Bei den TSTG-Schienenwerken in Duisburg wurde die letzte Schiene gewalzt

Wut, Resignation und Existenzängste herrschten gestern bei der TSTG-Belegschaft vor, während die letzte deutsche Schiene gewalzt wurde.
Wut, Resignation und Existenzängste herrschten gestern bei der TSTG-Belegschaft vor, während die letzte deutsche Schiene gewalzt wurde.
Foto: privat
Jeglicher Kampf um den Erhalt der TSTG-Schienenwerke in Duisburg war vergeben: Ende des Jahres läuft die letzte Schicht im Stadtteil Bruckhausen, am Mittwoch wurde die letzte Schiene gewalzt. Ein Stück deutscher Industriegeschichte wird abgeschlossen. Die letzte produzierte Schiene prägten die Arbeiter mit einen ganz besonderen Stempel.

Duisburg.. Es war ein trauriger Moment kurz nach 12 Uhr, im Norden der Stadt. „Die letzte Schiene Deutschlands“ - diesen Prägestempel hatten die Mitarbeiter der TSTG-Schienenwerke auf genau diese gedrückt. Ein Stück deutscher Industriegeschichte ist abgeschlossen. Was bleibt, ist ein bitterer Beigeschmack. Ein sehr bitterer.

Sie hat lange gekämpft, die Belegschaft in Bruckhausen, nachdem der österreichische Mutterkonzern Voestalpin im März 2012 die Werksschließung bekanntgegeben hatte. Politprominenz gab sich auf dem Gelände die Klinke in die Hand, immer Solidarität versichernd. Petitionen der Parteien waren vorhanden. Nur genutzt hat es nichts. „Wir haben genügend Argumente geliefert. Aber es fehlte der politische Druck“, blickt der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Kenan Ilhan auf den Arbeitskampf zurück.

Letzte deutsche Schiene gewalzt

Was haben sie nicht alles angestellt: Sie haben protestiert, sie haben um Unterstützung gekämpft, sie haben auf die zuletzt wieder gute Auftragslage hingewiesen, sie haben potenzielle Käufer für das Werk gesucht. Zuletzt haben sie sogar Schienenstücke per Post verschickt. „Sie halten möglicherweise eines der letzten Stücke Eisenbahnschiene aus deutscher Produktion in den Händen“, hatten Betriebsrat Ilhan und IG Metall-Chef Jürgen Dzudzek in einem Begleitschreiben gemahnt. Genutzt hat es nichts. Gestern wurde die letzte deutsche Schiene gewalzt.

Resignation, Wut und Existenzangst waren gestern auf dem Betriebsgelände die vorherrschenden Emotionen. „Wir verstehen die Welt nicht mehr. Die Enttäuschung ist riesengroß“, beschreibt Kenan Ilhan die Situation. Auf einen Teil der Belegschaft warten noch Restarbeiten, Bestellungen verschicken, aufräumen. Offiziell Schluss ist am 31. Dezember, aber viele Kollegen werden wohl schon vorher zu Hause bleiben können, oder besser, müssen. 100 TSTGler werden in Altersteilzeit gehen. Die restlichen Kollegen, so um die 270, kommen für ein Jahr in eine Transfergesellschaft. Hoffen auf eine Vermittlung. Eine schwierige Situation angesichts des Altersdurchschnitts von 45 Jahren.

Verbitterung bei Angestellten

Es spricht auch Verbitterung aus den Worten des stellvertretenden Betriebsratschefs, wenn Kenan Ilhan sagt, dass nun 120 Jahre Industriegeschichte in Deutschland zu Ende gehen, ein Produkt aus diesem Land verschwindet, dass dann aus dem Ausland „für teuer Geld“ eingekauft werden muss. Nicht umsonst warne Bahnchef Rüdiger Grube immer wieder, dass die Bahninfrastruktur marode und Millioneninvestitionen ins Schienennetz erforderlich seien.

Ausgerechnet die Bahn, die Voestalpin und andere Schienenhersteller über Jahre per Preisabsprache geschröpft hatte, bevor die Staatsanwaltschaft ihnen auf die Schliche kam, das Bundeskartellamt Millionen-Strafen verhängte. Die Konsequenzen für die Betrügereien der Manager zahlten damals bereits die Mitarbeiter mit Kurzarbeit und Stellenabbau, um eine Schließung zu verhindern, nachdem die Bahn 2010 ihre Aufträge zurück gezogen hatte. Für die TSTG-Mitarbeiter ist klar: Ihr österreichischer Mutter-Konzern Voestalpin will das eigene Werk Leoben-Donawitz bei Graz besser auslasten. Der Preis für Schienen, der durch den Schienenfreunde-Skandal in den Keller ging, soll durch künstliche Verknappung wieder anziehen. Also muss Bruckhausen dicht gemacht werden. Diese Befürchtung hatten die TSTGler bereits bei der Ankündigung der Schließung im März 2013, und an dieser Argumentation hat sich bis heute nichts geändert.

 
 

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