteimitgliedern in Duisburg wiederfindet, dem widerspricht Pressesprecher Hans-Peter Weyer: „Der Altersschnitt ist durchaus durchwachsen, die, die hier sitzen, sind da nicht repräsentativ“. Es gebe inzwischen auch mehr Frauen in der Partei als am Anfang.

Zukünftige Wähler überzeugen

Für Weyer sind vor allem die 31 Prozent der beim NRZ-Bürgerbürgerbarometer Befragten interessant, die auf die Sonntagsfrage antworteten, dass sie noch nicht wüssten, wen sie wählen würden. „Das sind unsere zukünftigen Wähler, die müssen wir überzeugen“, sagt Weyer.

Zunächst einmal muss er aber seine eigenen Parteikollegen von sich überzeugen, denn Weyer möchte als Direktkandidat für den Wahlkreis 63 - Duisburg IV - aufgestellt werden. Auch auf der Landesliste der Piratenpartei will er einen guten Listenplatz möglichst weit oben ergattern.

Die Piratenpartei möchte in allen vier Duisburger Wahlkreisen einen Direktkandidaten aufstellen - auch in den anderen 127 Wahlkreisen NRWs versuchen die lokalen Piraten, jeden Wahlkreis mit einem Direktkandidaten zu besetzen. Frank Leiendecker, der für den Wahlkreis 60 - Duisburg I - als Direktkandidat von seinen Parteigenossen gewählt werden will. Er hält die Aufstellung von Direktkandidaten in allen Wahlkreisen und das Sammeln der dafür notwendigen Unterschriften für keine leichte Aufgabe, die aber in Duisburg machbar sei: „Es wäre ein Armutszeugnis, wenn wir in Duisburg nicht jeden Wahlbezirk mit einem Direktkandidaten besetzen könnten“.

"Ulrics" als einziger Kandidat

Die interne Kandidatenwahl an dem Abend sorgt jedoch für Überraschungen: Im Wahlkreis 61 - Duisburg II - ist es einfach: Nur Ulrich Scharfenort, der sich vorher immer nur Ulrics nannte und seinen richtigen Namen nicht preisgeben wollte, ist der einzige Kandidat und wird mit 14 Ja-Stimmen, zwei Nein-Stimmen und einer Enthaltung gewählt. Auch im Wahlkreis 62 - Duisburg III - ist schnell klar: Dirk Weil setzt sich 13 Ja-Stimmen gegen seine beiden Mitbewerber durch. Für den Wahlkreis 60 - Duisburg I - gibt es eine Stichwahl zwischen Frank Leiendecker und Britta Söntgerath, die Leiendecker eindeutig gewinnt.

Kummer bereitet den politischen Freibeutern der Wahlkreis 63 - Duisburg IV. Hier steht zunächst nur Hans-Peter Weyer, ein altgedienter Duisburger Pirat, zur Wahl - doch der wird, obwohl es keinen Gegenkandidaten gibt, mit sechs Nein-Stimmen, acht Ja-Stimmen und drei Enthaltungen nicht gewählt.

Unschlüssigkeit über zweiten Wahlgang

Ratlosigkeit herrscht im Hinterzimmer. Auch wird die Zeit knapp, das Restaurant schließt um 23 Uhr, die Kellnerin kassiert schon ab, es bleibt noch eine halbe Stunde Zeit, dann müssen die Piraten das Restaurant verlassen. Ein zweiter Wahlgang wird von manchen gefordert, mit neuen Kandidaten, gern auch aus den anderen Wahlkreisen. Ein anderer Pirat ruft rein, dass das undemokratisch wäre und in der Geschäftsordnung nicht vorgesehen. Auch hätten inzwischen zwei Wahlberechtigte das Restaurant bereits verlassen. Seine Einwände werden mit dem Argument Zeitknappheit beiseite geschoben.

Der Schriftführer Stefan Czinczoll erklärt sich bereit, jetzt doch anzutreten, Britta Söntgerath, knappe Verliererin aus Wahlkreis 60, lässt sich als Gegenkandidatin aufstellen. Neue Wahlzettel werden ausgedruckt, die Piraten setzen eilig ihre Kreuze - und Britta Söntgerath erhält neun Ja-Stimmen und ist damit gewählt.

Die Vertrauensleute fürs Wahlamt werden per Handzeig gewählt, der Computer wird schon heruntergefahren. Die Kellnerin fegt die letzten Piraten aus dem sonst leeren Steakhaus in die dunkle Duisburger Innenstadt.