Bochum: Missbrauchsprozess im Fall Marvin startet! Mutter Manuela hofft auf Antworten - doch gibt es die?

Marvin aus Duisburg wurde über zwei Jahre in einem Haus in Recklinghausen festgehalten und missbraucht. Am Freitag startet der Prozess gegen seinen mutmaßlichen Peiniger.
Marvin aus Duisburg wurde über zwei Jahre in einem Haus in Recklinghausen festgehalten und missbraucht. Am Freitag startet der Prozess gegen seinen mutmaßlichen Peiniger.
Foto: Polizei/dpa; Montage: DER WESTEN

Bochum/Duisburg. Ein Junge, der plötzlich wie vom Erdboden verschwunden ist. Eine verzweifelte Mutter. Ein verurteilter Sexualstraftäter. Eine Behördenpanne und ganz viele offene Fragen.

Am Freitag startet vor dem Landgericht in Bochum der Prozess gegen den Mann, der Marvin aus Duisburg mehr als zwei Jahre sexuell missbraucht haben soll.

Bochum: Prozess im Fall des vermissten Marvin aus Duisburg startet

Am 20. Dezember des vergangenen Jahres durchsuchte die Polizei die Wohnung von Lars H. (44) in Recklinghausen. Es geht um den Verdacht der Verbreitung von kinderpornografischem Material. Doch die Beamten können nicht fassen, was sie vor Ort entdecken. In einem Schrank kauert ein Junge, offenbar um sich vor den Polizisten zu verstecken.

Schnell stellt sich raus. Es ist der seit mehr als zwei Jahren vermisste Marvin aus Duisburg. DER WESTEN rekonstruiert vor Prozessbeginn in Bochum den Fall, hat mit dem Anwalt des Angeklagten und Marvins Mutter gesprochen.

Plötzlich ist das Handy aus

Rückblick: es ist der 11. Juni 2017, 11:42 Uhr. Da verliert sich die letzte Spur von Marvin K. Es ist der Zeitpunkt, als er das letzte Mal bei Whatsapp online war. Dann ist sein Handy aus. Die Polizei wird später sein Handy orten und rausfinden, dass er sich das letzte Mal in Recklinghausen aufgehalten hat. Ausgerechnet in Recklinghausen. Dort, wo er zweieinhalb Jahre später wie durch ein Wunder wieder gefunden wird.

Was in dieser Zeit passierte, lässt sich anhand der Prozessakten nur erahnen. Die Anklage geht von 475 Taten aus. 472 Mal soll es zu einem sexuellen Missbrauch gekommen sein. Darunter seien 171 „schwere“ Fälle.

Auch gefährliche Körperverletzung in zwei Fällen wird dem Angeklagten Lars H. vorgeworfen. Dabei soll der Angeklagte mit Gegenständen nach dem Jungen geworfen haben, als dieser sich geweigert haben soll, selbst sexuelle Handlungen vorzunehmen.

Sexuelle Handlungen gegen Geld und Zigaretten?

Aus der Anklage geht auch hervor, dass der Missbrauch von Marvin nicht erst mit seinem Verschwinden begann. Denn die Anklage nennt als Tatzeitraum das Frühjahr 2017 bis zum Auffinden Marvins am 20. Dezember 2019. Demnach soll der der Junge zunächst als Gegenleistung für sexuelle Handlungen Geld oder Zigaretten bekommen haben. Nur kurz darauf soll Lars H. den Jungen dauerhaft bei sich wohnen haben lassen. Jeden zweiten Tag sei es laut Staatsanwaltschaft in der Folge zu sexuellem Missbrauch gekommen.

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Mehr zum Fall Marvin aus Duisburg:

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Vor seinem Verschwinden lebte Marvin K. in einer Wohngruppe in Oer-Erkenschwick. Nach dem Tod seines Vaters hatte Marvin sich verändert, war zunehmend aggressiver geworden. Doch Mutter Manuela B. betonte damals gegenüber DER WESTEN: „Er war immer pünktlich und ist nie abgehauen.“

Verzweifelt sucht sie und ihre Familie nach dem damals 13-Jährigen. Die Familie verteilt Hunderttausende Visitenkarten und sucht bei Facebook nach Marvin - vergebens.

In ihrer Verzweiflung wendet sich Mutter Manuela B. im Januar 2019 sogar an einen Hellseher. Er prophezeit, dass Marvin tot in einem Waldstück verschart sei. Die Polizei rückt mit Spürhunden an der Stelle an, die der Hellseher genannt hatte. Er sollte sich zum Glück irren.

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Im Juli vergangenen Jahres strahlt „Aktenzeichen XY“ den Fall aus. Mutter Manuela ist live im Studio. Und tatsächlich gehen über 50 Hinweise bei der Polizei in Duisburg ein. Marvin soll im niederländischen Roermond gesichtet worden sein, im österreichischen Kärnten, in Hamburg, Saarbrücken, Berlin, Dresden und auch in Duisburg.

