Arbeiter spricht über Schließung im Duisburger Schienenwerk

In den verlassenen Werkshallen sind noch die Spuren vergangener Arbeitstage zu sehen. Bald werden die Maschinen von Fremdfirmen abgebaut.
In den verlassenen Werkshallen sind noch die Spuren vergangener Arbeitstage zu sehen. Bald werden die Maschinen von Fremdfirmen abgebaut.
Foto: Fabian Strauch
In den Werkshallen der TSTG Schienentechnik in Duisburg stehen die Maschinen still. 120 Jahre lang wurden im Werk Schienen gefertigt - nun endet die Ära des Stahlunternehmens. Ein Arbeiter der zum letzten Mal durchs Werkstor gehen wird, schildert seine Gedanken.

Duisburg. Die meterlangen glänzenden Achsen in der Walzendreherei sind verlassen, in der Werkshalle ist nur die Lüftung zu hören. Ein paar leere und halbleere Wasserflaschen stehen herum, zwischendrin liegen noch Handschuhe.

Von draußen hört man den Regen prasseln, der den Weg zur Produktionsstraße nebenan zu einem Hindernislauf macht, weil es irgendwo hineintropft. In der riesigen Anlage drehten sich die Walzen und pressten Schienen. Schienen, auf denen die ICE-Züge der Bahn mit 300 Stundenkilometern fahren. Auf denen Straßenbahnen ruckeln. Oder an denen die Wuppertaler Schwebebahn hängt. Aber auch hier ist es jetzt still. Der Wind pfeift durch die offenen Seiten und lässt die Absperrbänder flattern. Kein Arbeiter ist zu sehen. Denn die TSTG Schienen Technik mitten auf dem Thyssen-Krupp-Gelände in Bruckhausen produziert nicht mehr.

Ein Arbeiter kommt schließlich doch und geht die Stufen zum alten Pausenraum hinauf. Die Türen vieler Spinde stehen offen, es riecht nach Menschen, die gearbeitet haben. Der 40-Jährige sieht davon nicht mehr viele. Die meisten seiner knapp 400 alten Kollegen sind schon weg. Im Schienenlager drüben ist noch ein bisschen zu tun. Aber bald auch nicht mehr für ihn. „Was hat Voest mit uns gemacht“, sagt er, ohne Fragezeichen. 2001 übernahm der österreichische Stahlkonzern Voestalpine den Betrieb, der lange zu Thyssen-Krupp gehörte. Aus wirtschaftlichen Gründen wird er nun geschlossen.

"Man kann ein Werk zumachen, aber nicht so"

Vor zwei Jahren begann der Absturz. Langsam, doch der Aufprall blieb hart. Es war eine dramatische Zeit für die Belegschaft. „Wenn ich davon erzähle, kommen mir die Tränen, ganz sicher“, sagt der Arbeiter. „Man kann ein Werk zumachen, aber nicht so. Es war doch ein Wirtschaftsprüfer da, wir haben wirtschaftlich gearbeitet! Und die Gewerkschaft, die Betriebsräte haben doch gekämpft!“ Der Mann hat rote Augen. „Morgen ist meine letzte Schicht.“

Die Hoffnung habe er bis zuletzt nicht aufgegeben. Weil doch die Politiker kamen, die Betriebsräte bis nach Berlin gingen. Bis er dann wirklich wusste, wann für ihn Schluss sein würde. „Wir sind die ersten Stahlarbeiter, die auf die Straße gesetzt werden, das verstehen die Leute nicht“, erzählt er. Es gibt keinen großen Mutterkonzern, der für ihn einen neuen Job irgendwo im Unternehmen finden wird.

Das musste er auch seiner Tochter sagen, die Schülerin kennt ihn nur als Schienenwerker. „Ich bin von der Frühschicht nach Hause gekommen und saß am Tisch. Meine Tochter kam und hat gefragt: Papa, warum redest du nicht? Ich habe gesagt: Ich rede, hörst du doch. Sie: Nein, nicht wie vorher. Meine Frau hat gesagt, dass ich es nicht mehr verheimlichen soll, und ich konnte es auch nicht mehr. Ich sagte: Pass auf, Schätzchen, ich werde Ende des Jahres arbeitslos. Sie hat geweint. Ein zehnjähriges Kind. Ich weiß nicht, was sie gespürt hat.“ Zwei, drei Kollegen, die zwischendurch in den Pausenraum gekommen waren, sind wieder hinaus gegangen. Sie kennen die Situation zu gut.

