Duisburg

Warum Komiker Abdelkarim manchmal behauptet, Serdar Somuncu zu sein

Comedian Abdelkarim: „Die AfD macht eine richtige Gehirnwäsche.“
Comedian Abdelkarim: „Die AfD macht eine richtige Gehirnwäsche.“
Foto: Guido Schröder

Duisburg. Das Interview beginnt vor dem Interview. „Ich möchte mich beschweren“, sagt der Mann am anderen Ende der Leitung, der vielleicht ein Leser ist oder sich einfach nur verwählt hat.

Als der Anrufer dann nicht mehr seine Stimme verstellt, wird auch den Reportern klar (Achtung Spoiler!): Das ist Abdelkarim, der zum verabredeten Interview anruft. Ja, wir sind ihm ein bisschen auf den Leim gegangen und stellen fest: Der Typ ist wirklich verdammt lustig.

Seit über zehn Jahren steht der Sohn marokkanischer Einwanderer mit seinem Stand-Up-Programm auf den Bühnen Deutschlands, für das er unter anderem den Bayerischen Kabarettpreis und zuletzt den Deutschen Fernsehpreis gewonnen hat.

Aufgewachsen ist der 37-jährige Abdelkarim in Bielefeld. Inzwischen lebt er in Duisburg. Merkwürdig ist: Wenn man Abdelkarim googelt, findet man haufenweise Informationen, die eigentlich zu seinem Kabarett-Kollegen Serdar Somuncu gehören.

Wie oft werden Sie eigentlich mit Serdar Somunucu verwechselt, Abdelkarim?

Abdelkarim: Immer wieder mal, aber komischerweise nur von Urdeutschen. Die sehen mich und denken sich: „Ah, Glatze, Vollbart und ein bisschen dick, das muss er sein.“ Aber Migranten-Kinder verwechseln mich nie mit ihm. Die unterscheiden das irgendwie. Früher hab ich das immer aufgelöst und gesagt, wer ich bin, ich will mich ja nicht mit fremden Federn schmücken. Doch dann hab ich festgestellt, dass die Leute das einfach nicht wahrhaben wollen. Die sagen dann: „Doch, das sind Sie. Jetzt geben Sie es doch endlich zu!“ Um diesem Verhör aus dem Weg zu gehen, sage ich mittlerweile einfach: „Ja, der bin ich.“ Und wenn die noch ein Foto wollen, sage ich: „Aber nur, wenn Sie mich dann auf Facebook verlinken.“

Das heißt, Sie geben dem Kollegen gratis ein bisschen Facebook-Ruhm mit.

Klar, man muss ja als Undercover-Deutsche zusammenhalten. Aber es ist auch ein versteckter Hilfeschrei. Damit Serdar Somuncu sieht, wie viele mich mit ihm verwechseln. Vielleicht hat er ja ähnliche Erfahrungen, nur andersrum, und traut sich nicht, darüber zu sprechen.

Ihr Programm wird bisweilen „Ethno-Comedy“ genannt, weil es oft um Ihre marokkanische Herkunft geht. Können Sie sich vorstellen, auch mal eine ganz neue Richtung einzuschlagen?

Für mich ist Stand-Up-Comedy immer so alltäglich wie möglich. Ich rede über alles, was mich betrifft. Und Sachen, die mich betreffen, sind immer irgendwo irgendwie ethnomäßig angehaucht. Wenn ich jetzt zum Beispiel über meine Eltern rede, dann rede ich automatisch über Marokkaner. Die werden jetzt nie Heinz und Frida heißen. So wie ich aussehe, meine Herkunft, meine Geschichte, das fließt immer in den Alltag mit ein. Auch dann, wenn ich über Sachen rede, die auch Urdeutschen passieren können.

