A40 als Zuhause für seltene Pflanzen

Foto: Matthias Graben / WAZ FotoPool
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Duisburg.. Die Autobahn ist Lebensraum für mehr als 400 Pflanzenarten. Bei der Aktion „Still-Leben A40“ haben Experten eine Inventur auf dem Seitenstreifen gemacht und dort auch seltene Spezies gefunden.

Die Autobahn als Lebensraum: Nicht nur Gas-Füßler, Lack-Schnecken und Slalom-Pythons haben auf der A40 ein Zuhause gefunden, sondern auch viele Pflanzenarten. 441 verschiedene Spezies, um genau zu sein.

Experten aus dem gesamten Ruhrgebiet haben während der Aktion „Still-Leben A40“ im Juli die Pflanzenwelt auf dem 60 Kilometer langen Mittelstreifen untersucht. Unter der Koordination der Biologischen Station Westliches Ruhrgebiet (BSWR) und des Bochumer Botanischen Vereins haben einige Fachleute auch den Duisburger Abschnitt des Ruhrschnellwegs unter die Lupe genommen und Arten wie Götterbaum, Rosen-Malve oder Nachtkerze gefunden.

Bunte Einwanderer

Autobahnen sind nämlich nicht nur wichtige Verkehrswege für den Menschen und seine Güter, sondern auch für Pflanzensamen. Viele Arten wandern entlang von Leitplanken in Deutschland ein, bekommen auf dem Seitenstreifen ein Asyl und gliedern sich später in die heimischen Pflanzengesellschaften ein. Aktuelles Beispiel: das Dänische Löffelkraut. Dieses eher unscheinbare Gewächs ist erst seit wenigen Jahren in Deutschland zu finden, vornehmlich an Autobahnen. Verbreitungskarten der Pflanze zeichnen nahezu perfekt das Verkehrsnetz nach. „Mittlerweile finden wir es immer häufiger an den Straßen, die von den Autobahnen in die Städte führen“, hat Corinne Buch (30) von der Biologischen Station beobachtet.

Eine andere Pflanze, die es schon bis in die letzten Hinterhöfe Duisburgs geschafft hat, ist das Schmalblättrige Greiskraut. Zurzeit auffällig gelb blühend, tritt es in Massen an der A40 auf. Ursprünglich kommt die Pflanze aus Südafrika und wurde wohl mit Schafwolle nach Europa verschleppt. Seit den 70er Jahren breitet sie sich von den Häfen ins Landesinnere aus, weil der Windzug der Autos die federleichten Samen immer ein Stückchen weiter trägt.

Dort, wo an normalen Tagen mehr als 140 000 Autos vorbei donnern, gedeihen aber auch Pflanzen, die anderswo nicht mehr dauerhaft Fuß fassen können. Mit den extremen Standortbedingungen kommen nicht alle Pflanzen zurecht. Den hohen Salzgehalt – verursacht durch das Streusalz der Winterdienste – vertragen oft nur Pflanzen, die sonst an der Nordsee heimisch sind. Insgesamt haben die Experten 63 Arten gefunden, die den hohen Salzgehalt zumindest tolieren. „Wir vermuten, dass noch viele andere Arten mehr Salz vertragen, als bisher angenommen“, fasst Corinne Buch die ersten Ergebnisse der Kartierung zusammen, die demnächst in der Fachzeitschrift des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz in NRW veröffentlicht werden.

Wissenslücke geschlossen

Die Untersuchung der Autobahn-Pflanzenwelt schließt eine Wissenslücke der Flora des Ruhrgebiets. Industriebrachen, Kanäle und Eisenbahndämme sind schon ausgiebig erforscht worden. „Unsere Kenntnisse über die Pflanzen an der Autobahn beruhten fast ausschließlich auf Beobachtungen im Stau“, sagt Corinne Buch. Die Kartierung – an der rund 70 Fachleute von der BSWR, dem Botanischen Verein, der Naturschutzverbände und verschiedener Universitäten teilgenommen haben – legt nun eine wissenschaftliche Basis für lange gehegte Vermutungen. Europaweit – wenn nicht sogar weltweit – einzigartig ist sie allemal.

 

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