Der Mann stützt sich nicht mehr mit seinen Händen auf den Knien ab. Er schlägt auf den Tisch, zwar nur leicht, doch das Geräusch wabert dumpf durch den Raum. „Was hat Voest mit uns gemacht! Ich war beim Arbeitsamt, sie sagten: Zeitarbeitsfirma. Mit welchem Geld soll ich nächstes Jahr einkaufen gehen?“ Dann sinkt er wieder ein Stückchen in sich zusammen. „Der letzte Gang aus dem Werkstor, das wird hart. Ich gehe heulend raus. Aber wie soll ich nach Hause gehen? Was hat Voest mit uns gemacht? Der Wirtschaftsprüfer war doch da.“

Altersdurchschnitt der TSTG-Mitarbeiter liegt bei 49 Jahren

Am 13. März 2012 gab der Konzern Voestalpine bekannt, das Schienenwerk in Duisburg wegen wirtschaftlicher Unrentabilität schließen zu wollen. Die Betriebsräte von TSTG und IG-Metall-Vertreter hatten schon Wochen zuvor gewarnt, dass die Österreicher diesen Schritt machen könnten. In der Belegschaft wurde vermutet, dass die Österreicher damit die Schienenwerke im eigenen Land wieder stärker auslasten wollten, um dort keine Arbeitsplätze abbauen zu müssen.

Rund 400 Menschen arbeiteten zu diesem Zeitpunkt noch im Duisburger Werk, das mitten auf dem Gelände von Thyssen-Krupp liegt. Knapp 100 Kollegen gingen in Altersteilzeit, einige wenige konnten bereits neue Jobs finden, doch etwa 250 bleiben übrig, die nun auf der Straße stehen.

„Bei 13 Prozent Arbeitslosigkeit in der Stadt und den Qualifikationen haben die Leute kaum eine Chance“, sagt Kenan Ilhan, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender im Bruckhausener Schienenwerk. „Der Altersdurchschnitt liegt bei 49 Jahren. Da hat man die Angst, es nicht mehr zu schaffen, sich für einen anderen Job zu qualifizieren“, betont Ilhan, auch wenn eine eigens geschaffene Transfergesellschaft genau das im nächsten Jahr ermöglichen soll.

Bis zuletzt auf die Deutsche Bahn gehofft 

Nachdem Voestalpine die Schließung des Werks in Duisburg verkündet hatte, bemühte sich der Betriebsrat um andere Käufer. Tatsächlich hoffte Kenan Ilhan, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender im Bruckhausener Schienenwerk, bis Ende November auf eine Rettung – durch die Deutsche Bahn.

Doch in Gesprächen mit dem Betriebsrat lehnte der Bahn-Vorstand vor einem Monat ab. „Da kam die Ernüchterung“, sagt Ilhan. „Die haben unser Produkt fallengelassen und gehen das Risiko ein, es aus dem Ausland beziehen zu müssen. Voest ist nicht das Schlimmste, sondern unsere eigene Deutsche Bahn.“

An dieser Stelle sei zu wenig Druck von Seiten der Politik auf die Entscheidungsträger ausgeübt worden, kritisiert Betriebsrat Markus Achilles. „Jeder namhafte Politiker ist gekommen – zum Brötchen essen und Kaffee trinken“, doch der Antrag im Landtag und die Gespräche auf Bundesebene seien nicht ausreichend gewesen.

„Die Politik hat keinen Einfluss auf die Bahn genommen“, klagt auch Ilhan. „Angeblich, weil sie nicht die Möglichkeit hatte. Jetzt will Bahn-Chef Grube 1,2 Mrd Euro pro Jahr mehr vom Steuerzahler, um die Infrastruktur zu verbessern. Und da soll es keine Möglichkeit geben, Einfluss zu nehmen?“

Das letzte Schienenwerk in Deutschland schließt nun

Mit den Arbeitsplätzen in Duisburg geht auch Wissen verloren: „Wir waren das letzte Schienenwerk in Deutschland“, sagt Betriebsrat Markus Achilles. „Nach unserer Schließung wird diese Technologie komplett verschwinden. Wenn die Arbeiter von hier in alle Winde verstreut sind, kann man damit nicht irgendwann einfach wieder anfangen.“

120 Jahre lang wurden bei TSTG Schienen gefertigt. Dass das Ende dieser Ära nicht mehr abzuwenden sei, befürchtete Achilles im Mai, als der Sozialplan unterschrieben wurde. Doch es wurde weiter nach Investoren gesucht. Und die habe es auch gegeben, betont der Betriebsrat.

Im Mai 2013 wurde die Saarstahl AG als Käufer für das Werk gehandelt. Allerdings hätten die Auflagen von Voestalpine Investoren abgeschreckt. „Wir hätten zum Beispiel drei Jahre nicht produzieren dürfen“, erklärt Achilles. „Was hätten wir in der Zeit hier walzen sollen? Nudeln?“

 
 

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