Nur nehmen die Leute das als Ethno-Geschichte wahr, weil ich über Ali oder so rede. Ich werde die Welt nie aus der Sicht eines Saschas beobachten. Könnte ich eigentlich schon, aber das wäre dann Science-Fiction. Meine Geschichten sind immer aus der Sicht eines deutschen Marokkaners oder eines marokkanischen Deutschen. Oder irgendwas dazwischen.

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Deutscher Marokkaner oder marokkanischer Deutscher: Das ist ja schon ein Unterschied. Wie definieren Sie sich selbst?

Was ich bin, hängt immer davon ab, wer gerade vor der Tür steht. Oder was grad abgeht. Nach der schlimmen Kölner Silvesternacht hatte ich das Gefühl, ein Deutscher gefangen im Körper eines Grapschers zu sein. Die Leute hatten plötzlich Angst, dass ich gleich anfange zu tanzen. Als Kind habe ich mir nie Nationalitätsfragen gestellt. Ich bin mit anderen Migrantenmenschen aufgewachsen. Das war halt von Anfang an ein bunter Haufen und fertig. Erst später wurde Integration immer mehr Thema.

Aufgewachsen sind Sie in Bielefeld, jetzt leben Sie in Duisburg. Was ist der größte Unterschied zwischen den Städten?

Die Menschen in Duisburg sind lauter. Kommt mir zumindest so vor. Die nimmt man eher wahr. Das ist ein Unterschied, den ich auf jeden Fall bemerkt habe. Ich habe ein paar Jahre in Bochum gelebt, die waren schon lauter als in Bielefeld, aber in Duisburg legen die Leute noch ne Schippe drauf. Das meine ich aber nicht negativ. Ich finde das cool. Und das Ruhrgebiet hat den Riesenvorteil, dass hier gefühlt 500 Großstädte nebeneinander liegen.

Gibt es eigentlich No-go-Areas in Duisburg?

Mein Nachbar meint: ja. Ich habe ihm gesagt, dass ich das nicht so sehe. Darauf er: „Wenn ich so aussehen würde wie du, dann würde ich in Duisburg auch überall hingehen.“ Klar gibt es in Duisburg Ecken, die abends ein bisschen gefährlicher sind. Aber die gibt es überall, auch in München. Marxloh finde ich zum Beispiel überhaupt nicht so schlimm, wie viele immer sagen. Ich finde das sogar sehr schön da.

Marxloh ist ein Stadtteil im Ruhrgebiet, in dem die AfD bei den letzten Landtagswahlen gut abgeschnitten hat. Finden Sie das problematisch?

Ich hoffe und glaube auch, dass die allerwenigsten AfD-Wähler Rassisten sind, auch wenn ich das nie empirisch nachgeprüft habe. Aber für mich ist die AfD auf jeden Fall eine Rassisten-Partei. Man muss sich nur die Reden ihrer PolitikerInnen anhören und der Fall ist klar. Dazu schafft es die AfD, die Sorgen der Menschen aufzubauschen. Die machen aus wenig viel, das ist eine richtige Gehirnwäsche, mit der die Wähler kriegen. Es gibt ja zum Beispiel Menschen, die in ihrem Leben null Kontakt zu Syrern haben. Die kennen Syrer nur aus den Nachrichten. Und wann kommen Syrer in den Nachrichten vor? Wenn sie jemanden ausrauben oder Schlimmeres.

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Wenn die Leute dann dazu die fremdenfeindlichen AfD-Reden hören, ist das ein ganz schlimmer Teufelskreis. Die Leute glauben dann wirklich, dass es mit Deutschland den Bach runtergeht. Ich finde, man darf natürlich nichts schönreden oder verharmlosen. Aber man darf auch nicht auf radikale Leute reinfallen. Wenn man sich Sorgen um Deutschland macht, sind Rassisten definitiv die falsche Anlaufstelle.

Abdelkarim ist mit seinem aktuellen Programm „Staatsfreund Nr.1“ deutschlandweit unterwegs. Am 11. Januar 2019 tritt er in der Duisburger Rheinhausen-Halle auf.

 
 

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