Doch darunter ist auch ein Hinweis, der die Ermittler möglicherweise schon früher zu Marvin K. geführt hätte.

Die Beamten in Recklinghausen staunten nach Marvins Auffinden nicht schlecht, als sie in der Polizeiakte des Vermisstenfalls, die sie von den Kollegen aus Duisburg bekommen hatten, einen Hinweis nach der Ausstrahlung von „Aktenzeichen XY“ auf den Angeklagten entdeckten.

„Aktenzeichen XY“-Zuschauerin weist Polizei auf Marvins Kontakt zu pädophilen Mann hin

Eine „Aktenzeichen XY“-Zuschauerin hatte die Polizei auf einen Kontakt zwischen Marvin und dem Angeklagten im Jahr 2016 hingewiesen.

Er werde von einem Mann in Recklinghausen festgehalten, „der ein Pädophiler sei“. Da sie das nur aus zweiter Hand wusste, rief die Polizei bei dem Mann an, der ursprünglich der Frau davon erzählt hatte. Der Mann nannte auch den Namen des tatsächlich bereits wegen des Besitzes von Kinderpornografie vorbestraften Recklinghäusers.

Doch weiter wurde dem Hinweis offenbar nicht nachgegangen. >>> hier mehr dazu

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Der Fall Marvin:

  • 11. Juni 2017: Marvin ist das letzte Mal online, danach verliert sich seine Spur
  • Sommer 2019: Aktenzeichen XY zeigt den Fall, ein Hinweis geht auf Marvins Verbleib bei einem Pädophilen ein
  • 20. Dezember 2019: Bei einer Wohnungsdurchsuchung einem vorbestraften Sexualstraftäter, wird der Junge im Schrank entdeckt
  • 5. Juni 2020: Am Landgericht Bochum beginnt der Missbrauchsprozess gegen Lars H.

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Ermittlungen gegen Polizisten laufen

Gegen die zuständige Sachbearbeiterin der Polizei laufen daher Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Duisburg. Sie seien noch nicht abgeschlossen, erklärte Sprecherin Marie Fahlbusch. Sie ist inzwischen nicht mehr im Dienst.

+++ Die Suche nach Marvin K. - eine Chronologie +++

So dauerte es noch ein halbes Jahr, bis Marvin zufällig bei der Wohnungsdurchsuchung entdeckt wurde. Die Recklinghäuser Ermittler hatten einen Tipp von ihren Kollegen aus Duisburg bekommen, dass der Angeklagte über kinderpornografisches Material verfügen solle. Man habe keine Hinweise auf den Jungen gehabt, so ein Sprecher der Recklinghäuser Polizei.

Lars H. hat die Missbrauchsvorwürfe bislang bestritten. Marvin habe freiwillig bei ihm gelebt, soll er angegeben haben. Der 44-Jährige lebte gemeinsam mit seinem Vater in einem Mehrfamilienhaus in Recklinghausen. Er war 2018 bereits wegen des Besitzes von Kinderpornografie zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden, schon vorher mit dem Gesetz in Konflikt geraten sein.

Angeklagter will wohl schweigen

Die Ermittler der 18-köpfigen EK „Schrank“ rückten nach Marvins Auffinden an Heiligabend mit einem Transporter an, räumten die komplette Wohnung des Angeklagten aus, stellten Datenträgern mit Bildern und Videos sicher. Das gefundene Material reicht für eine zweite Anklage - wegen Besitz und Verbreitung von kinder- und jugendpornografischem Material. Die beiden Anklagen wurden zusammengelegt, wie eine Sprecherin des Landgerichts Bochum erklärte.

Lars H. wird im Prozess von gleich fünf Verteidigern vertreten. Rechtsanwalt Markus Kluck aus Mönchengladbach ist einer von ihnen. „Ich gehe davon aus, dass er keine Angaben machen wird im Prozess“, ließ der Anwalt durchblicken.

Marvins Mutter Manuela B. will den ganzen Prozess verfolgen, dem Mann die Stirn bieten, der ihren Sohn so Schreckliches angetan haben soll. Sie ist nach drei Herzinfarkten inzwischen Rentnerin und wird psychologisch betreut.

Marvins Mutter hofft: Lebenslang für Angeklagten

„Was denken Sie, was ich mir erhoffe als Mutter“, sagt Manuela B. vor dem Prozess auf die Frage, welches Urteil sie sich ausrechne. Was sie damit meinen dürfte, hat sie in einem Brief an Lars H. beschrieben. Darin formuliert sie ihren Wunsch, dass der Angeklagte nach dem Prozess nie mehr aus dem Gefängnis komme, damit er so etwas keinem Kind mehr antun könne.

Marvins Mutter hofft auf Antworten auf ihre vielen offenen Fragen. „Wenn alles zu Ende ist“, sagt sie noch, „können wir so etwas wie abschließen.“ Für sie und ihren Marvin bleibt ein harter Weg dorthin.

 
 

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